Diese Künstler und Veranstalter greifen zu kreativen Mitteln, um die Musikszene am Leben zu erhalten

Unsere Lieblingsclubs mögen ihre Pforten geschlossen haben, aber die Musikszene ist in der Selbstisolation für uns da und war noch nie so online.

von Nick Fulton
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21 April 2020, 4:45am

Während das Coronavirus sich über ganz Amerika verbreitet, haben sich die Einnahmequellen von Millionen Menschen in Luft aufgelöst. Die Unterhaltungsindustrie und das Gastgewerbe sind besonders stark betroffen; in New York werden demnächst eine halbe Million in der Gastronomie und im Dienstleistungssektor Beschäftigte ohne Gehaltsscheck dastehen. SXSW, das finanziell bedeutendste Film-, Technologie- und Musikfestival der Nation, das Jahr für Jahr ungefähr eine halbe Million Besucher nach Austin, Texas, lockt, wurde abgesagt. Nur kurze Zeit später fingen andere Festivals an wie Dominosteine umzufallen. Innerhalb einer Woche war die Mehrheit der Live-Events im Land auf Eis gelegt. Soziale Distanzierung und Quarantäne sind die neue Normalität.

Unzählige Postings auf Instagram legen nahe, dass Kunst in den nächsten paar Monaten florieren wird, dabei ist es aber wichtig anzuerkennen, dass Kunst im Moment ein Privileg ist, das nicht viele sich dauerhaft leisten können. Alle haben ihre eigenen Bedürfnisse; für viele ist es am wichtigsten mit ihren Communities in Kontakt zu bleiben, finanzielle Hilfe zu suchen und die Zeit zu finden, um die gegenwärtige Situation zu verarbeiten. Für andere bedeutet das Leben in Selbstisolation schlicht, dass sie mehr Zeit haben online Kontakte zu knüpfen. Kein Tag geht vorüber, ohne dass irgendwer “live” geht, und langsam aber sicher haben wir genug Inneneinrichtungen gesehen.

Doch auch in Zeiten wie diesen müssen wir die erfindungsreichen Dinge feiern, die Menschen tun, um andere aufzumuntern. Tausende Musiker aus der ganzen Welt haben Livestreams aus ihren Schlafzimmern übertragen und manche Veranstalter zeigen ihr wöchentliches Programm online. Der venezolanische Musikproduzent Arca hat einen Discord-Kanal gestartet, wo Fans sich in einem gemeinsamen Raum mit anderen austauschen können. Das Pop-Duo Magdalena Bay aus Miami hat Fans aufgefordert, Videos von sich einzureichen, worin sie ihren Song “Stop & Go” mitsingen. Sobald sie genug Einreichungen haben, werden sie diese zu einem Musikvideo kombinieren. Die in Brooklyn ansässige Produzentin Caroline Sans (aka Sur Back) hat einen Instagram-Thread, wo Leute Songzeilen beisteuern und zusammen einen Song schreiben können, den Caroline am Ende in einen wirklichen Track verwandeln wird. In Los Angeles hat Colin Caulfield, der Gitarrist von DIIV, die zweite Staffel seiner Instagram-Live-Show Gardening with Colin herausgebracht. Die erste Folge trägt den treffenden Titel “Gärtnern unter Quarantäne”.

Auch einige unserer Lieblingscelebs haben Mittel und Wege gefunden, uns (und sich selbst) zu informieren, zu unterhalten und zu bilden. Letzte Woche veranstalteten Charli XCX und Diplo ein Live-Workout auf Instagram. Miley Cyrus hat ihre eigene DIY-Talkshow mit dem Titel Bright Minded gestartet. Bisher hat sie eine Folge zu Recycling und Wiederverwertung mit Jeremy Scott, ein Make-up-Tutorial mit Hailey Bieber und eine Drag-Anleitung mit Trixie Mattel veröffentlicht—sowie etliche andere Live-Streams von aufschlussreichen Gesprächen mit berühmten Freunden.

Alle diese Initiativen teilen denselben gemeinschaftsbildenden Geist. Große Stars und unabhängige Künstler zu sehen, die anerkennen, dass wir alle im selben Boot sitzen, das war der Lichtblick, den wir letzte Woche dringend nötig hatten: Celebs sind genau wie wir.

Justin Carter, der Besitzer der New Yorker Bar Nowadays, sagt, dass er, als er am 15. schließen und 40 Mitarbeitern kündigen musste, sich vor allem um die Gemeinschaft sorgte, die sie dort aufgebaut hatten. Die Vorstellung Freunde und auf diesen Raum angewiesene Leute zu verlieren war echt niederschmetternd. Am letzten Mittwochabend, unterwegs zu seinem Laden in Ridgewood, Queens, erklärte Carter, was die Bar ihren Stammgästen bedeutet. “Viele sind darauf angewiesen für ihr Einkommen, aber noch mehr brauchen die Bar als einen Ort, wo sie sich sicher fühlen und neue Leute kennenlernen können, um mit ihnen zusammenzuarbeiten oder einfach nur abzuhängen”, erklärt er. “Das ist etwas Besonderes, das bewahrt werden sollte.”

Es war dieses Gefühl, das Carter dazu bewegte, seinen Freund Francois Vaxelaire anzurufen, den Betreiber von The Lot Radio, einer Online-Radiostation in Brooklyn. Zusammen mit einer Gruppe von Helfern haben sie das Nowadays in einen komplett virtuellen Veranstaltungsort verwandelt, mit der Möglichkeit DJ-Sets und Workshops live zu streamen und Spenden via Patreon und Venmo einzusammeln. Wer letzte Woche zwischen 8 Uhr abends und Mitternacht eingeschaltet hat, der wurde mit Live-Sets von Jasmine Infiniti und Gia, DJ Python und Aurora Halal, sowie Carters inzwischen legendärer Mister Sunday Session belohnt. Geplant ist, jeden Abend live zu gehen—noch dazu mit einem beeindruckenden Lineup.

Nicht alle Veranstalter sahen sich imstande, eine derartige Kehrtwendung zu vollziehen, aber alle brauchen Unterstützung. Während die Besitzer von Mood Ring, Heaven or Las Vegas, Birdy’s und dem Bossanova Civic Club via Venmo um Spenden ansuchen, um ihren Mitarbeitern zu helfen, hat das House of Yes ein gofundme eingerichtet. Trans-Pecos und Market Hotel sind ebenfalls dabei, Fundraising-Optionen zu erwägen, und haben in der Zwischenzeit ein Venmo-Konto eingerichtet, um Spenden zu lukrieren. Unsere Lieblingskünstler und nächtlichen Treffpunkte brauchen dringend unsere Hilfe.

Vergangenen Freitag haben Nika Roza Dailova (Zola Jesus), der Musiker Devon Welch (ex-Majical Cloudz) und der Webentwickler Erik Zuuring die Online-Plattform Koir lanciert, wo Musiker alles finden können, was sie benötigen, um unter die Livestreamer zu gehen. “Das ist etwas, was die Musik-Community schon die längste Zeit braucht, aber jetzt wo diese Sache passiert ist und alle ihre Tourneen absagen mussten, ist es umso wichtiger für Musiker ein solches Hilfsmittel beim Erlernen von Livestreaming zu haben”, sagte Danilova gegenüber i-D. “Ich möchte, dass [Koir] ein Ort für Musiker ist, eine Plattform speziell für sie.” Neben Tutorials für Musiker bietet Koir für Fans eine tägliche Übersicht von Live-Events, die im Netz stattfinden.

Eine Gruppe von Musikern, die ihr gesamtes Monatsprogramm im beliebten Musikclub Zebulon in Frogtown in Los Angeles absagen mussten, griff letzte Woche auf eine Methode der alten Schule zurück, um aus akzeptabler sozialer Distanz zu performen. Celia Hollander, Ben Babbitt, Jeremiah Chiu und Booker Stardrum ließen Leute auf einem Autoparkplatz vor einem Supermarkt vorfahren und im Autoradio dieselbe Sendefrequenz einstellen. Die vier performten in einem nahegelegenen LKW und übertrugen das Ganze per FM-Funksender. Die extrem lokale Veranstaltung war darauf ausgelegt, eine Autokino-Erfahrung nachzuahmen.

“Live-Streams und Konzerte auf Instagram Live sind immer eine Option, aber ich wollte eine Alternative finden, wo die Leute auf sichere Weise Raum und Zeit teilen können”, erklärt Hollander in einem Gruppenchat. “Ich mache seit 2017 Auftritte per Autoradio und das hier war eine Idee, die ich schon länger mit mir herumtrage, dann aber wieder verworfen hatte, weil es trotz allem die soziale Isolation verstärkt, die so ein Problem ist in L.A. Aber als die Show [im Zebulon] verschoben wurde, dachte ich, jetzt wäre eine gute Gelegenheit dafür. Die Zeit für meine Idee war gekommen und ich denke, die Leute haben es gut aufgenommen.”

Das erste experimentelle Autokonzert zog an die 100 Menschen an. Nun erwägt das Quartett, ob sie es wiederholen sollen (bleibt dran, um mehr herauszufinden!) und wie das aussehen könnte. “Weil sie Besucher nur die Radioübertragung hören und aus dem Fenster den Van sehen konnten, sind etliche aus ihren Autos ausgestiegen, aber im Allgemeinen kamen die Leute und haben zugehört”, fügt Babbitt hinzu. “Es klingt anders. Eine Übertragung durch das Autoradio klingt ganz anders als ein Instagram-Video, dass du dir auf deinem Telefon reinziehst; die Tonqualität ist besser, obwohl auch Geknister, Leitungsgeräusche und Brummen dabei sind. Außerdem wird das Signal vom Transmitter stark komprimiert. Es hat eine Körnigkeit, die ein anderes Gefühl vermittelt.”

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