Politisch unterm Regenbogen: Der Christopher Street Day ist mehr als nur schrille Kostüme

Zehntausende Menschen demonstrieren am Wochenende für die Rechte der LGBTQIA+ Community

von Julika Reese; Fotos von Spyros Rennt
|
28 Juli 2021, 11:31am

Bunt, schillernd und politisch. Nachdem eine physische Parade im vergangenen Jahr pandemiebedingt ausfallen musste und der CSD größtenteils – und notgedrungen - digital stattfand, konnte nun endlich wieder gemeinsam marschiert und getanzt werden. Friedlich gefeiert wurde unter dem Motto ‚Safe our Community, safe our Pride’ - eine Anspielung darauf, dass wegen der Coronakrise viele queere Einrichtungen um ihre Existenz bangen. Zwar herrschten Maskenpflicht, Abstandsregeln und Alkoholverbot, die Stimmung ließ sich davon allerdings niemand nehmen. Bei bestem Wetter waren am Samstag rund 65.000 Teilnehmer:innen auf den Straßen Berlins unterwegs - deutlich mehr als zuvor erwartet. Nach langer Ödnis im öffentlichen Raum scheint es nun fast unwirklich, plötzlich wieder ausgelassene Menschenmassen zu sehen.

03.JPG
06.JPG

Der Zug wälzte sich vorbei am Brandenburger Tor Richtung Siegessäule und endete in Schöneberg, wo bis in die Nacht weitergefeiert wurde. Im weltoffenen und liberalen Berlin wurde aber auch zornig auf Missstände in anderen Ländern aufmerksam gemacht und derer gedacht, die bei ihrem Engagement für Gleichstellung und Respekt riskieren ausgegrenzt, verfolgt oder inhaftiert zu werden. Denn was in Berlin wie ein bunter Sommerspaß daherkommt, wird anderswo als existenzieller Kampf ausgetragen. Bei dem Protestlauf sah man daher häufig das Gesicht von Viktor Orbán. Ungarns rechtsreaktionärer Ministerpräsident hat erst vor kurzem ein Gesetz veranlasst, das die Darstellung von Beziehungen, die von heterosexuellen Normen abweichen, in Büchern und Filmen unter Jugendschutz stellt. Werbung, in der Homo- und Transsexualität als Teil einer Normalität erscheinen, ist durch diese Gesetzgebung ebenfalls verboten. Stattdessen soll ein traditionelles Familienbild propagiert werden. Autsch!

61.JPG
66.JPG

Der CSD geht auf Ereignisse Ende Juni 1969 in New York zurück: Polizisten stürmten in Manhattan den queeren Club Stonewall Inn in der Christopher Street und lösten einen Aufstand gegen willkürliche Kontrollen und Gewalt an Schwulen, Lesben und trans Menschen aus. Damals waren für Menschen mit sexuellen Beziehungen zum gleichen Geschlecht noch Haftstrafen vorgesehen. Ein Jahr später kamen in New York um die 4000 Menschen zusammen, um an den Aufstand zu erinnern - der Christopher Street Day war ins Leben gerufen und steht seitdem für das Selbstbewusstsein der LGBTQIA+ Community und ihren Widerstand gegen Diskriminierung.

Ein halbes Jahrhundert nach Stonewall hat sich viel verändert, trotzdem scheint eine für alle offene Gesellschaft auch in Deutschland noch immer wie eine Utopie. Es gibt also noch immer Grund genug für mehr Solidarität, Inklusion und für einen selbstbewussten uns stolzen Umgang mit der eigenen sexuellen Identität auf die Straße zu gehen. Bei allem politischen Engagement ist der CSD aber immer auch eine Feier des Lebens, voller pulsierender Energie. Der Fotograf Spyros Rennt ist für uns losgezogen und hat die Eindrücke des Tages eingefangen.

57.JPG
53.JPG
10.JPG
29.JPG
51.JPG
48.JPG
17.JPG
16.JPG
15.JPG
07.JPG
12.JPG
26.JPG
13.JPG
05.JPG
18.JPG
24.JPG
31.JPG
37.JPG
28.JPG
41.JPG
39.JPG
58.JPG
42.JPG
20.JPG
22.JPG
52.JPG
21.JPG
65.JPG
Tagged:
Berlin
LGBTQ
Gay Pride
lgbtqia
Christopher Street Day