Meryl Meisler hat das hedonistische New Yorker Nachtleben der 80er Jahre fotografiert

Vier Jahrzehnte später teilt Meryl ihr schillerndes Bilderarchiv.

von Miss Rosen
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03 Juni 2021, 2:10pm

1975 kam Meryl Meisler im zarten Alter von 23 nach New York, um der legendären Fotografin Lisette Model zu assistieren. Die Stadt erinnerte sie an das epische Gedicht Paradise Lost von John Milton, indem es um den Höllensturz des gefallenen Engels und die Vertreibung aus dem Garten Eden geht.

Wo auch immer sich Meryl aufhielt, erlebte sie Szenen der Ekstase, die sie dazu inspirierten, Tag und Nacht zu fotografieren. In ihrem neuen Buch und der gleichnamigen Ausstellung, “New York PARADISE LOST: Bushwick Era Disco”, zeigt Meryl das hedonistische New Yorker Nachleben der späten 70er Jahre und Bilder aus Bushwick, Brooklyn, in den 80er Jahren. Zu dieser Zeit versuchte sich das Stadtviertel von der Vernachlässigung durch die Regierung zu erholen, die schwarzen Gemeinden wie der in Bushwick, eine finanzielle Unterstützung verweigerte.

Meryl Meisler 1980s New York
GG’s Barnum Room, NY, NY 1978

Die Situation in dem Viertel war außer Kontrolle und manche Vermieter heuerten Brandstifter an, die ihre Gebäude abbrannten, um Versicherungszahlungen zu erhalten, was den Journalisten Howard Cosell dazu veranlasste, während eines Championship Baseballspiels 1977 zu verkünden: „That’s it, meine Damen und Herren, die Bronx brennt". Ganze Häuserblöcke wurden damals in Schutt und Asche gelegt, verlassene Gebäude wurden zum Schutz mit Brettern vernagelt.

Die Stadt war billig, heruntergekommen und gefährlich - zog allerdings auch viele Kreative an. Mit über 450 Millionen Dollar Schulden entwickelte sich New York zu einem kreativen Melting Pot, der Hip Hop, Punk und Disco hervorbrachte.

"Lieber in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen", verkündete der gefallene Engel Satan im Roman Paradise Lost und beschreibt damit ein Gefühl, das gut zum düsteren Vibe des damaligen New Yorks passte. Durch die sexuelle Revolution und die Bürgerrechts-, Frauen- und Lesben- und Schwulenbewegung wurde die Stadt in den kommenden Jahren immer freier und Clubs wie das Studio 54, Copacabana, GG's Barnum Room und Les Mouches boten Nächte voller Ekstase, Fantasie und Dekadenz.

Meryl Meisler 1980s New York
Grace Jones im Treppenhau mit JudiJupiter bei der Opening Night von Farfalle, NY, NY 1978

Als Meryl Teil der Kreativszene wurde, versuchte sie die Ästhetik des ungarisch-französischen Künstlers Brassaï in ihre Arbeit einfließen zu lassen, der in seinen fotografischen Memoiren "Das geheime Paris der 30er Jahre" Einblick in den Underground der französischen Hauptstadt gab. Brassaï zeigte in seinen Bildern die Bordelle und Opiumhöhlen der Stadt und beleuchtete eine Welt, die normalerweise im Verborgenen blieb.

"Ich wusste nicht, wie berühmt einige der Leute waren, die ich fotografierte. Potassa de la Fayette war für mich einfach Potassa. Ich hatte keine Ahnung, dass sie ein bekanntes Model war, das oft mit Salvador Dalí herumhing. Als ich sie nach ihrem Namen fragte, sagte sie mir nur 'Potassa' - und ließ sich dann mit einer dramatischen Geste auf den Boden fallen.”

Meryl Meisler 1980s New York
Five Fashionable Rejects (With JudiJupiter) Studio 54, NY, NY 1978

Meryl arbeitete als freiberufliche Illustratorin für die New York Times und als CETA -Fotografin, um das jüdische New York zu dokumentierten. Um ihr Einkommen aufzubessern, arbeitete sie außerdem als Hostess in Go-Go-Bars wie dem Playmate, Winks und dem Magic Carpet in Midtown Manhattan.

Meryl Meisler 1980s New York
Shirtless Man Wearing Hood and Jeans Bushwick, Brooklyn, NY 1982

Als sich ihre Party-Ära zum Ende neigte, nahm Meryl eine Stelle als Kunstlehrerin an. In der Woche vor Weihnachten 1981, begann sie ihre neue Stelle an der Roland Hayes Intermediate School in Bushwick. Obwohl die Leitung einer Klasse nicht zu ihren Stärken gehörte, wurde Meryl durch ihre künstlerischen Fähigkeiten schnell von allen Schülern respektiert. „Ich habe ihnen Kalligrafie und wie man ein Portrait malt beigebracht und auch ihre Graffitis respektiert und geschätzt“, erinnert sich Meryl. 1987 übernahm sie das Fotografieprogramm, mit dem Schülern geholfen werden sollte, die dabei waren, die Schule abzubrechen.  „Über Nacht bekam ich plötzlich die Möglichkeit, einen Auftrag über 10.000 Dollar zu vergeben und zu bestellen, was ich wollte! Ich war in der Wüste und Manna, der Erlöser, kam vom Himmel.”

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Andy Warhol lächelt mit geschlossenen Augen (Zwischen einem Freund und JudiJupiter) Studio 54, NY, NY 1977

Obwohl sie mit ihren Bildern ein einzigartiges Werk geschaffen hat, betrachtete Meryl ihre Fotografie lange nicht als Kunst. Erst 2014 veränderte sich ihre Einstellung, als sie Begann, die Bilder zu einem Buch zu verarbeiten. Wie es der Zufall wollte, kam Meryl zwei Jahrzehnte nachdem sie Bushwick verlassen hatte, wieder in das Viertel zurück, das sich inzwischen zu einem Zentrum der Kunstszene entwickelt hatte. Inspiriert kehrte Meryl nach Jahren zum ersten Mal in die Dunkelkammer zurück. „Früher habe ich die Energie und die Lebendigkeit in meinen Bildern gar nicht wahrgenommen, aber jetzt sehe ich die Schönheit.”

Meryl Meisler: PARADISE LOST Bushwick Era Disco, die Ausstellungseröffnung ist am 3. Juni, ClampArt, New York und geht bis zum 9. Juli 2021. Das Buch wurde bei Parallel Picture Press veröffentlicht.

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Magnolia Tree Bushwick, Brooklyn, NY 1983
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Anklets and High Heels Hurrah, NY, NY 1978
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Twosome Next to Palm Tree New York New York, NY, NY 1977

Credits


All images Meryl Meisler courtesy of ClampArt

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