Berlin Atonal lädt zu einer Geisterbahn-Tour durch das Kraftwerk ein.

Wir haben mit der Sängerin Lyra Pramuk und dem Visual Artist Marcel Weber (MFO) gesprochen, die dort eines der 20 ortsspezifischen Werke installiert haben.

von Julika Reese
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18 Oktober 2021, 2:07pm

Fast zwei Jahre war es pandemiebedingt still im Kraftwerk, dem brutalistischen Betonbau an der Köpenicker Straße. Doch jetzt ist das Berlin Atonal Festival eingezogen, um den Komplex unter dem Motto Metabolic Rift für einen Monat zu bespielen und dem Publikum so einen multimedialen Streifzug durch das Gebäude zu ermöglichen. Zu sehen sind 20 Werke aus großformatigen audiovisuellen Arbeiten und Installationen, die allesamt speziell für die Räumlichkeiten kreiert wurden. Das Kraftwerk wird so zu einer Art Kunstlabyrinth. Zeit, Raum und Kunst verweben sich zu einem transzendenten Spektakel. “Not a festival, not an exhibition, not a tour, not a performance”, heißt es in der Beschreibung - viel eher erlebt man eine Fusion aus all dem zusammen.

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Zu sehen bekommt man eine radikale Ausstellung voller Widersprüche und teils fast apokalyptischer Inszenierungen, die es sich zum Thema gemacht haben, den unheilbaren Riss zwischen industrieller Gesellschaft und Natur zu erforschen. Zwei Stunden lang schlängelt man sich durch die Dunkelheit, taucht in eine fremde Welt ein, geleitet von Licht und Klängen. Dabei gelangt man auch in Bereiche des ehemaligen Heizkraftwerks, die dem Publikum bislang verschlossen waren. Viele der in Auftrag gegebenen Arbeiten sind Kollaborationen zwischen Künstler:innen aus verschiedenen Disziplinen und Genres, wie die Installation ‚this too will pass’ von Lichtdesigner und Videokünstler Marcel Weber (MFO) und Vokalistin Lyra Pramuk. Wir haben mit beiden gesprochen.

Marcel, wie ist deine Installation als Teil von ‚Metabolic Rift’ entstanden?
Die Idee dazu wurde in Kiev geboren. Ich war dort zu Beginn der Pandemie für drei Monate gestrandet - eine spannende Zeit! In Kiev sind Dinge sichtbar, die in westlichen Städten von fleißigen Händen aus den Augen und aus dem Sinn geschafft werden: Schrott, Abfallberge in Parks, Autowracks. Die Rückstände unserer modernen Gesellschaft, mit ihrem mechanischem Verständnis für Mensch und Natur. Oder auch: Die Schattenseite von Konsum auf Steroiden, von Schein und Schimmer, von Hype und Rausch. Diese Eindrücke flossen in ein Konzept ein, dass ich Berlin-Atonal vorgeschlagen habe und das auf Gegenliebe stieß. Ich denke, es passt auf vielen Ebenen perfekt in die Ausstellung.

Die Installation zeigt flackernde Lichter und zerstörte Autos, deren Soundsysteme noch funktionieren und soll an einen Parkplatz-Rave erinnern. Kannst du uns dazu etwas erzählen?
Die Eindrücke, von denen ich bereits gesprochen habe, verbinden sich zu einer Art Bild aus düsterer Urzeit. Autoskelette - vormalige Statussymbole - liegen dort zersetzt und verwittert. Düstere Vergangenheit. In dieser Landschaft sind aber auch schöne Erinnerungen verborgen. In meiner eigenen Jugend war das Auto eine Möglichkeit enger Heimat und Erwartungen zu entfliehen. Davon zu fahren, hinein in die Nacht, Musik zu entdecken, mit Drogen und Sexualität zu experimentieren und eine eigene Identität zu formen. Rave-Kultur zu leben. Die Verbindung dieser beiden gegensätzlichen Bilder kann eigentlich nur im Surrealen gelingen. Diese Installation ist mir so zuerst in einem Traum erschienen.

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Foto: Helge Mundt
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Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Lyra Pramuk entwickelt?
Lyras Musik war die perfekte Brücke zwischen den beiden dargestellten Bildern. Viele der genannten Elemente spiegeln sich darin wieder, wenn auch sehr abstrakt. Die Zusammenarbeit war sehr entspannt und kreativ, da Lyra auch diverse eigene Erinnerungen beigetragen hat. Ihr erster Eindruck war: It feels like a simulation breaking down.

Wenn du dir einen Ort ansiehst, an dem du eine Performance inszeniert, was geht dann in dir vor? Wie nimmst du einen Raum wahr?
Räume haben eine eigene Qualität und Charakter, im besten Falle unterstützt der die Stimmung oder das Narrativ des Stücks. Ich arbeite mit dem Raum, er wird zum Bühnenbild. Es wird versteckt, was nicht passt, Aufmerksamkeit gelenkt, Illusionen erschaffen, bis die Dinge zusammen kommen.

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Foto: Frankie Casillo
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Besprichst du mit Musikkünstlern, mit denen du arbeitest, vorher emotionale Parameter und wie sich ein Raum anfühlen soll?
Auf jeden Fall. Meist in der Form von Gesprächen über Texte, Bücher, Filme, Performances, Kunstwerke. Sich auf die gleiche Wellenlänge zu tunen ist entscheidend, damit etwas entstehen kann, dass harmonisch und in sich schlüssig ist. Ein stimmiges Gesamtkunstwerk spricht das ganze Orchester der Sinne an.

Lässt du dich von der Natur für deine Arbeit inspirieren?
Ja und ich denke, dass alle das machen. Bewusst oder unbewusst. Unser Erleben, unsere Sinneseindrücke, sogar unsere Sinne selbst, sind organisch, natürlich, entstanden über viele Generationen. Geerbtes, Instinkte und Unterbewusstes reflektieren unsere symbiotische Beziehung zu unserem Lebensraum - genau wie unser ästhetisches Empfinden.
Für meine Arbeit bedeutet das: begeistert aufmerksam beobachten, demütig sein. Bilder, Reize und Ästhetiken aufsaugen und anwenden. Wetterlagen, Tag und Nachtzyklen, Pflanzenwelt, Gesteinsschichten - die Welt ist voller Inspirationen.

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Foto: Joseph Kadow

Lyra, du hast einmal gesagt, dass du Musik aus den Wolken deiner eigenen Stimme kreierst. Kannst du genauer erklären, was du damit meinst?
Es gibt diese allgemeine Vorstellung, dass die Stimme etwas extrem Persönliches ist. Sehr individuell. In den meisten Kontexten würde ich dem natürlich zustimmen. Wenn ich allerdings mit meiner eigene Stimme arbeite, fange ich an, die Aufnahmen eher als eine Art digitales Material zu betrachten, das ich nach meinen Vorstellungen formen kann. Um es bildlich auszudrücken, das Komponieren mit meiner eigenen Stimme, ist für mich wie das Weben eines ätherischen Fadens.

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Foto: Joseph Kadow

Du sprichst oft über die Stärke der Community, die man natürlich auch im Nachtleben erleben kann. Dieses Zusammenkommen ganz unterschiedlicher Charaktere haben wir im letzten Jahr alle schmerzlich vermisst. Wie wichtig ist diese Community für dich?
Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, bedeutet mir unglaublich viel. Für mich ist es wichtig, gleiche Werte zu teilen, aber jedem trotzdem genug Raum zu lassen, um sich individuell entfalten zu können. Ich finde es wunderschön, dass es ganz unterschiedliche Lebensformen gibt und wir nebeneinander existiere können, trotz all unserer Verschiedenheiten. Als Transfrau und als queere Künstlerin möchte ich nie vergessen, wer meinen Weg geebnet hat. Auch Clubs waren für mich schon immer unglaublich wichtig, es sind die Orte, an denen junge Menschen mit ihrer Identität experimentieren können und ganz frei eine eigene Vision von sich entwerfen können. For me, clubs were the beginning of my life.

Was geht in dir vor, wenn du Musik für ein Live-Event kreierst?
Wir Menschen schwelgen viel zu oft in Nostalgie oder bereuen, wenn wir an die Vergangenheit denken - und sind besorgt, wenn wir von der Zukunft sprechen. Alles, was wir wirklich besitzen, ist die Gegenwart. Wie eine brennende Kerze. Es geht darum Momente wirklich wahrnehmen und zu versuchen, aus ihnen heraus Schönheit zu erschaffen.

Du hattest gerade deine ersten Auftritte, seit Beginn der Pandemie. Wie hat sich das angefühlt?
Es war so emotional, endlich wieder zu performen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ich lebe alleine und der Lockdown war ziemlich schwierig für mich. Wieder auf einer Bühne zu stehen war nicht leicht, es waren komplexe Gefühle. Aber so langsam habe ich zu mir zurückgefunden, I’m back in action und sehr dankbar dafür. 

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Foto: Helge Mundt
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