Wie ein Berliner Tonstudio den Sound einer ganzen Generation prägte

Ob David Bowie, Iggy Pop oder Depeche Mode: Sie alle haben in den Hansa Studios ihre legendären Songs produziert. Eine neue Dokumentation enthüllt warum.

von Juule Kay
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18 Januar 2018, 11:06am

Foto: über MCPR

Was haben Bowies Kultalben Low und Heroes mit den beiden Hits "Lust for Life" von Iggy Pop und Depeche Modes "People Are People" gemeinsam? Sie wurden alle in den Hansa Studios aufgenommen, einem sagenumwobenen Berliner Tonstudio, dessen Geschichte nach über 40 Jahren endlich eine eigene Dokumentation gewidmet wurde. In Hansa Studios: By The Wall 1976-90 erzählt Regisseur Mike Christie mit der Hilfe von damaligen Künstlern, Produzenten und Tonmeistern über einen einzigartigen Ort, der auch deutsche Musiklegenden wie Nina Hagen und Einstürzende Neubauten magisch angezogen haben.


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"Es ist die Kombination aus dem Ort, den Leuten und der Stadt", erklärt der britische Regisseur den Charme der Hansa Studios. Mike hat bereits in den 90ern angefangen, in der Musikindustrie zu arbeiten, damals noch als Promoter für Bands wie den Pet Shop Boys und Suede. Mit Hansa Studios: By The Wall 1976-90 ist dem in London lebenden Regisseur gelungen, einen so authentischen und ehrlichen Film zu kreieren, dass er nicht nur eingefleischte Fans von damals, sondern auch die jüngeren Generationen in seinen Bann zieht. Wie Mike das gelungen ist, hat er uns im Interview verraten.

Die Hansa Studios boten vielen Musikikonen wie David Bowie, Iggy Pop und Depeche Mode ein Zuhause. Warum glaubst du, dass Hansa den Sound einer ganzen Generation definiert hat?
Martin Gore von Depeche Mode erzählt im Film, dass sie wegen Bowie von Hansa wussten. Das Ganze war wie ein Schneeball-Effekt: Bands gingen dort hin, weil die Bands, zu denen sie aufblickten, das Gleich taten. Und ich glaube auch, dass Bowie letzten Endes nur durch Zufall dort gelandet ist. Doch er war der Grund, warum ihm viele nach Berlin folgten. Zu dieser Zeit war die Stadt einzigartig – wie eingefroren und halb zerstört. Und Hansa war ein großartiges Studio in einer einzigartigen Stadt mit einer Menge toller Produzenten und viel kreativer Freiheit. Kein Wunder, dass es ein verlockender Ort für Besucher war. Ich glaube auch, dass viele der Platten, über die im Film gesprochen wird, im Grunde von Touristen gemacht wurden.

Hansa Studios: By The Wall 1976-90 ist deine erste Musikdokumentation. Warum hast du dich gerade für Hansa entschieden?
Als wir uns Bowies sagenumwobene Geschichte angesehen haben, sind wir auf Hansa gestoßen und haben uns gefragt, warum sie bis jetzt niemand erzählt hat – dem sind wir auf den Grund gegangen. Dabei ist auch die Rolle von Hansa für die deutsche Musik nicht außer Acht zu lassen. Schließlich waren es nicht nur David Bowie oder Depeche Mode, die Hansa erschaffen haben, sondern auch die deutsche Musikindustrie und die Meisel-Familie. Es ist eine von vielen klassischen Geschichten, die noch nicht erzählt wurden.

Foto: über MCPR

Hast du eine Ahnung, warum das so ist?
Manchmal passiert das eben mit Geschichten, sie kommen erst sehr viel später ans Licht. Hansa hat schon immer etwas sehr Geheimnisvolles umgeben. Das ging sogar soweit, dass Leute einfach an die Tür geklopft haben. Bevor Bowie gestorben ist, gab es sehr viel Interesse, danach gelangte Hansa langsam in den Mainstream.

In der Dokumentation werden viele Geheimnisse weltbekannter Songs gelüftet. Gibt es etwas, dass du erst nach dem Dreh über Hansa erfahren hast, das dir vorher noch nicht bewusst war?
Ich habe jede Menge gelernt, auch wenn ich dachte, die Geschichte zu kennen. Mit ist auf jeden Fall bewusst geworden, warum alles gerade dort passiert ist: Es ist die Kombination aus dem Ort, den Leuten und der Stadt. Außerdem spielte der unglaublich glückliche Zufall eine Rolle, dass all diese Dinge an einem einzigen Ort zusammengelaufen sind.

Was ist dein Eindruck von Berlin und seiner Musikszene im Vergleich zu damals und heute?
Es ist wirklich interessant, mit Einheimischen darüber zu reden und gleichzeitig faszinierend, wie klein die Szene ihrer Meinung nach war. Jeder kannte jeden, jeder hat in mindestens vier Bands gespielt und ist auf die Konzerte der anderen gegangen. Es war eine sehr experimentelle Szene, die sich jedes Mal aufs Neue selbst herausgefordert hat. Heute ist es viel internationaler als damals. Diese Stadt hat immer noch diese Energie, die mittlerweile an vielen anderen Orten auf der Welt verstreut liegt. In einer sehr generischen Welt, hat es Berlin geschafft, dem entgegen zu halten, was in Angesicht des Kapitalismus durchaus schwer fällt.

Der Film zeigt nicht nur exklusive Interviews mit Musiklegenden und Produzenten, sondern kombiniert diese mit Archivmaterial. Warum war es wichtig für dich, Vergangenheit und Gegenwart zu vermischen?
Ein Film über einen bestimmten Ort muss versuchen, diesen auch zu kommunizieren. Im Idealfall sollte der Zuschauer am Ende das Gefühl haben, selbst dort gewesen zu sein. Hansa existiert schließlich noch immer, es ist also nicht nur eine Erinnerung, sondern die Realität. Die Dokumentation sollte sich durch die Elemente aus der Vergangenheit und Gegenwart wie eine Zeitmaschine anfühlen – und hoffentlich tut es das auch.

Foto: über MCPR

Was hat sich für Hansa nach dem Mauerfall verändert?
Es hat seinen Reiz verloren. Zwar haben wichtige deutsche Musiker das Studio immer noch genutzt, aber die Besucher und Touristen waren letzten Endes die Leute, die die Stadt definiert haben. Es war ein inspirierender Ort, weil er so anders war. Es hatte nicht nur mit dem Fall der Mauer zu tun, es gab auch einen bedeutenden Wandel in der Technologie zu dieser Zeit: von analogen Aufnahmen über Sampling ging es in ein komplett digitales Umfeld.

Wenn du Hansa Studios By the Wall 1976-90 einen Soundtrack geben müsstest, welcher wäre das?
"People Are People" von Depeche Mode. Mir ist aufgefallen, dass Bowie Amerika und seiner Musik den Rücken zugekehrt hat, um nach Berlin zu gehen und sich selbst zu finden. Depeche Mode hat nahezu das Gleiche gemacht, nur umgekehrt: Sie sind nach Berlin gegangen und haben einen Sound gefunden, der stark von Berlin inspiriert wurde – und diesen erfolgreich nach Amerika zurückgebracht. Außerdem passt der Song so gut, weil sie mehr von dem Hansa-Gebäude genutzt haben, als jeder andere Song, der jemals dort aufgenommen wurde. Es brauchte drei Studios und sogar das Treppenhaus, um diesen unverwechselbaren Sound zu kreieren.

"Hansa Studios: By The Wall 1976-90" kannst du dir ab sofort bei Sky Arts anschauen.

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