Foto: Ron H

Tauch' ein in die verrückte Welt sexueller Fetische

Das Buch "Deviant Desires: A Tour of the Erotic Edge" gewährt einen Einblick in die Welt sexueller Subkulturen – und bietet obendrein eine Anleitung für Einsteiger.

von Tish Weinstock
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01 Februar 2018, 9:22am

Foto: Ron H

Die amerikanische Anthropologin und Autorin Katharine Gates macht vor allem eines an: die endlose Bandbreite der menschlichen Sexualität und Fantasie. Geweckt wurde ihr Interesse in den 80ern, als sie anfing, Erotikmagazine wie Yankee Clipper (Spezialität: Frauen mit rasierten Köpfen), Splash! (Feeder-Fun) und Equus Eroticus (Pony Play) zu sammeln. "Diese Magazine haben meine Neugier geweckt", sagt Katherine. "Ich habe mich gefragt, was Menschen so geil daran finden, in einem Gummi-Regenmantel in dreckige Pfützen zu springen, oder wie die Ponys ihre Trainer treffen." Die Antworten versammelt sie in ihrem mittlerweile zum Kult gewordenen Buch Deviant Desires: A Tour of the Erotic Edge.


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Es galt schon bei der ersten Veröffentlichung 1999 als bahnbrechend, weil es eine umfassende Übersicht sexueller Subkulturen bot. Von anzüglichen Beschreibungen, expliziten Fotos und verstörenden Charakterstudien bis hin zu wirklich hilfreichen Tipps.

Doch fast zehn Jahre nach Erscheinen hat sich einiges geändert: Die Szenen, die in den späten 90ern noch in den Kinderschuhen steckten, sind größer geworden. Und auch das Internet bietet mittlerweile für jeden erdenklichen Geschmack die passenden Angebote und Gleichgesinnten, die jeweils nur einen Klick entfernt sind. Diese Entwicklung hat aber auch ihre Schattenseiten. Während das Netz gleichzeitig dazu beigetragen hat, dass sich ein stärkeres öffentliches Bewusstsein für die Bandbreite der menschlichen Sexualität entwickelt hat, ging diese Offenheit auch damit einher, dass sich mehr über Fetische lustig gemacht wird. Diesem Kink-Shaming möchte Katherine mit einer aktualisierten Version ihres Bestsellers entgegenwirken und ein für alle Mal mit dem Missverständnis aufräumen, dass Leute mit einem Fetisch gefährlicher seien als andere.

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Warum machen dich Fetische so an?
Egal wie sonderbar oder merkwürdig manche Praktiken für andere wirken: Letztlich zeigen sie doch nur, wie grenzenlos die menschliche Fantasie ist. Ich bin Anthropologin und versuche, über das vermeintlich Exotische universelle Schlüsse zu ziehen.

Was sind die größten Missverständnisse über Fetische?
Viele denken, dass Leute mit einer unkonventionellen Fantasie gefährlicher seien – sich selbst und anderen gegenüber. Oder dass diese Menschen die Grenzen und Einwilligung des Partners nicht respektieren. In Wahrheit sind es aber gerade die ungepassten Communitys, wie die BDSM-Szene, die sich besonders Gedanken um Dinge wie Einwilligung und Grenzen machen.

Mark McQueen

Was hat sich für Deviant Desires über die Jahre verändert?
Die erste Ausgabe galt damals als bahnbrechend, weil es das erste Buch über Fetische wie Pony Play, Sploshing und die Furry-Szene war. Heutzutage kann jeder mit einem Internetanschluss diese Fetische in Sekunden googlen. Die Erstausgabe überzeugt aber nach wie vor durch die Interviews mit den vielen Urgesteinen bestimmter Szenen.

Warum erscheint gerade jetzt eine Neuauflage?
Der Verlag hat mich einen Tag nach der Wahl von Trump zum US-Präsidenten angerufen: Es sei an der Zeit für eine Neuauflage. Die Leute im Verlag hatten das Gefühl, dass wir vor einer neuen Phase sexueller Intoleranz stehen. Sie fürchteten, dass die Grenzen verwischt werden, was Einwilligung und verantwortliches Verhalten im sexuellen Kontext bedeuten. Ich argumentiere in meinem Buch, dass das Kranke nicht die sexuelle Vielfalt ist. Es ist vielmehr die Angst der Leute, die uns davon abhalten wollen, ehrliche, offene und angstfreie Debatten darüber zu führen, was wir sexuell wollen und was nicht.

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Wie haben sich die Stigmata in Bezug auf Fetische im Laufe der Zeit entwickelt?
Durch die Popkultur und das Internet wissen die Leute heute mehr über die ganze Bandbreite menschlicher Sexualität und Fantasien. Diese Aufmerksamkeit hat aber auch zu einer Art Kink-Shaming geführt. So hat in den USA ein Stadtrat seinen Posten abgeben müssen, weil er der Furry-Community angehört. Das ist doch lächerlich. Was hat seine Vorliebe mit seinem Job zu tun? Ich glaube auch, dass die ganze Consent-Debatte Panik ausgelöst hat. Alle Arten von lustvollen Sex-Machtspielen wurden verdammt. Die sexuellen Praktiken sind nie das Problem, es braucht nur klare Kommunikation.

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Wie hat das Internet die Art und Weise verändert, wie wir heute über Erotik denken?
Heutzutage können die Leute leichter Gleichgesinnte finden. Es muss keiner mehr allein durchs Leben gehen und sich fragen, ob er die einzige Person auf der Welt ist, die es geil findet, wenn Luftballons platzen. Vor dem Internet sorgte die Modeindustrie für die wirkmächtigsten Fetisch-Vorstellungen im Mainstream. Die meisten dachten, bei Fetischen geht es nur um die Kleidung. Jetzt hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass alle und alles zum Fetisch werden kann. Dem Verlangen und der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Gerade das Wachstum von Szenen wie Furries und Cosplayer in den letzten 15 Jahren hat bei vielen zu einer neuen Definition von Fetisch gesorgt.

Gibt es einen Fetisch, der dich bei deinen Recherchen besonders überrascht hat?
Mich überrascht nichts mehr! Mein Lieblings-Fetisch ist immer der letzte, von dem ich gehört habe. Vor ein paar Monaten habe ich jemanden getroffen, der anatomisch korrekte Zeichnungen des Zungenmuskels geil findet.

"Deviant Desires: A Tour of the Erotic Edge" von Katherine Gates ist bei Powerhouse Books erschienen und ab sofort erhältlich.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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