sängerin dillon über die dinge, die sie liebt, und hohle selfies

Vor ihrem Auftritt letzten Freitag in der Bar jeder Vernunft haben wir die in Berlin lebende Sängerin zum Gespräch getroffen.

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Feb. 14 2017, 3:25pm

Da steht sie auf der Bühne: Ganz in Schwarz gehüllt, ihr hautenges Kleid schmiegt sich an ihren Körper und eine Maske aus Spitze verdeckt ihr halbes Gesicht. Mystisch sieht sie aus, verletzlich und gleichzeitig sehr stark, während sie ihren wohl bekanntesten Song „Thirteen Thirty-Five" singt. Die Rede ist von Dillon, die das Mikrofon fest umklammernd und ihre Hüften von links nach rechts schwingend für die jährliche Party von Gucci zur Berlinale vor dem Publikum steht. Wir befinden uns in der Bar jeder Vernunft — in dem Theater finden normalerweise Kabaretts und mit dem warmen roten Licht wird man in die Zeit der wilden Zwanziger zurückversetzt. 

Mittlerweile sind seit Dillons Debütalbum The Silence Kills sechs Jahre vergangen, ihre neue Platte ist fast fertig, nur ein Track fehlt noch: „Es ist ein Album voller Lieder über Dinge, die ich liebe. […] Es (wird) einen Song über meine Familie geben und einen über mich. Den muss ich aber noch schreiben, deshalb ist das Album auch noch nicht fertig", erzählt uns die in Berlin lebende Sängerin. Was Selbstliebe mit Älterwerden zu tun hat und wie sie diese finden will, haben wir am Nachmittag vor dieser sehr langen Nacht im Westen Berlins diskutiert. 

Du hast vor einem halben Jahr ein Fototagebuch für uns produziert. Würdest du sagen, dass sich dein kreativer Prozess beim Fotografieren und beim Songschreiben unterscheidet?
Ja, absolut. Wenn ich fotografiere, kaufe ich mir Filme und fotografiere meine Freunde. Das ist etwas komplett anderes als Songs zu schreiben, da es dabei nie um mich geht. Ich porträtiere mein Umfeld und habe darin keinen Platz. Beim Songwriting setze ich mich hingegen nur mit mir selbst auseinander. Es geht vielleicht in meinen Songs um andere Menschen, aber am Ende bin das immer ich. Es ist einfach nicht anstrengend, Fotos zu machen. Wogegen Songwriting wahnsinnig kräftezehrend ist.

Also ist Fotografieren einfach ein Hobby?
Ich habe erst letztes darüber nachgedacht, dass ich mir ein Hobby suchen muss, weil ich keins habe. Fotografie ist absoluter Bestandteil meines Lebens. Zähneputzen ist auch nicht mein Hobby, aber ich mache es jeden Tag. Verstehst du, was ich meine? Ich habe in meinem Koffer ganz viele Kameras, manchmal benutze ich sie, manchmal nicht. Wenn ich etwas sehe und davon ein Foto machen will, fotografiere ich eigentlich nur mit Einwegkameras.

Und wie sieht es mit Handyfotos aus?
Meine Instagram-Selfies kann man nicht sonderlich ernst nehmen. Aber natürlich gibt es Leute, die erschaffen mit dem Handy wahre Kunstwerke, aber meine Fotos sind ein Witz. Ich mache das aus absoluter Langeweile und Eitelkeit, so wie jeder andere eigentlich auch.

Wie unterscheidet sich das Schreiben von längeren Texten und Songtexten?
Ich bin der Meinung, dass es nur soundso viele Bilder gibt, die man machen kann, und soundso viele Wörter, die man schreiben kann und die einem etwas bedeuten und die richtig gut sind. Man muss sich selbst gegenüber selektiv sein und nicht einfach Dinge tun, nur weil man die Möglichkeit dazu hat. Wenn ich an Gedichten arbeite, kann ich so abstrakt sein, wie ich nur will.

Wie verarbeitest du deine Gedanken?
Ich rede viel mit mir selbst, vor allem wenn ich spazieren gehe. Ich nehme das dann auch auf, höre es mir aber danach meistens auch nicht mehr an. Eines dieser Gespräche kommt aber auf das neue Album. Man hört es gar nicht wirklich, nur ich weiß, dass es da ist. Der Song ist ein Liebeslied übers Raven. Ich liebe raven und das Gespräch hat auf einem Rave stattgefunden. Frag mich jetzt nicht wo und wann genau. Ich gehe auch gar nicht so oft aus, aber oft genug, um mir immer und immer wieder bestätigen zu lassen, dass ich es liebe.

Kannst du mir schon mehr über dein neues Album erzählen?
Es ist ein Album voller Songs über Dinge, die ich liebe. Es wird ein Lied übers Schlafen geben, übers Raven, über meine Muse und besten Freund Nils Amadeus Lange, das Internet und das Fliegen. Ich bin zwar ungern im Flugzeug, aber ich mag es, zu wissen, dass man sich auf dem Weg befindet und nicht angekommen ist. Dann wird es einen Song über meine Familie geben und einen über mich. Den muss ich aber noch schreiben, deshalb ist das Album auch noch nicht fertig.

Wie hast du diese Liebe zu dir selbst gefunden?
Das weiß ich noch nicht, deshalb habe ich das Lied auch noch nicht geschrieben.

Aber du weißt, dass diese Liebe für dich selbst da ist? Selbstliebe ist eine Art von Liebe, die nicht besonders viele Leute finden.
Man sagt ja, dass man nur jemanden anderen lieben kann, wenn man sich selbst liebt. Da ich weiß, wie sehr ich andere Menschen und Dinge liebe, muss ich mich selbst lieben. Auch wenn ich an manchen Tagen aufwache und nicht dran glaube, weiß ich einfach, dass es so ist. Ich muss einfach dranbleiben.

Wie viel hat Selbstliebe mit Älterwerden zu tun?
Ich glaube nicht, dass es nur eine Liebe gibt. Ich glaube, dass es verschiedene Lieben für verschiedene Lebensphasen gibt. So ist es auch bei einem selbst: Es gibt bestimmte Zeiten, in denen man sich einfacher lieben kann, weil man gewisse Dinge besser kann und man so besser mich sich selbst klarkommt. Es ist, wenn wir ehrlich sind, auch sehr anstrengend, den ganzen Tag mit sich selbst unterwegs zu sein. Natürlich kennt man sich immer besser je älter man wird, aber auch nur, wenn man sich mit gewissen Dingen auseinandersetzt. Ich kenne 50-Jährige, die genauso wenig Ahnung haben wie Babys. Am wichtigsten ist es, einfach zu reden — mit dir selbst, mit anderen ...

Wie hat sich dein Zugang zu Fotografie im Laufe der Zeit verändert?
Ich hatte eine Zeit, in der ich mein Leben mit Fotos festhalten wollte, aber das ist nicht mehr so. Ich möchte vergessen, aber sobald ein Bild da ist, kann man nicht mehr vergessen. Ich muss vergessen, sonst werde ich verrückt. Ich habe das Gefühl, da es so viele Informationen von allen Seiten gibt, rückt jeder Impuls sofort irgendwohin in dein Hirn und langsam wird der Speicher immer kleiner.

Kann man vergessen lernen?
Nein, ich denke, man kann lernen, zu filtern und abzulegen. Das kann man mit guten und schlechten Dingen machen. Ich versuche, das regelmäßig zu machen, weil ich sonst nur mit Verlustängsten umherlaufen würde.

Du wirst gleich auf der Party von Gucci auftreten. Mich würde deshalb zum Abschluss noch interessieren, welchen Stellenwert Kleidung für dich hat?
Die Kleider, die ich auf der Bühne trage, sind Kunstwerke. Ich bin mir schuldig, mich besonders anzuziehen. Es ist so eine unnatürliche Situation auf der Bühne, also warum nicht noch ein Stück weiter pushen. Die Kleidung entstellt meinen eigentlichen Körper komplett. Man weiß gar nicht, wie mein Körper letztlich aussieht. Mir ging es bei den letzten zwei Alben darum, eine visuelle Ebene aufzubauen, die anders zugänglich ist, als der direkt zugängliche, weibliche Körper. Also der Körper, den ich habe, weil ich zufällig weiblich bin, wenn ich ein Mann wäre, wäre es ein männlicher Körper, was auch OK wäre. 

@Dillon

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos: Sylvie Weber
Dillon trägt einen Anzug aus der Gucci Spring/Summer 2017-Kollektion.