die ungeschriebenen regeln des online-datings

Insta-Stalking, Ghosting und Sex beim ersten Date

von Samira Larouci
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03 Oktober 2016, 6:45am

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Nun da Online-Dating nicht länger geheim gehalten werden muss oder als Tabu-Thema gilt, ist es zu einem ganz normalen Bestandteil unseres Alltags geworden—ob nun wir selbst oder unsere Freunde auf Tinder, Raya oder JSwipe aktiv sind.

Doch der Begriff ‚Online-Dating' hört sich irgendwie schon wieder ganz überholt an; er hat für unsere Generation nicht mehr wirklich seine ursprüngliche Bedeutung. Keiner meiner Bekannten benutzt match.com oder Guardian Soulmates, und die schiere Umittelbarkeit der unterschiedlichen Dating-Apps ist eine ganz andere Geschichte als das traditionelle ‚Online Dating' oder ein Treffen im echten Leben.

Innerhalb weniger Minuten kann man jemand heißes ausfindig machen und noch eben schnell auschecken, ob man ähnliche Interessen und gemeinsame Freunde habt, wo er das letzte Mal betrunken war und wo seine Mutter wohnt.

Es ist irgendwie total unnatürlich, so viele Informationen so schnell herauszufinden. Muss man echt ganze 72 Wochen in seiner Timeline zurückgehen, um herauszufinden, dass er mal den Toaster-Filter benutzt hat? Und ist das auch schon Grund genug, ihn zu ghosten? Würde das im echten Leben passieren, würdet ihr genauso reagieren? Wahrscheinlich nicht. Und genau da liegt das Problem. Die Welt des Online-Datings ist schnelllebig, launisch und extrem oberflächlich. Die Aufregung und Eile, mit der wir Leute kennen lernen, spiegeln das Tempo wieder, in dem wir dann auch wieder weiter ziehen. Und in dem Wirrwarr aus Pheromonen und Dick-Pics vergessen wir schnell die Nettigkeiten und grundlegenden Benimmregeln, die eigentlich dazugehören, wenn man jemanden offline trifft. Es fühlt sich oft wie eine seltsame, extrem sexualisierte Version von Die Sims an, in der man kurz in die Vorstellung einer Person verliebt ist und dann schnell eine neue Person erschafft, um dann einen Augenblick lang von ihr besessen zu sein.

Da der Herbst gerade angefangen hat und keiner von uns während dieser kalten, regnerischen Jahreszeit alleine sein möchte, ist es der perfekte Moment, um ein paar Grundregeln aufzustellen. Ich habe also ein paar Frauen und Männer, Heteros als auch Schwule und Lesben, dazu befragt, wie sie sich wirklich beim Online-Dating verhalten. Das war der allgemeine Konsens.

Profilbilder…
Ist es jetzt nun besser, ein Bild von sich im Bikini hochzuladen? Und sollte man als Mann ein Foto à la the Game (aka MeatPrintPapi) nehmen? Oder soll man aus der Reihe tanzen und so tun, als wäre es einem völlig egal, was die anderen von einem denken? Die meisten Apps sind sowieso schon mit Instagram verlinkt. Ich kenne ein paar Frauen, die sich extra je nachdem, was sie gerade suchen, ‚neu erfinden': wenn sie einen festen Freund suchen, verkneifen sie sich die Posts über den betrunkenen Samstagabend, Arsch-Selfies und Bilder, auf denen man sieht, wie sie rauchen… Wenn sie flachgelegt werden wollen, posten sie hingegen sexy Bilder, die sogenannten „thirst traps", Snapchat-Fotos mit dem Hunde-Filter kommen raus und stattdessen nehmen dezent erotische ‚Mood'-Posts und nächtliche ‚me rn'-Selfies ihren Platz ein. Insgesamt schien es den Männern aber völlig egal zu sein, was gepostet wird und was für ein Profilbild die Frau gerade hat—wenn sie auf einer Dating-App unterwegs sind, sind sie einfach „auf Safari." Mit anderen Worten suchen sie nur nach dieser anfänglichen körperlichen Anziehung.

Die erste Nachricht…
„Direkt nach dem Match. Es gibt so vieles, was ablenkt. Wartet ihr zu lange, gehen die ursprüngliche Überraschung und Energie flöten. Außerdem wirkt ein gesundes Selbstbewusstsein auch anziehend", sagte einer der Männer, die ich befragte. Und Sinn und Zweck dieser App liegen ja gerade in der Unmittelbarkeit. Doch merkwürdigerweise schreiben die meisten Leute ihre Matches nicht einmal an. Es ist, als würden die Leute Fußballkarten sammeln. Selbst wenn euer Mädchen 200 Matches haben sollte, könnt ihr euch sicher sein, dass sie maximal mit 20 davon wirklich geschrieben hat. Es ist egal, wer zuerst schreibt, immerhin leben wir nicht mehr in den 1950ern. Wenn man schon bei einer solchen App angemeldet ist, ist man höchstwahrscheinlich auf der Suche und vielleicht auch ein bisschen notgeil, mindestens aber neugierig. Doch wie auch im echten Leben gilt die Regel: wenn es nicht sofort passiert, kommt auch später höchstwahrscheinlich nichts mehr.

Die Kunst des Insta/fb/Google Stalkens…
Lasst uns eins klarstellen. Jeder stalkt. Das ist eine Tatsache. Die entscheidende Frage ist aber, was ihr davon habt. Außer herauszufinden, welche gemeinsamen Freunde ihr habt und wo die Tante eures Matches ihren letzten Urlaub verbracht hat. Eigentlich sind es doch alles ziemlich unwichtige Infos, die nur von einer wesentlichen Frage ablenken. Mögt ihr die Person, und würdet ihr mit ihr schlafen? Kennt ihr das Meme ‚wenn du schon die letzten 46 Wochen in seiner Timeline überprüft hast und etwas findest, das du nicht sehen willst...'. Und genau deswegen solltet ihr es auch lassen. Manche Dinge will man garnicht wissen oder sollte es dem Schicksal überlassen, ob man es irgendwann erfährt oder nicht. Zumindest sollte man damit warten, bis man die Person tatsächlich mal getroffen hat.  

Ihr findet heraus, dass euer Schwarm mit eurer Freundin flirtet...
Bei all dieser Vernetzung ist ein bisschen Inzest wahrscheinlich unvermeidbar. Die Algorithmen können euch jemand tolles präsentieren, doch ebenso können sie diesen jemand eurer besten Freundin vorschlagen. Und was will man schon tun? Immerhin datet man diese Person ja nicht mal offiziell, es ist also theoretisch keine große Sache. Eine Freundin von mir hatte mehrere Monate lang intensiv mit einem Typen geschrieben, der dann ein Match mit ihrer besten Freundin hatte und sie schließlich ghostete, mit ihrer Freundin aber weiterhin schrieb. Natürlich wird er sie auf Instagram gestalkt haben, er muss also gewusst haben, dass sie befreundet waren. Doch irgendetwas an der Online-Welt lässt solche Situationen witzig und nonchalant erscheinen: man lernt jemanden kennen, der süß aber nicht 100%-ig der Richtige ist, und dann lernt man jemanden kennen, der merkwürdigerweise mit ihm befreundet ist und mit dem ihr euch viel besser versteht. Es passiert und es kann ganz lustig sein—solange nicht ihr derjenige seid, der geghostet wird, versteht sich.

Ab wann folgt man einander auf den Social Media...
Zu viel Social Media machen die Unterhaltung fad. Wenn ihr über Snapchat bereits gesehen habt, was sie den ganzen Tag über gemacht haben, warum solltet ihr ihnen dann noch schreiben und danach fragen? Wenn ihr jemandem auf Instagram folgt und seine Fotos liked, warum solltet ihr dann noch schreiben und so euer Interesse bekunden? Wartet ab, bis der Typ euch zuerst folgt, und lasst dieses Spiel mit den Likes nicht ewig anhalten-sonst droht die Gefahr, dass ihr nur Instagram-Freunde bleibt, statt Freunde mit gewissen Vorzügen zu werden.

Das erste Treffen...
Egal was die Leute sagen, ob er euch nun zum Abendessen oder auf einen Drink ausführt, und egal, ob es 10 Uhr morgens oder abends ist—ihr seid beide aus einem ganz bestimmten Grund da. Die Frage ist, wie oft ihr euch treffen wollt, bis ihr das Endziel erreicht. Die schwulen Befragten sagten tut es, poppt nach dem ersten Treffen, es ist das Ehrlichste, was ihr tun könnt und beide haben ihren Spaß. Bei den Frauen sieht das aber angesichts der Doppelmoral und jahrelanger Verurteilung anders aus. Egal wie emanzipiert sie sind, wenn es um Sex nach dem ersten Date geht sind, sie in einer Zwickmühle. Tatsache ist aber, dass es die Meinung der Männer über Frauen nicht zu beeinflussen scheint. Warum solltet ihr euch also zurückhalten? Wenn sie euch mögen, wird es auch danach noch funktionieren, und wenn sie euch nicht mögen, dann werden sie sich mit dem nächsten Mädchen treffen. So habt ihr zumindest auch euren Spaß. Den Sex zu verschieben ist wie die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Ein Typ kann euch auch drei Monate lang daten und sich erst dann als Arschloch herausstellen.

Der Morgen danach…
Okay, bis jetzt ist alles gut gelaufen, ihr habt euch wochen-/monatelang geschrieben und endlich getroffen und die Nacht zusammen verbracht. Es war genau so, wie ihr es euch vorgestellt habt. Fantastisch! Und nun? Tja, das ist die Grauzone. Manche Typen stehen auf, machen euch Frühstück, laden euch auf einen frisch gepressten Saft ein (oder auf die Pille danach, je nachdem, wie wild eure Nacht war), spielen das alte „ich rufe dich dann später an" ab und verschwinden und lassen nie wieder was von sich hören. Ihr könnt ihr Verhalten nicht beeinflussen oder vorhersehen. Egal ob ihr euch online oder offline getroffen habt, es ist immer die selbe Geschichte. Und es gibt keine Regel. Doch komischerweise meinten die Männer, mit denen ich gesprochen habe, dass es die Frauen gewesen seien, die dafür gesorgt hätten, dass sich die Situation merkwürdig anfühlte. Was die Männer wiederum dazu brachte, anzunehmen, dass beide nur Sex gewollt haben. Wo wir wieder bei der Doppelmoral wären—wenn eine Frau sagt ‚lass uns bald wieder treffen', gehen beim Mann sofort die Alarmlichter an, weil er denkt, die Frau sei zu anhänglich und wolle ihn in eine feste Beziehung drängen (was nur mal so nebenbei gesagt meistens überhaupt nicht der Fall ist). Schwule Männer haben damit kein Problem: insgesamt klären sie direkt nach der ersten Nacht, ob sie sich weiterhin zum Sex treffen wollen und ob sie twas Festes wollen oder nicht.

Vielleicht ist das Fazit aus alledem also eigentlich ganz einfach: ehrlich sein. Macht klar, was ihr wollt und verringert damit die Wahrscheinlichkeit, auf lange Sicht verletzt zu werden oder jemanden zu verletzen. Spielt keine Spiele und poppt nicht mit den Freunden eurer Matches, und wenn ihr an jemandem kein Interesse habt—sagt es ihm/ihr—denn jeder Mensch ist weit mehr, als nur ein Profilbild.

Credits


Text: Samira Larouci
Fotos: Freya Esders

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