in der unbeständigen modebranche möchte louise friedlaender eine neue vertrauensbasis schaffen

Louise Friedlaender hat nichts dem Zufall überlassen. Während unseres Atelierbesuches haben wir mit ihr über die Abgrenzung von Design und persönlichem Stil und generationsübergreifende Mode gesprochen.

von Zsuzsanna Toth
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09 Februar 2016, 12:10pm

Wenn es um den Werdegang von Künstlern und Designern geht, wird nicht selten mit dem Begriff „modernes Märchen" hantiert. Gemeint ist damit eine unvorhersehbare Fügung an Zufällen, die zum vermeintlichen Erfolg geführt haben. Im Fall von Louise Friedlaender kann man sich diese Matapher sparen. Die gebürtige Kölnerin hat ihr Ziel von Anfang an konsequent verfolgt und eben nichts dem Zufall überlassen. Nach ihrer Ausbildung bei einer Schneiderin und der Kunsthochschule Esmod gründete sie 2013 ihr eigenes Label. Seitdem hat sie mit unaufgeregter Raffinesse für viele Reaktionen gesorgt. Mit ihren Kollektionen grenzt sie sich von der oft zu lauten, kurzlebigen Branche in Berlin ab. Mit Fokus auf Material und experimentellen Farbpaletten liegt sie stets am Puls der Zeit und ihrer Zielgruppe, die eigentlich keine ist.

Wir trafen sie in ihrem neu bezogenen Atelier in Berlin-Zehlendorf, um mit ihr über ihre aktuelle Kollektion, die Abgrenzung von Design und persönlichem Stil und generationsübergreifende Mode zu sprechen. 

Kannst du dich an einen bestimmten Schlüsselmoment erinnern, in dem du den Entschluss gefasst hast, Modedesignerin zu werden?
Es war weniger ein konkreter Entschluss als eine logische Konsequenz der Einflüsse um mich herum. Meine Mutter ist Goldschmiedin und auch mein Vater, meine Tanten und mein Großvater sind Kreative. Mode war bei uns zu Hause immer ein Thema. Es ist zwar nicht so, dass ich mein Zimmer mit Bildern aus Modemagazinen zugepflastert habe, sie war eher ein natürlicher Bestandteil. Ach ja und meine Großmutter hatte einen wunderbaren Stil, sie war sicherlich auch richtungsweisend.

Hier geht es zu Louises aktueller Kollektion.

Wie ist dein aktuelles Umfeld hier in Berlin?
Ich habe enge Freunde, die auch Designer sind, Bobby Kolade zum Beispiel, mit dem ich auch schon zusammengearbeitet habe. Konstantin und Laura von Case Studies gehören auch dazu. Ich begebe mich aber nicht zwangsläufig in die hiesige Modeszene und schaue nur wenig nach links und rechts, um zu beobachten, was alle gerade so machen

Spielt Deutschland eine Rolle in deinem Designprozess?
Wenn es um meine Kunden geht, denke ich natürlich international. Ich möchte ja nicht, dass meine Mode nur in Berlin relevant ist. Was meine Inspirationen angeht, kommt sehr viel aus Deutschland, ja. Und ich arbeite in dem Sinne deutsch, dass mir bewusst ist, was wir hierzulande können: qualitativ extrem anspruchsvoll zu sein. Das muss und will ich nutzen.

An welche Frau denkst du beim Entwickeln deiner Kollektionen?
An alterslose Frauen, da gibt es kein konkretes Profil. Die Bekleidung, die ich entwerfe, ist modern und orientiert sich an aktuellen Tendenzen, gleichzeitig soll sie aber auch generationsübergreifend funktionieren. Die schönste Vorstellung ist für mich, dass eine Frau ein Kollektionsteil kauft und es später an die Tochter oder sogar Enkeltochter weitergeben wird. So wie es in meiner Familie der Fall war. Es passiert auch immer häufiger, dass Frauen meine Mode mögen und tragen, von denen ich es am wenigsten erwartet hätte. Wenn mir das gelingt, gerade mit einem etwas auffälligerem Teil, finde ich das sehr schön und inspirierend.

Du hast mal gesagt, deine Mode sei kompliziert. Keine, die sich einfach überwerfen und kombinieren lässt …
Ich glaube, dass diese Aussage von vielen falsch verstanden wurde. Ich denke schon, dass man meine Mode gut kombinieren kann, sehr gut sogar, aber man kauft sie nur, wenn man sich genau bewusst ist, was man damit hat. 

Deine Kollektion „As Tears Go By" hat eine etwas in den Hintergrund gedrängte Lust auf Schönheitin einem ganz klassischen Sinnneu entfacht. In den vergangenen Jahren war Schönheit im klassischen Sinne ja etwas verpönt.
Das stimmt allerdings. Bei Kollektionen und Schnitten gingen die Tendenzen zuletzt vermehrt weg von figurbetonten, weiblichen Silhouetten und es wurde viel Fokus auf das Technische und Funktionale gelegt—oder zumindest diese Ästhetik.

Schön wurde oft gleichgestellt mit schwach …
… und wenn man offen gezeigt hat, dass man sich gerne hübsch macht, elegant anzieht, hatte man das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Wie definierst du denn diese Eleganz?
Die Frage nach der Bedeutung von Eleganz kann man gleichsetzen mit der Frage, was eine Frau in dreißig Jahren tragen wird. Bestimmt keine Tattoo-Kette. 

Du erwähnst immer wieder deinen hohen Qualitätsanspruch. Wo produzierst du deine Kollektionen?
Ich arbeite hauptsächlich mit italienischen, französischen und englischen Stoffhändlern zusammen, die Produktion findet dann hauptsächlich in Deutschland statt. Ich habe auch schon in Peru Strick herstellen lassen, bin dann aber auch selbst hingefahren und habe mir die Produktionsstätte genau angesehen.

Es gibt viele Designer, bei denen man das Gefühl hat, sie entwerfen, um sich selbst einzukleiden. Bei einigen ist es genau umgekehrt. Grenzt du dich persönlich von deinen Entwürfen ab?
Man geht immer von seinem eigenen Stil aus, davon kann man sich nicht wirklich frei machen. Es macht aber Spaß und ist eine gute Herausforderung, sich nicht selbst einkleiden zu wollen, sondern auf die Idee von Frauen einzugehen, die den eigenen Stil zwar verstehen, aber vielleicht in einer ganz anderen Form ausleben und transportieren möchten.

Tränen und ihre Formen sind ein wichtiges Thema deiner aktuellen Kollektion. Gibt es dazu eine bestimmte Geschichte?
Ich bin von dem emotionalem Zustand ausgegangen, in dem Tränen entstehen und fließen. Aber eben danach auch wieder trocknen und vergehen. Diesen Zustand habe ich dann als Element in der Kollektion verarbeitet…

… welche auch das Thema Patchwork aufgreift. Woher kam der Antrieb, diese Technik zu benutzen?
Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass ihre zwei Schwestern und sie als kleine Kinder quasi in ihren Jeans gelebt haben—dementsprechend sahen diese dann auch aus. Meine Großmutter hatte ihnen dann regelmäßig Patches auf die Risse und Löcher genäht und am Ende waren diese Hosen keine Jeans mehr, sondern Lederhosen, die total toll aussahen. Als sie mir diese Geschichte erzählt hat, habe ich große Lust bekommen, die Technik und Idee aufzugreifen.

Was trägst du denn persönlich am allerliebsten?
Ich habe tatsächlich sehr viele Teile der besagten Großmutter. Dann habe ich eine Bally-Handtasche aus zweiter Hand, die ich eigentlich nie ablege. Und eine Jacke aus meiner vorletzten Kollektion, die ich eigentlich nur mal eingesteckt habe zum Überziehen. Lustigerweise hätte ich auch bei diesem Stück, das ich sogar selbst entworfen habe, nie gedacht, dass es eines meiner persönlichen Lieblingsteile wird.

Was sind deine Ziele, mal abgesehen natürlich vom wachsenden Erfolg für dein Label?
Ich habe ehrlich gesagt gar keinen Drang, dass es ganz schnell ganz erfolgreich werden muss. Meine Mode soll lieber beständig—wenn auch langsam—wachsen und gedeihen. Ich möchte, dass meine Kundinnen eine gewisse Art Vertrauen zu ihr aufbauen. 

louisefriedlaender.com

Credits


Text: Zsuzsanna Toth
Fotos: Robbie Lawrence

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