der einfluss der muslima auf die mode

Frauen nach gewohnter Manier das eurozentristische Konzept von Freiheit und Emanzipation aufdrücken zu wollen, ist eine veraltete Denkweise, die mehr Unterdrückung schafft, als sie abbaut. Nach dem Launch der ersten Hijab-Kollektionen von Dolce&Gabanna...

von Barbara Russ
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13 April 2016, 8:40am

Dolce & Gabbana

Muslimische Kunden, insbesondere aus den reichen Golfstaaten, machen schon seit geraumer Zeit einen nicht geringen Teil des Umsatzes im Modebusiness aus. Man sieht sie, die Frauen ganz in schwarz gehüllt, die Männer oft westlich gekleidet, auf den Luxusboulevards von Düsseldorf, München und Wien mit Einkaufstaschen von Prada, Dior und Gucci in der Hand. Aber wie verändert die muslimische Klientel den Luxusmarkt und wer entscheidet, was weibliche Freiheit im Kontext von Kleidung wirklich ist?

Dass die Zukunft des Luxusmarktes zu einem beträchtlichen Teil von der arabischen Käuferschaft abhängt, wissen die Marken natürlich schon seit geraumer Zeit, doch das öffentliche Bekenntnis zur Muslima ist neu. Dieses Statement kommt zu einer Zeit, die schwieriger für muslimische Menschen kaum sein könnte. Bei den Muslimen bringt es Sympathien, bei den westlichen Medien Schlagzeilen. Wer sich nun fragt, wie Frauen, die komplett in Einheitsschwarz gekleidet sind, gute Kundinnen sein können, dem sei hier Erklärung gegeben: Unter den langen schwarzen Abayas tragen jene arabischen Frauen, die es sich leisten können, gerne teure Designer. Und auch darüber. Die Luxustasche über der Schulter, die Sonnenbrille auf der Nase und die Schuhe, die beim Laufen darunter hervorblitzen, dienen als Statussymbole, die auch zur Abaya einfach kombinierbar sind.

Die muslimische Bevölkerung ist weltweit auf Wachstumskurs. In den nächsten zwanzig Jahren soll ihre Zahl laut Pew Research Center um 35 Prozent steigen und bis zum Jahr 2030 auf 2,2 Milliarden Menschen anwachsen. Damit wächst sie schneller als die nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen und würde 2030 gute 26 Prozent Prozent der projektierten Weltbevölkerung ausmachen. Bereits jetzt geben muslimische Kunden laut laut Global Islamic Economic Report etwa 203 Milliarden Dollar pro Jahr für Kleidung aus, 2019 sollen es 327 Milliarden Dollar sein—so viel wie die Märkte Großbritannien, Deutschland und Indien zusammen. Eine gute Zeit also, um auf diesen Wachstumsmarkt zu setzen, insbesondere, wenn man zusätzlich den niedrigen Altersdurchschnitt dieser Gruppe in Betracht zieht.

Die erste Kopftuch-Kollektion von Dolce & Gabbana 

Dolce & Gabbana ging Anfang des Jahres medienwirksam voran und lancierte die erste Kollektion von Hijabs, also Kopftücher, und Abayas, meist schwarze, mantelartige Übergewänder, die in Saudi-Arabien für Frauen sogar gesetzlich vorgeschrieben sind. Die italienischen Designer, die üblicherweise ein eher sexuell aufgeladenes Frauenbild à la Sophia Loren und Monica Bellucci propagieren, haben sich also in einer Zeit, in der anti-muslimische Ressentiments vielerorts à-la-mode sind, für ein Statement in Sachen Toleranz—ganz sicher aber auch pro Umsatzwachstum—entschieden. Auch andere Marken springen auf den Wagen auf: Uniqlo kooperierte kürzlich mit Bloggerin Hana Tajima, die für den Retailer eine Modest-wear-Kollektion kreierte; Marks & Spencer brachte eine sittsame Bademodenkollektion auf den Markt, H&M buchte Hijabi-Model Mariah Idrissis für ein Kampagnenvideo und Anlassmode für den Fastenmonat Ramadan ist bei Fashionbrands wie DKNY, Tommy Hilfiger und Oscar de La Renta bereits seit Langem Teil des Sortiments. 

Uniqlo-Kampagne in Kollaboration mit der britischen Designerin Hana Tajiima

Natürlich müssen sich jene Brands, die gezielt auf den Markt der religiös gekleideten Musliminnen abzielen, auch der Kritik stellen. Vom anderen Lager gibt es Vorwürfe, sich der kulturellen Aneignung schuldig zu machen und die Kultur einer Minderheit auszubeuten, sie zu profanisieren und sie ihrer religiösen Bedeutung zu berauben. Von einem Lager wird ihnen vorgeworfen, eine frauenverachtende Mentalität zu propagieren, und den Profit über demokratische Ideale zu stellen.

Eine solche Stimme ist Pierre Bergé, Lebens- und Geschäftspartner von Yves Saint Laurent, der kürzlich in einem Interview mit Europe 1 Radio harsche Worte für die Modehäuser, die sich auf die muslimische Kundin einstellen, fand: „Ich finde das skandalös. Ich habe fast vierzig Jahre mit Yves Saint Laurent gearbeitet und immer geglaubt, dass ein Modedesigner dazu da ist, Frauen schön zu machen und ihnen Freiheit zu ermöglichen—nicht, sich mit einer Zwangsdiktatur zu verbrüdern; mit dieser verabscheuungswürdigen Art, Frauen zu verstecken."

Als Pierre Bergé zusammen mit Saint Laurent die Modewelt revolutionierte, halfen sie mit, westliche Frauen aus den Fesseln des Patriarchats zu befreien—in den Sechzigern mussten Frauen in Frankreich ihren Ehemann noch um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten gehen wollten. Die Frauenbewegung der 60er und 70er, die bildgewaltig ihre BHs verbrannte, fand im Kopftuch das perfekte Symbol weiblicher Unterdrückung.

Ganz so einfach wie damals ist es aber nicht mehr. Es gibt so viele Gründe Kopftuch zu tragen, wie Frauen, die es tun. Das Schwarz-Weiß-Denken von damals ist abgelöst worden von einer Vielfalt an Stimmen, die ihre Erfahrungen mit Unterdrückung und verschiedenen Wertesystemen lautstark und selbstbewusst kommunizieren. Diesen Frauen nach gewohnt kolonialer Manier das eurozentristische Konzept von Freiheit und Emanzipation aufdrücken zu wollen, ist eine veraltete Denke, die mehr Unterdrückung schafft, als sie abbaut.

Selbstverständlich hat weder Herr Bergé noch irgendein anderer Mann oder Frau das Recht, für andere darüber zu entscheiden, was als schön zu verstehen ist, oder zu diktieren, wer frei ist und wer nicht—für die eine Frau mag es Freiheit sein, das Kopftuch abzulegen, für die andere, dies eben nicht tun zu müssen und sich so dem männlichen Blick zu entziehen, um die Hoheit über ihren Körper gewinnen. Wichtig ist es, eine Kultur zu schaffen, in der jede Frau für sich und wirklich nur für sich ihre eigenen Entscheidungen treffen kann. Dazu gehört auch, ihr eine echte Wahl zu bieten—und sei es nur an modischen Optionen.  

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Credits


Text: Barbara Russ
Fotos: Dolce & Gabbana via Style.com, Uniqlo 

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