warum zynismus dann doch die antwort auf vieles ist

Erinnerst du dich an deinen Sommer 2008? Kram’ die alten Fotos raus und lade deine besten Freunde ein – Metronomy liefern dir mit ihrem neuen Album den Soundtrack dazu. Wir haben mit Joe Mount, Gründer der Band, über falsche Freundschaften und ehrliche...

|
Juni 9 2016, 1:25pm

Im Sommer 2008 wird Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt, in China gehen die Olympischen Spiele zu Ende und in Europa, genauer gesagt in Großbritannien, hat eine Band das gute Gefühl, bald die Welt zu erobern. Jetzt, acht Jahre später, bringt Metronomy eine Hommage an genau diese Zeit heraus: Summer 08 heißt das neue Album, das am 01. Juli erscheint. Wir haben Gründer Joe Mount zum Interview getroffen und uns erklären lassen, was die größten Herausforderungen beim Erwachsenwerden sind und warum man als Musiker eine Hassliebe für das Tourleben empfindet. 

Das neues Album heißt Summer 08: Was fällt dir ein, wenn du an deinen Sommer im Jahr 2008 denkst?
Es war der Sommer, in dem wir angefangen haben, als Band zu touren, das war kurz nachdem wir Nights Out veröffentlicht hatten. Und gefühlt bin ich seitdem auf Tour. Der Sommer 2008 war verrückt, wir haben so viel gemacht und erlebt damals, aber ich kann mich längst nicht mehr an alles erinnern [Lacht]. Wir sind nach Australien und Neuseeland geflogen, das weiß ich noch. Weil alle nach der Schule damals dorthin sind, um zu reisen und die Zeit ihres Lebens zu haben, und ich weiß, dass ich damals dachte: Ich flieg nicht mit, ich mache Musik und irgendwann werde ich als Musiker dorthin fliegen. Und da stand ich also nun, im Sommer 2008. Wir sind viel gereist in dieser Zeit und wir waren immerzu ganz berauscht von dem anhaltenden Gefühl, dass es jetzt richtig losgeht; dass wir jetzt richtig durchstarten werden.

Wie alt warst du damals?
2008 … war … ich 25, ja.

Also noch recht jung. Was denkst du, was ist die größte Herausforderung beim Erwachsenwerden?
Ich glaube, ich kann mich wirklich glücklich schätzen mit vielen Dingen, die in meinem Leben passiert sind. Ich hab eine wahnsinnig tolle Frau gefunden. Wir haben jetzt zwei Kinder. Wenn du Musik machst und die meiste Zeit unterwegs bist, ist die größte Herausforderung, eine gute Basis zu schaffen, einen Ort, wo du immer wieder hin zurückkehren kannst und weißt, dass sich das richtig anfühlt.
Vor ein paar Jahren, bin ich von einer langen Tour nach Hause gekommen und viele meiner Freunde, von denen ich dachte, dass sie ihr Leben zusammen verbringen würden, hatten sich in der Zwischenzeit getrennt. Ich saß eines Abends da und dachte: Was mache ich, wenn mir das passiert? Was mache ich, wenn die Person, die mich immer auffängt, plötzlich nicht mehr da ist? Ich glaube, dass man sich mit solchen Fragen mehr beschäftigt, wenn man älter wird. Da sind sie dann plötzlich ganz greifbar, die Erwachsenen-Probleme.

Und weil wir gerade schon beim Stichwort Erwachsen sind: Der erste, veröffentlichte Track des Albums heißt „Old Skool", was verbindest du mit diesem Wort?
Natürlich Old-Skool-HipHop! Run-DMC, glänzende Adidas-Trainingsanzüge—all das! Aber heutzutage kann ja alles irgendwie Oldschool sein, oder? Wenn du etwas trägst, was man auch schon in den 90ern getragen hat, heißt es gleich: „Uhhh, wie Old School".

Ich habe die Lyrics gelesen und mir das Video angeschaut—es geht ums Leben, ums Geld verdienen, um Freundschaften, um schicke Cocktailpartys. Aber man bekommt schnell den Eindruck, dass vieles davon nicht echt ist, stimmt das? Und ist das etwas, womit auch du lernen musstest umzugehen, als du berühmt geworden bist?
Auf eine Art, ja. Als ich in London gelebt und mich nur in dieser Musikblase bewegt habe, gab es viele Menschen, die ich zwar mochte und respektiert habe, aber das waren keine Freunde. Viele von ihnen waren wahrscheinlich auch nur nett, weil sie etwas von mir wollten. Aber hey, ich habe das auch so gemacht. Und ich schätze, so läuft es nunmal auch irgendwie. Das Video ist sehr zynisch gemeint. Ich bin gerne zynisch.

Du hast den Track zusammen mit Mixmaster Mike von den Beastie Boys aufgenommen. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?
Ich würde eher sagen, dass es eine Remote Collaboration war. Der Song war schon fertig, aber ich hatte das Gefühl, da fehlt etwas. Als Teenager wollte ich unbedingt Scratch-DJ werden, und einer meiner Idole war eben Mike D. Deswegen war er auch sofort meine erste Wahl. Das Gefühl, wenn jemand, den du immer für seine Musik bewundert hast, plötzlich deine Musik gut findet, ist unbeschreiblich. Vor allem, weil ich eigentlich damit gerechnet habe, dass er absagt. Aber es kam dann eins zum anderen und somit ist wenigstens eine meiner Teenager-Fantasien wahr geworden [Lacht].

Habt ihr euch schon persönlich kennengelernt?
Nein, leider noch nicht. Aber bald, ganz bald!

Du bist vor einigen Jahren von London nach Paris gezogen. Worin unterscheiden sich die beiden Städte, auch aus musikalischer Sicht?
Wenn ich zurückschaue, hatte ich in London immer das Gefühl, ich müsste mithalten. Leute treffen, Musik machen, andere Leute treffen, mehr Musik machen. Alles war so schnell und ich ständig unter Strom. Ich habe London nicht verlassen, weil ich es gehasst habe, sondern wegen meiner Frau. Aber als ich in Paris angekommen bin, habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie gut es tut, wenn man frei ist, wenn man sich nicht mehr so viele Gedanken machen muss. Jeder von uns hat das Gefühl, dass das eigene Land das Zentrum der Welt ist, wenn er auf eine Weltkarte schaut, da bin ich mir sicher. Es tut gut, die Perspektive zu ändern, glaub mir.

Nach Love Letters ist Summer 08 das zweite Album, das in Paris entstanden ist. Hat sich viel geändert?
Die beiden Alben unterscheiden sich akustisch. Aber wenn man mich fragt, hätte auch jeder Track von Love Letters auf dem neuen Album sein können. „Miami Logic" ist ein Song auf dem neuen Album, aber eigentlich sollte er schon auf dem letzten erscheinen, das hört man auch—oder nur ich? Ich glaube, ich habe mich nicht verändert, nur die Art und Weise, wie ich das Album aufgenommen habe, hat sich verändert.

Es gibt diesen Track „Love's Not an Obstacle" auf dem neuen Album … Was ist Liebe denn dann?
In dem Song geht es um Menschen, die ich kennengelernt habe, die mit jedem und jeder ins Bett gegangen sind, und Beziehungen immer wieder verachtend weggeworfen haben. Du musst niemanden lieben, um mit ihm zu schlafen, das ist doch das, was wir uns alle sagen, oder? Der Song klingt erst mal romantisch, ist er aber nicht.

Also bist du wieder zynisch?
[Lacht] Ich fürchte schon, ja. 

Du hast dich dazu entschieden, mit diesem Album nicht auf Tour zu gehen. Gibt es etwas, dass du jetzt schon vermisst?
Ja! Mir war absolut nicht klar, dass das so schnell passieren würde. Jeder Musiker, den ich kenne, empfindet eine Hassliebe für das Tourleben. Was wir am Touren lieben, ist der Moment, wenn du direktes Feedback von deinem Publikum, deinen Fans bekommst. Du schaust in ihre Gesichter und siehst, wie glücklich du sie mit deiner Musik machst. Unterwegs zu sein, den ganzen Sommer über, verschiedene Städte und Festivals zu besuchen, ist der Wahnsinn und macht Spaß … Aber… du siehst deine Familie nicht mehr, vermisst deine bessere Hälfte und verpasst, wenn deine Kinder neue Wörter oder Schritte lernen. Du vergisst und verpasst Geburtstage deiner besten Freunde und bist ständig müde und erschöpft. Trotz alledem überwiegen aber die schönen Erinnerungen an die Touren, die ich hinter mir habe. Ich weiß schon jetzt, dass ich gerne sehen würde, wie den Fans das neue Album gefällt. Ich würde gerne in ihren Gesichtern sehen, ob ich sie wieder glücklich machen kann. Ich merke schon, ich halte das nicht lange durch. Also, vielleicht sehen wir uns nächstes Jahr? 

Credits


Text: Lisa Leinen
Fotos: Tereza Mundilová