bilden plus-size-models überhaupt die wirklichkeit ab?

Nachdem Größe-44-Model Naomi Shimada gestand, dass Übergrößen-Models standardmäßig Polster tragen müssen, sollten wir unser blindes Vertrauen in die Plus-Size-Community überdenken?

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Okt. 23 2015, 9:45am

Die bisherige Sichtweise ist folgende: Viele „Standard"-Models - Größe 34 und 36 - repräsentieren keine echten Frauen, weil sie ihr Gewicht unnatürlich gering halten müssen und sogar in der Postproduktion nachbearbeitet werden, um noch dünner auszusehen. Plus-Size-Models - Größe 40 und darüber - hingegen stünden für die Körper von echten Frauen und würden eher der durchschnittlichen Konfektionsgröße 44 deutscher Frauen entsprechen.

Das ist eine verfängliche Sichtweise, die von führenden Vertreterinnen der internationalen Emanzipations- und Body-Positive-Bewegung gerne gepflegt wird, aber das Größe-44-Model Naomi Shimada bringt diese Sichtweise ins Wanken. Sie hat über einen kaum bekannten, dafür aber allgegenwärtigen Aspekt des „Plus-Size"-Modelns erzählt: Polster.

„Als ich nach New York gezogen bin", sagt sie dem Guardian, „sagte mir die Agentur gleich als erstes, dass ich mir ein Polsterset kaufen soll - Hüftpolster, Gesäßpolster, Bauchpolster, einfach für alles. Wie sich herausstellte, besitzen die meisten Plus-Size-Models so ein Set. Bei jedem Auftrag wird man gebeten, das Set mitzubringen. Ich habe sogar von Mädchen gehört, die Fatsuits haben. Damit sehen die Proportionen besser aus, man wirkt dicker oder sie sind einfach dazu da, damit sie aus dir eine bestimmte Art von Plus-Size machen können, die sie an dem Tag von dir brauchen."

Sind künstliche Fettschichten echter als durch Photoshop nachbearbeitete Körper? „Durch die Polster kann mehr Aufträge erhalten, weil du dadurch jede Größe bieten kannst, die sie brauchen", erklärt Naomi Shimada. „Das brachte mich ins Grübeln: Was ist echt? Sogar in dem Teil der Modewelt, der Vielfalt feiern sollte, sind unsere Körper nicht ganz richtig. Niemand zelebriert den Durchschnitt", sagt sie weiter und wiederholt damit die Worte von Modelkollegin Natasha Culzac, die zu i-D sagte: „Größe 40 ist wie ein Niemandsland in der Modelbranche " - zu dick, um Standard zu sein, und zu dünn, um Plus zu sein.

„Ich steckte mit den Polstern in einem echten moralischen Dilemma. Eines der Vorteile, ein Plus-Size-Model zu sein, ist doch, dass ich meinen Körper nicht verändern muss. Wir sind doch diejenigen, die „die Schönheitsideale neu definieren", oder etwa nicht?", sagt Naomi Shimada. „Ich habe oft die richtige Größe für Aufträge, aber das liegt daran, dass ich dünn im Vergleich zu den Kundinnen ausschaue. Ich habe für Marken gearbeitet, deren Linien meistens ab Größe 48 anfingen."

Sie wünscht sich mehr Vielfalt in der Modelbranche: „Als Frau mit Größe 44 - und als Model - möchte ich in einer Welt leben, in der Models jeder Größe für alle Marken gebucht werden", sagt sie. „Als ich groß geworden bin, hatte ich das Gefühl, dass die Modewelt anders sein wollte. Die Kampagnen in den 80ern und 90ern waren spannend und vielfältig, jetzt wird nur auf Nummer sicher gegangen. Was natürlich dünn heißt." Sie ruft die Modeindustrie zu mehr Mut auf: „Der einzige Weg zu Normalität kann nur sein, wenn Leute mit anderer Hautfarbe, Leute unterschiedlichen Alters und Leute mit unterschiedlicher Konfektionsgröße dauerhaft selbstverständlich werden."

Zum Schluss erwähnt das Model die Dokumentation Straight/Curve von Jenny McQuaile, die nächstes Jahr erscheinen soll: „Die Dokumentation hinterfragt kritisch, ob Size Zero wirklich die Norm bleiben soll und stellt Plus-Models als Vorreiterinnen vor. Ich wünschte mir, dass es dauerhaft so wäre."

@NaomiShimada

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Credits


Text: Charlotte Gush
Foto: Grace Pickering