„this is grime“: die geschichte von grime zum anfassen

Das ist der ultimative Guide zu der spannendsten musikalischen Subkultur, die London im 21. Jahrhundert hervorgebracht hat. Die beiden Autorinnen haben mit uns über das Buch und die Geschichte von Grime gesprochen. Wenn du Grime magst, wirst du dieses...

von Lynette Nylander
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10 November 2016, 10:10am

Wir schreiben das Jahr 2002. Das neue Jahrtausend ist noch neu und die Musik, die noch in den 90ern die Clubs mit House und Garage gefüllt hat, wandelt sich zu etwas Düsterem, sowohl im Ton als auch im Gefühl: die Geburt von Grime. Eines der Alben dieses Jahres: Boy in Da Corner. Hattie Collins erinnert sich noch an das erste Mal, als sie „I Luv U" aus dem Album gehört hat: die düstere und brutal ehrliche Hymne über Sex und die Straße. Das war keine Liebe nach dem ersten Hören: „Meine Freundin Chantelle Fiddy hat mir den Song 2002 vorgespielt und ich habe ihn zuerst gehasst. Ich hatte vorher noch nie so etwas gehört. Ich habe US-Rap gehört, ich war Fan von 50 Cent und Rapper waren damals beliebt. Ich fand den britischen Akzent zwar gut, aber den Beat habe ich nicht besonders gemocht."

Aber was sie gehört hatte, hat sie nicht mehr losgelassen. Tage später hat sie Chantelle gebeten, ihr den Song wieder vorzuspielen. „Dann habe ich mir den Song wieder und wieder angehört und allmählich machte etwas klick bei mir."

Dieses Album, das Debütalbum von Dizzee [Rascal], hat 2003 den Mercury Music Prize gewonnen und dem Rap-, Garage- und Jungle-Hybriden mit seinen charakteristischen 140 Beats per Minute, der im Osten Londons, in Postbezirk E3, geboren wurde, in den Blick der Öffentlichkeit gerückt. Grime hat ganz neu über das Leben der britischen Arbeiterklasse in den Städten gesprochen. Eine anfangs skeptische Hattie konnte sich schnell dafür begeistern: „Ich habe alle Platten, alle Alben gekauft. Ich bin auf Konzerte gegangen und habe mit Chantelle im Cargo sogar eine Veranstaltung ins Leben gerufen."

Trotz der Aufmerksamkeit durch den Mercury-Preis hat Grime nicht gleich den Sprung in den Mainstream geschafft. Gespielt haben den Sound Piraten-Radiosender und gelebt wurde er auf Konzerten in dunklen Clubkellern. Grime wurde nicht nur durch die DJs und MCs selbst verbreitet, sondern auch durch die ersten Chronisten dieser Szene: Ewen Spencer, Martin Clark, Simon Wheatley, Tim and Barry, Chantelle Fiddy und Hattie. „Um das Jahr 2005 herum, als Roll Depp gerade ihren Durchbruch feierten, wie später JME und Skepta, habe ich angefangen, für den Guardian und Blues & Soul darüber zu schreiben. Chantelle und ich haben für i-D ein Portfolio mit den größten Grime-Musikern zusammengestellt und dafür mit dem Fotografen Jason Evans zusammengearbeitet. Ich habe angefangen, für das RWD Magazine zu arbeiten. Das wurde zum Zentralorgan der Grime-Szene, ich habe damals über alles mögliche geschrieben.

Mitte der 2000er haben auch die größeren Radiosender Grime gespielt, wie Kiss FM und der neue Sender der BBC1Xtra. Wiley, Kano und Lethal Bizzle haben für die größten Tunes in der Szene gesorgt, aber so richtig ist der Grime-Funke nicht übergesprungen. Die Flamme loderte auf kleiner Stufe, weil die bekannten Grime-Künstler ihre Schwierigkeiten damit hatten, daraus einen mainstreamfähigeren Sound zu entwickeln. Künstler wie P.Money, Kozzie, DJ Logan Sama und das Label Butterz haben auch weiter an die Szene geglaubt, als sie nicht mehr angesagt war. 2014 kam es durch die Songs „German Whip" von Meridian Dan und „That's Not Me" von Skepta—in dem Song geht es um die Rückkehr des MCs zu seinen Wurzeln—zu einer Wiederauferstehung von Grime. Durch das Internet hat eine jüngere Generation den Grime-Sound zum ersten Mal für sich entdeckt.

Hattie wollte schon lange ein Buch über Grime herausbringen, wurde aber von Verlagen abgeschreckt. „Jedes Mal, wenn ich die Idee zum Buch gepitcht hatte, wurde ich abgelehnt." Noch im selben Jahr hat sich Fotografin Olivia Rose, aka Liv, mit Hattie zusammengetan, um das Portfolio aus dem Jahr 2005 auf den neuesten Stand zu bringen, mit Wretch 32, Chip und neuen MCs der Szene, darunter unser aktueller Coverstar Stormzy, Novelist und The Square. Hattie war beeindruckt, wie gut sich Olivia mit jedem verstanden hat. „Die Szene reagiert nicht besonders gut auf Leute, die nicht dazugehören. Die Beziehungen zu den Künstlern sind so wichtig und ich wusste einfach, dass sie die richtige Person dafür ist. Ich bin rückblickend so froh darüber, dass wir das Buch zu der Zeit gemacht haben, weil einfach ein visueller Geschichtenerzähler gefehlt hat und mit Liv hatte ich den gefunden", erklärt mir Hattie.

Im Gegensatz zu Hattie ist Olivia nicht mit Grime aufgewachsen. Sie hat das Buch als eine Art anthropologische Studie betrachtet. Sie wollte die Künstler in Umgebungen zeigen, in der wir sie normalerweise nicht sehen, abseits der Bühne und des Studios: „Mich hat alles an der Subkultur Grime interessiert und ich wollte alles dokumentieren: die Ästhetik, die Kleidung und die Leute. Wir waren das perfekte Duo für diese Aufgabe."

Von der ersten Idee bis zum fertigen Buch hat der ganze Prozess insgesamt sieben Monate gedauert. Dafür wurden im Laufe von 153 Tagen mehr als 170 Leute fotografiert. Die Bildunterschriften verraten interessante Details über die Personen, die nicht so bekannt sind: „Marus Narstie hat gesehen, wie wir auf der Straße jemand anderes fotografieren. Dann hat er sein Auto am Straßenrand geparkt und wollte auch unbedingt fotografiert werden", erinnert sich Fotografin Olivia lachend. „Wir sind nach New York geflogen, um Dizzee nach seinem Konzert in Brooklyn zu fotografieren. Wir sind nach Oxford mit Stormzy und seiner Mum gefahren. Wir haben uns in Livs Auto wie Spione versteckt, um einen Schnappschuss von A$AP Rocky zu bekommen (er gehört zu den bekanntesten Rappern, die Grime-Fans sind), weil wir wussten, dass er nachts in den Red Bull Studios gearbeitet hat." Die beiden haben sogar Drake bei seinem Überraschungsauftritt beim Section-Boys-Konzert vor die Linse bekommen, als er für die Brit Awards in London war.

Neben dem ganzen Spaß, den langen Nächten und den Deadlines ist das Buch This is Grime in erster Linie ein Dokument über die letzte lebendige britische Subkultur. Erzählt wird die Geschichte einer Musikrichtung, die vor 15 Jahren entstanden ist und in deren Texten es um die ethnische, soziale und kulturelle Herkunft geht. Die Renaissance von Grime fällt nicht zufällig in eine Zeit, in der diese Themen wieder die Schlagzeilen beherrschen. Das Buch ist einer Szene gewidmet, deren Helden bis vor Kurzem einem breiten Publikum noch weitgehend unbekannt waren—trotz ihrer Fähigkeit, die Sprache der Jugendlichen in den Städten zu sprechen. „Es geht dabei um so viel mehr als nur um Frauen und Waffen. Das ist auch das größte Missverständnis. Es wird so viel gesagt—und das auch noch so gut. Diese MCs sind so unglaublich gute Vorbilder", sagt Hattie. „Die Leute sind schön, in der ganzen Szene gibt es viel Liebe und Unterstützung. Die Energie ist einfach unglaublich, so was gibt es auf der Welt nicht nochmal."

Bei Grime geht es letztlich ums Mensch-Sein. Es fing hat damit angefangen, als zehn Kids mit Fruit Loops rumgespielt haben. Daraus ist eine Sache entstanden, die so viel größer ist. „Grime hat sich etabliert, der Einfluss ist unbestreitbar. Und ich weiß, dass wir auch noch in zehn Jahren darüber sprechen werden", sagt mir Hattie zum Schluss. „Grime hat so viele Leben verändert. Es hat auch mein Leben beeinflusst und ich wollte etwas zurückgeben."

Hier findest du alles aus unserer The Game-Changing Issue.

This Is Grime ist bei Hodder & Stoughton erschienen und überall erhältlich.

Credits


Text: Lynette Nylander
Fotos: Olivia Rose