wie wir nach der us-wahl weitermachen sollten

Unsere amerikanischen i-D Kollegen haben für uns aufgeschrieben, wie sie die Zukunft der USA sehen.

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Nov. 10 2016, 11:20am

Egal, wie deine politische Einstellung ist. Eins ist unbestreitbar: Wir sind eine tief gespaltene Nation. Der Ausgang der Wahl hat viele verstört und verängstigt zurückgelassen. Wir melden uns bei Freunden, bei unserer Familie, bei Kollegen, melden uns auf Twitter und Facebook, versuchen, das Ergebnis zu verstehen. Leute schließen sich zusammen und kämpfen—wieder einmal—für das, woran sie glauben. Wir zeigen euch vier Perspektiven, wie wir jetzt weitermachen sollten. 

Ruft eine globale Jugendbewegung ins Leben
Alice Newell-Hanson, US Managing Editor

Während des Wahlkampfs wurde viel von „wir" und „die" geredet. Darüber, was Amerika war/ist/ und es wieder groß/gut zu machen. Und ein „Wir" fragt sich nun, wie ein großes, unterschätztes „Die" einen rassistischen, ausländerfeindlichen, frauenfeindlichen. homophoben, transphoben und islamophoben Reality-TV-Star mit keiner politischen Erfahrung ins Weiße Haus wählen konnte.

Donald Trumps Botschaft beruht auf einem „wir", er hat auf die, wie er in seiner Siegesrede gesagt hat, die „vergessenen Männer und Frauen unseres Landes." „Es geht um uns - unser Sieg", hat der zukünftige amerikanische Präsident gesagt. „Es ist es an der Zeit, als ein Volk zu sprechen."

Trump hat die Bedeutung des Wortes verkehrt und aus einem Pronomen, das eigentlich für Einheit steht, ein Mittel gemacht, das teilt. Zu diesem „wir" gehören nicht: die Einwanderer, die er aus dem Land deportieren will, die People of Color, deren Interessen und Probleme er ständig ignoriert, die Frauen, die er beleidigt und belästigt hat, und andere Gruppen, die er live im Fernsehen lächerlich gemacht hat.

Jetzt liegt es an jedem und jeder, und wirklich jeder und jedem, zu überlegen, wer dieses „wir" ist und wie wir zusammen wirklich für Veränderungen sorgen können, innerhalb der USA und weltweit. Einheit ist möglich: Man muss sich nur das Wahlverhalten der 18- bis 25-Jährigen anschauen. Eine überwältigende Mehrheit hat für Hillary gewählt. Wenn nur Millennials gewählt hätte, dann hätte Hillary Clinton einen Erdrutschsieg errungen: 504 Wahlmänner, Trump nur 23.

Das Abstimmungsverhalten junger Amerikaner weist eine verblüffende Ähnlichkeit zu dem Verhalten junger Briten beim EU-Referendum auf: 73 Prozent der 18- bis 25-Jährigen haben für den Verbleib in der EU gestimmt, im Vergleich zu 40 Prozent der Über-65-Jährigen.

Was können Amerikaner von ihren britischen Altersgenossen lernen? Ich bin halb Britin und halb Amerikanerin, ich glaube fest daran, dass wir unser Wissen und unsere Ressourcen über den Atlantik zusammenlegen sollten und dass wir einen Dialog über die parallelen politischen Zustände in unseren Ländern ins Leben rufen sollten. Meine Freunde in Großbritannien haben protestiert, sie haben Gruppen gegründet, die für ein Bewusstsein eintreten und sie haben Info-Netzwerke initiiert, über die sie sich über ihre geteilte Nation informieren und gegen Politiker kämpfen, die die Rhetorik „wir" gegen „die" immer mehr salonfähig machen.

Wenn es gerade irgendetwas Positives gibt, dann der Fakt, dass wir, die Jungen, bereits geeint sind, sowohl innerhalb und außerhalb unserer Staaten. Es gab nie eine wichtigere Zeit, als unsere Stimmen hörbar zu erheben. Wenn jemand den Aufstieg rechter Politik in den USA, in Europa und in anderen Teilen der Erde stoppen kann, dann sind es die jungen Leute. Rede mit deinen Freunden, lerne von ihnen, höre ihnen zu, demonstriert gemeinsam. Zeigen wir denen da oben, zu was wir in der Lage sind, wenn wir nur die Chancen der globalen Einheit wahrnehmen.

Verbringt weniger Zeit auf Instagram und mehr Zeit damit, euer Land kennenzulernen
Rory Satran, US Editorial Director

Es war ein Tag von schwarzen und weißen Quadraten, von „I'm terrified"-Stickern auf Instagram und „I'm moving to Canada"-Messages auf Twitter und Facebook. Wir haben so viele Vintage-Fotos von Hillary gesehen, dass wir sie blind beschreiben können (das Yankees-Cap mit dem maßgeschneiderten Blazer und der goldenen Halskette oder der rosafarbene Anzug mit der roten Sonnenbrille.) Die Jungen—und die weniger Jungen—, die in der Kreativ- und Medienbranche Amerikas arbeiten, leben geografisch isoliert in den demokratischen Bastionen an Ost- und Westküste. Und auf unseren eigenen Geräten leben wir auf Social Media ideologisch isoliert. Wie Andrew Kuo getwittert hat: „Wir haben 23984712985371 Tweets über Trump verfasst und er hat diese Wahl dominiert."

Social Media ist ein unglaubliches wichtiges Tool, das die Proteste des Arabischen Frühlings und wichtigen Bewegungen wie Black Lives Matter unterstützt hat. Die sozialen Netzwerke waren für alle Parteien zentral in diesem Wahlkampf. Ich bin persönlich dankbar für meine eigene Online-Community während des Wahlkampfs, gerade in dieser Zeit. Für die Freunde, die uns gebeten haben, für Planned Parenthood und die NAACP zu spenden. Für die Informationen über Proteste, Zusammenkünfte und Erinnerungen daran, dass wir Wasser und Wein trinken sollten.

Aber ich war noch nie so sehr davon überzeugt, dass wir als Kollektiv, die kreative Klasse, weniger Zeit auf Instagram abhängen sollten und mehr Zeit damit verbringen sollten, unser Land kennenzulernen. Ich kenne Redakteure, die zwar mehrmals im Jahr nach Paris oder Mailand fliegen, aber noch nie in Missouri, Wisconsin oder Kentucky waren. Fahrt nach Standing Rock Reservation in North Dakota, wo Tausende gegen die neue Erdölpipeline demonstrieren. Fahrt nach East Chicago, Indiana, wo Leute ihre Häuser verlassen müssen, weil sie auf giftige Böden gebaut wurden. Besucht die letzten Zechen in West Virginia, wo die Kumpel nicht das Gefühl haben, dass sie für andere Jobs qualifiziert sind. Wir müssen uns mehr mit der Realität in den Vereinigten Staaten auseinandersetzen.

Während dieser Wahl gab es Memes, die unglaublich herabwürdigend, ablehnend, böse und extrem vulgär waren, von allen Seiten. Wir müssen nicht den Leuten zustimmen, die fundamental andere Meinungen als wir selbst haben, aber wir müssen wissen, was uns erwartet und mehr Verständnis für einander aufbringen. Unser Aktivismus wird keine Einstellungen und Leben ändern, wenn wir uns nur im eigenen Fahrwasser bewegen. Wie Obama nach der Wahl gesagt hat: „Das Land braucht Geschlossenheit, Einbindung und Respekt vor unseren Institutionen." Die Zukunft geht nur zusammen.

Setze dich für die Dinge ein, die dir wichtig sind
Hannah Ongley, US Fashion News Editor

Es ist schwierig, sich an einem Tag, an dem das die hässlichen Seiten unseres Landes noch unterboten wurden, normal zu fühlen. Amerika hat einen Mann gewählt, der seine Kampagne auf Rassismus und Frauenfeindlichkeit gebaut hat. Der Januar wird nur weitere vier Jahren vom Gleichen bringen. Aber während unser Präsident und der von den Republikanern geführte Senat sich an die Arbeit machen, die Schritte, die wir in den letzten Jahren zu mehr Gleichberechtigung und Umweltschutz gemacht haben, wieder rückgängig zu machen, ist es umso wichtiger, dass wir weitermachen. Habe Angst, sei traurig und sei wütend—und dann: produktiv. Spende an Planned Parenthood, GLAAD und The American Leaders Against Hate and Anti-Muslim Bigotry Campaign. Mache mit bei deiner örtlichen Abteilung von Black Lives Matter, mach mit beim Kampf gegen Hass, setze dich für Waffenkontrolle ein und demonstriere gegen Polizeigewalt. Werde Fürsprecher für Flüchtlingskinder und hilf mit, obdachlosen LGBT-Jugendlichen ein Zuhause zu geben. Abonniere die Alerts von NextGen Climate, denn unsere neue Regierung denkt, dass der Klimawandel nicht existiert. Jede Stimme hat gezählt und alles, was wir jetzt tun, tut es ebenso.

Zeige Mitgefühl, auf kreative Weise
Emily Manning, US Associate Editor

Ich habe einen Bruder, der ist zwei Jahre jünger als ich. Wir sind Mitbewohner und wir hatten beide das Glück, dass wir Jobs in der Magazinbranche haben, die uns dabei geholfen haben, zu den Persönlichkeiten zu werden, die wir heute sind. Wir sind beide queer. Ich habe noch nie so viel von einer Person gelernt und ich glaube nicht, dass er jemals aufhören wird, mir bei meiner persönlichen Entwicklung zu helfen. Nach dem Amoklauf in Orlando in diesem Sommer hat er mir eines seiner Lieblingsbücher geschenkt: A Selection of Snapshots von Felix Gonzales-Torres. Es ist eine sehr persönliche Sammlung privater Aufnahmen des Fotografen: seine Spielsachen, seine Katzen und wie er es nennt „Tage mit wolkenlosen Himmel". Begleitet werden sie von einfach wunderschönen Worten. Wir haben in unserem Wohnzimmer gesessen und uns diese Worte laut vorgelesen, um uns in einer Zeit sicher zu fühlen, in der wir an uns und an unserem Land gezweifelt haben: „auf einen schönen, gesunden, queeren, tollen, sonnigen, warm blauen, glückliche und hoffnungsvollen Sommer." Das wurde 1993 geschrieben, ein Jahr, in dem in den USA fast 42.000 Amerikaner an den Folgen von Aids gestorben sind (wie Gonzales-Torres selbst drei Jahre später). So ein positives Statement schien in dieser turbulenten Zeit weit weg, genau so weit weg wie die Realität nach der Tat in Orlando. Doch das Buch hat mir nicht nur dabei geholfen, mich wieder mit mir selbst und meiner Community zu connecten, sondern es hat auch vielen meiner Freunde geholfen.

Nach dieser fundamentalen Destabilisierung unser Werte, unserer Hoffnungen und Träume weiterzumachen, wird nicht einfach. Für den Anfang werde ich mehr Zeit in Dinge, in Leute, in Orte und Communitys investieren, die ich liebe; die mir beim Heilen geholfen haben und die mich zu der Person machen, die ich bin. Ich möchte diese Erfahrungen mit anderen teilen. Und noch wichtiger: Ich möchte ihnen wirklich zuhören und von ihnen lernen. So ermutige ich jede Person, es mir gleich zu tun und Dinge zu schaffen, die Leuten dabei helfen, ihre eigene, unsichere Zukunft zu bewältigen. Ob du wütend, traurig, mutlos, empört, niedergeschlagen oder verunsichert bist, werde kreativ: Kunst, Musik, Filme, Mode, Bücher, Partys, Ideen, Ressourcen, Politik, Netzwerke und teile es mit anderen. DAs mag zwar ichbezogen klingen und aus einer privilegierten Position heraus erscheinen, und in vielerlei Hinsicht ist es das auch. Mache alles, was in deiner Macht steckt, um eine Umgebung zu schaffen, in der Leute, die nicht so viel haben und nicht diese Ressourcen haben, ihre Persönlichkeit ebenso spontan und kreativ ausdrücken können wie du. Klar ist, dass diesem Land Mitgefühl fehlt. Dass wir nicht verstehen, geschweige denn, dass es uns überhaupt interessiert, wie unsere Handlungen und unsere Entscheidungen unsere Umgebung beeinflussen. Um diese Teilung des Landes zu überwinden, brauchen wir radikal kreative Ideen und Lösungen von allen. Versuche dein Bestes: Lerne von den Menschen, die du liebst, von den Menschen, die du nicht verstehst und besonders von den Menschen, die du hasst.

Credits


Foto: Mayan Toledano