In diesem feministischen Fantasy-Film geht es um Hexerei und Sex

In ihrem Film "The Love Witch" thematisiert die US-Regisseurin Anna Biller weibliche Sexualität und die Macht von Liebesgeschichten.

von Paige Silveria; Fotos von Anna Biller
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09 Dezember 2016, 1:50pm

Wie weit sind wir mit der Emanzipation wirklich gekommen? Das hat sich auch die US-Filmemacherin Anna Biller gefragt und bietet als Antwort ihren fantastischen neuen Film The Love Witch an. Darin geht es um eine moderne Hexe, die verrückt und gewalttätig wird, weil sie geliebt werden möchte. Der Spielfilm offenbart die sexistische Doppelmoral, wenn es um Geschlechterrollen und Sex geht. "Es ist immer noch ein Tabu, wenn Frauen Spaß an Sex haben", erklärt uns die Regisseurin. "In dem Film geht es um eine Frau, die versucht, die Erwartungen der Männer zu erfüllen, um die zunehmende Macht und Freiheit von Frauen nicht zu deutlich werden zu lassen. Sie wird dadurch aber lediglich zum Spielball von Männern, die nicht merken, wer sie wirklich ist."


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Anna Biller ist in Los Angeles aufgewachsen und wurde durch die kreativen Eltern stark beeinflusst. Ihr Vater ist Künstler und ihre Mutter Modedesignerin. Doch auch die Klassiker der Weltliteratur haben nachhaltigen Einfluss auf sie ausgeübt: "Ich war ein ziemlicher Bücherwurm und großer Shakespeare-Fan, als ich jünger war", sagt sie uns im Interview. "Ich liebe die Film- und Literaturklassiker. Vieles inspiriert mich, aber das meiste ist davon schon mehrere Jahrzehnte alt."

Du zeichnest dich für alles in The Love Witch verantwortlich, von Kostüm- und Setdesign bis zu Regie und der Musik. Warum?
Ich habe klein angefangen. Wenn man dreiminütige Kurzfilme dreht, gehört es dazu, alles selbst zu machen. Darin war ich zwar nicht immer gut, aber ich war leidenschaftlich bei der Sache. Dabei habe ich so viel gelernt.

Erzähle uns mehr über die Symbolik und das Setdesign in deinem neuen Film.
Ich habe mich an den Thoth-Tarokarten orientiert, weil ich von der Farbsymbolik fasziniert bin. Das System ist nach bestimmten Farben angeordnet, die wiederum eine bestimmte Symbolik haben. Ganz so wie früher Technicolor-Filme entworfen wurden. Deshalb ist ein Zimmer im Haus von Elain Gelb-Orange, was für die Sonne und ist das maskuline Element steht. Die anderen Zimmer sind Blau und Violett und symbolisieren den Mond und das Feminine. Das maskuline Element wird im Film oft verwendet: im Wohnzimmer, beim Sommerritual auf dem Renaissance-Markt und im Schlafzimmer ihres Lovers, versinnbildlicht durch die goldfarbene Bettwäsche. Das feminine Mondelement wird dagegen eher in den Nachtszenen verwendet, bei denen wir mit einem dunkelblauen Licht arbeiten.

Du hast eine sehr starke Meinung über Männer und ihr Verhalten gegenüber Frauen. Kannst du uns diese genauer erklären?
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Männer sehr oft an Sex denken. Ich glaube nicht, dass sie wirklich das Bedürfnis danach haben, sondern dass es eher ein Statussymbol für sie ist. Männer machen sich sehr viel daraus, was andere Männer über sie denken. Wenn sie also eine schöne Freundin oder Ehefrau haben, dann haben sie das Gefühl, dass sie es geschafft haben. Es geht dabei um ihr Ego. Männer wissen außerdem nicht, wie sie mit Frauen reden sollen, deswegen müssen sie das durch das Körperliche ausgleichen. Das hat wiederum mit ihrem fehlenden Mitgefühl und ihrem Desinteresse Frauen gegenüber zu tun. Sie haben wirklich Angst vor der Macht von Frauen. Frauen unterstützen diese Defizite der Männer, weil sie gar keine andere Wahl haben. Männer wollen sich gar nicht verbessern, weil sie wissen, dass dieses Verhalten von ihnen ihre Vormachtstellung sichert.

Was sind die größten Missverständnisse über die weibliche Sexualität?
Es gibt diese irrige Vorstellung, dass eine Frau, die sexy aussieht, blöd sein muss und nur eine männliche Fantasie verkörpern will, und das nicht für sich selbst macht. Die viktorianische Einteilung in das brave Mädchen und die Schlampe hält sich immer noch hartnäckig und dass Männer zwar auf Schlampen stehen, sie aber auch verachten. Die Normalisierung der Sexindustrie geht mir auch zu weit. Denn es sind Frauen, die kritisiert werden, und nicht die wirklich Mächtigen, die Frauen aus Profitgründen ausnutzen. Es gibt eine Klasse von Frauen, die angeblich dazu da ist, um die sexuellen Bedürfnisse von Männern zu befriedigen. Wir werden nie die Gleichstellung erreichen, solange es armen Frauen gibt, die keine wirklich andere Wahl haben.

Wie stellst du weibliche Fantasie und Verlangen in deinen Filmen genau dar?
Jede Frau ist anders und schafft sich ihre einzigartige Fantasiewelt. Dennoch denke ich, dass vieles damit zu tun hat, wie Frauen die Geschlechterrollen beigebracht wird. Warum sind Frauen so verrückt nach Liebesgeschichten? In Liebesgeschichten kommen diese unmöglich schönen Heldinnen vor, die Männer so verrückt machen, dass die sich nicht beherrschen können und sich die Frau einfach nehmen. Das entlastet die Frau von dem Vorwurf, Sex zu haben, und nährt in Frauen gleichzeitig die Fantasie, genauso schön sein zu wollen, damit sich auch so hübsche Männer für sie interessieren. Das Traurige daran ist doch, dass jedes kleine Mädchen auf diese Art und Weise lernt, dass ihr vorrangiges Ziel im Leben darin besteht, schön auszusehen. Die Love Witch ist eine dieser klassischen Heldinnen aus Liebesgeschichten, die so schön ist, dass es fast wehtut. Und sie bringt Männer mit Begierde um den Verstand. Aber sie ist eben auch durchtriebener als die klassischen Heldinnen, weil sie nicht in den Armen von Männern versinkt, sondern deren Sextrieb verwendet, um sie zu zerstören. Das nenne ich weibliche Fantasie! Ich verwende in meinen Filmen auch viele Elemente, um weibliche Lust zu erzeugen, wie süße Kleidchen, Hüte, Schuhe, passende Accessoires und das perfekte Make-up. Ich gehe beim Schreiben aber nicht analytisch vor, weil ich viel mit dem Unterbewusstsein arbeiten will. Das führt dazu, dass ich mit meinen Fantasien so arbeite, wie sie mir einfallen und eben nicht herausfinden will, welchen Ursprung sie haben. Und mich freut es, wenn sich andere Frauen damit identifizieren können.

Mehr Informationen zu "The Love Witch" findest du hier.

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