Fotos: Angélica Dass

Wie das Pantone-System einen neuen Blick auf Hautfarben wirft

Angélica Dass fotografiert jeden Hautton, den es gibt – und das seit zehn Jahren.

von André-Naquian Wheeler
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02 Juni 2017, 10:55am

Fotos: Angélica Dass

Die Farben, mit denen Hautfarben beschrieben werden, sind nicht nur sehr weit gefasst, sondern auch frustrierend ungenau. Der Rückgriff auf Begriffe wie "Weiß", "Schwarz" oder "Gelb" ist einschränkend und in einer zunehmend multikulturellen Welt auch nicht mehr zeitgemäß. Schwarze Menschen sind nicht schwarz, denn die Vielfalt ihres Erbes und ihrer ethnischen Identität als Teil der afrikanischen Diaspora sind so viel mehr nuanciert, als es der leere Begriff zulässt.

Die in Spanien lebende Fotografin Angélica Dass versucht deshalb, mit ihrem Fotoprojekt Humanae die öffentliche Wahrnehmung vom Konzept Race zu verändern. Angefangen hat sie damit vor zehn Jahren und ist noch lange nicht am Ende. Das Ziel des ambitionierten Projekts ist es, jede existierende Hautfarbe zu fotografieren und sie sehr genau zu beschreiben. Dafür verwendet sie das Pantone Matching System (ein standardisierter Farbindex, der weite Verbreitung in der Designwelt hat und aus 1.876 Farben besteht).


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"Keine der Hautfarben, die ich fotografiert habe, ist Schwarz, Weiß, Gelb oder Rot", sagt Angélica und beschreibt mit dieser Aussage die Gründe, warum wir eine genauere und diskriminierungsfreie Sprache brauchen, um ethnische Herkunft zu beschreiben.

Durch ihren minimalistischen Ansatz liegt der Fokus der Bilder auf der Hautfarbe der Models. Sie bringt die Schönheit jedes einzelnen Hauttons zum Vorschein. Die Aufnahmen zeigen uns, welche prominente Rolle die Hautfarbe beim ersten Blick hat. Manchmal ist sie sogar alles, was die Menschen in anderen sehen.

Angélica Dass teilt mit uns ihre Lieblingsaufnahmen aus den letzten zehn Jahren, und erklärt uns, warum Humanae ein niemals endendes Projekt ist.

Wie kam es zu diesem Projekt?
Die Inspiration kommt aus meiner Familiengeschichte. Ich bin die Enkelin eines brasilianischen Ureinwohners und die Tochter eines schwarzen Vaters, adoptiert von einer weißen Familie. Ich bin also ein Mix aus vielen verschiedenen Pigmenten. Humanae möchte unsere wahre Hautfarbe zeigen, anstatt die unwahren, etablierten Farben wie Rot, Gelb, Schwarz und Weiß zu benutzen.

Warum benutzt du dafür das Pantone-System?
Ich möchte die bestehenden Farbkonzepte, die dem Thema Race anhängen, und auch das Konzept Race an sich und die damit verbundenen Codes, Vorurteile und Stereotype zerstören. Deshalb ist es unlogisch mit Farbskalen zu arbeiten, die auf Prozenten basieren, deswegen benutze ich weder CMYK noch RGB. Aus meiner Erfahrung heraus muss ich sagen, dass das Pantone-System neutral ist, keine Farbe ist wichtiger als die andere. Es wird vor allem in der Designwelt, aber auch von der Außernwelt verstanden und verwendet, ist praktisch, fair und wiederholt sich.

Was ist dein Pantone-Ton?
Das erste Foto für dieses Projekt war ein Selbstporträt. Als ich das Bild gemacht hatte, war ich Pantone® 7522-C. Aber die Wahrheit ist, dass sich meine Hautfarbe – wie bei allen – über das Jahr verändert.

Inwiefern ist das Projekt von Alice Walkers geprägten Begriff colorism beeinflusst?
Die Initialzündung zu dem Projekt war, wie andere Menschen meine Hautfarbe wahrgenommen haben und wie sehr diese Wahrnehmung durch Klischees durchsetzt war. Auch wenn die Hautfarbe das Mittel in dieser Serie ist, möchte ich damit aber über Diskriminierungen im größeren Kontext sprechen. Die wichtigsten Informationen in meinen Fotos sieht man gar nicht: die Nationalität, die Sexualität, die Religion, den sozialen Status und so weiter. Ich zeige einen Blick ohne vorgefertigte Konzepte.

Wie fühlt es sich an, an einem Projekt zu arbeiten, das bereits so lange andauert? Und wohin soll es sich entwickeln?
Humanae ist ein Lernprozess. Jedes Porträt ist einzigartig und jedes Gespräch ist besonders. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass sich eine Routine einschleicht, ist jede Erfahrung ganz neu. Das ist ein Lernprozess. Deshalb sage ich in meinem TED Talk, dass das Projekt eine therapeutische Wirkung hat.

Was sollen die Betrachter beim Anblick mitnehmen?
Ich wünsche mir, dass wir darüber reflektieren, wer wir sind und wie wir andere sehen. Ich wünsche mir mehr Mitgefühl. Diese Serie und Reflektion möchte ich zur Aufklärung nutzen, um Andersartige als Gleichwertige zu betrachten.

@angelicadass

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