Fotos: Scott Trindle

Warum Nachwuchsdesigner keine tragbare Mode entwerfen müssen

...und untragbaren Kreationen zu Beginn der Karriere den hübschen weißen Blusen vorzuziehen sind.

von Lisa Riehl
|
19 August 2015, 2:40pm

Fotos: Scott Trindle

Wenn man was mit Mode macht, gibt es eine Situation – oder besser eine Frage – vor der es einem graut. Wie neulich. Es war die Abschlussshow einer Düsseldorfer Modeschule: 20-jährige Modestudentinnen schicken überdimensional große Sportswear, angereichert mit allerlei Stickerei, Glitzer und Fransen und gepaart mit den Kopf deformierenden Hutkreationen, über den Laufsteg einer betont lässigen Location im sogenannten Industrial Chic. Die Musik ist laut, die Designs gewagt und irgendwo hört man jemanden flüstern: "Wer soll das denn anziehen?" Bei dieser Frage flackern rote Lichter vor dem inneren Auge eines jeden auf, der sowohl das Handwerk als auch die Kunst der Mode schätzt, verehrt und unterstützt. Wer das anziehen soll? Niemand. Und erst recht nicht die vornehme Düsseldorferin oder das Mädchen von nebenan.


Auch auf i-D: Wir haben Styling-Legende Patricia Field getroffen


Szenewechsel. Fashion Week Berlin. Hier ist das Straßenbild nicht so vornehm. Aber auch hier beschwert man sich oft und gerne über die hiesige Mode. Heute ist es die Einfallslosigkeit der jungen Designer, morgen ist es die Untragbarkeit deren Entwürfe, die angeblich zu weit weg von der Kundin sind. "Nicht jede Kollektion gehört gleich auf den Laufsteg", hört man das Modevolk oft schimpfen. Letztere Aussage kann man im Prinzip auch zustimmen, jedoch muss man an dieser Stelle auch sagen, dass ist die modelnde deutsche C-Prominenz, die mit dem Ehemann auf dem Catwalk Tango tanzt und die ohnehin schon völlig belanglose und über weite Strecken schlecht kopierte Mode, die sie dabei trägt, noch viel belangloser erscheinen lässt, auch definitiv definitiv nicht auf den Laufsteg gehört. Was wir stattdessen auf den Laufsteg im Fashion Week-Zelt (wenn es denn schon diese Location sein muss) sehen wollen, sind frische Ideen, die inspirieren, den Geschmack auch mal infrage stellen und Grenzen ausreizen. Junge Modedesigner, die große karierte und wattierte Stoffwülste um den Körper drapieren, Plastik auf kreischend pinke Tüllröcke applizieren und Männer in zuckerwatterosafarbene Strampelanzüge stecken.

Noch während der gleichen Fashion Week Berlin hatte der US-amerikanische Modedesigner Zac Posen diesbezüglich einen spannenden Tipp für die Nachwuchsdesigner des "Designer for Tomorrow"-Awards: "Entwerft keine tragbare Mode und gebt euch in den ersten Kollektionen Raum, um Ideen zu entwickeln und eine eigene Handschrift zu finden." Da fiel der ersten, in der Front Row alteingesessenen Moderedakteurin doch beinah die Chanel-Tasche vom Schoß. Recht hat Zac aber trotzdem. Wer während einer Modewoche und bei einer Mode-Abschlussshow auf der Suche nach netten Teilen ist, die er sich gleich so in den Kleiderschrank hängen kann, wäre auf einer klassisch-kommerziellen Messe oder im Showroom weit besser aufgehoben.

Eine eigene Stilistik finden, gar eine Stilsprache, die das Zeug dazu hat die Mode nachhaltig zu prägen und vielleicht sogar die Art, wie eine ganze Generation sich kleidet, zu verändern, das schafft man nur mit einer fundierten Basis, handwerklich wie kreativ - aufgebaut durch Ausprobieren und Experimentieren. Das kann und darf man an einer Modeschule lernen. Am Londoner Central Saint Martins College zum Beispiel oder an der Antwerpener Royal Academy of Fine Arts, die zu den renommiertesten Universitäten der Welt gehören. An letzterer werden die Studenten bekanntlich schon im zweiten oder dritten Jahr vom Laufsteg weg für Jobs in den Designteams großer bekannter Modehäuser rekrutiert. Und hier schlagen die Headhunter eben nicht wegen einer hübschen weißen Bluse zu oder weil die von den Wunschkandidaten präsentierten Entwürfe so herrlich tragbar sind, sondern weil sie Visionen in Mode übersetzen können. Kleidung, die eine Geschichte erstmal erzählt, bevor sie von einer breiten Masse angezogen werden kann.

Beispiele aus der ersten Mode-Liga gibt es dafür genug. Alexander McQueen etwa, dessen Abschlusskollektion "Jack the Ripper (stalks his victims)" 1992 für den Nichtkenner als untragbar durchgehen würde. Gott sei Dank erkannt seine spätere Mentorin Isabella Blow das unglaubliche Talent des Designstudenten und kaufte ihm alle Teile ab. In der von Verfall und psychischer Dunkelheit zeugenden Kollektion steckte auch damals schon eine ganze Menge von dem, was das späteres Schaffen des Designers und schließlich auch die Mode auf der Stange prägen sollte. Historische Referenzen, Tod und Verderben als modische Grundeinstellung und schließlich die berühmten Totenköpfe, die sich It-Girls in Tuchform um den Hals hängten. Ein deutlich jüngeres Beispiel ist Iris van Herpen. Die niederländische Designerin hat 2007 ihr eigenes Label gegründet. Signifikantes Stilmerkmal: skulpturaler Bionik-Futurismus. Drei Jahre später und eigentlich immer noch in ihrer Experimentierphase als junge Designerin, präsentierte sie ihr erstes Kleid aus dem 3D-Drucker. Im kommerziellen Modemarkt hat diese Thematik mittlerweile in der Herstellung von billigem Plastikschmuck die breite Masse erreicht. Iris van Herpen hat – das darf man behaupten – den Weg geebnet.

Irgendwann muss ein Designer dem Markt natürlich kommerzielle Alternativen anbieten, das Handwerk, das er zweifelsohne von Anfang an hervorragend beherrschte, in tragbarer Kleidung adaptieren und Geld verdienen. Je mehr die Marke wächst, desto größer wird auch seine Produktpalette werden. Zu den normalen Kollektionen kommt eine eigene Accessoire-Linie, vielleicht sogar irgendwann ein Parfüm, damit er noch mehr Geld verdienen kann, und schließlich Diffusion-Lines. Bis es aber soweit ist, darf Miriam Laubscher (Absolventin der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen) bunte Leinwände aus Seide zu Kleidern transformieren, Olivier Jehee, der gerade seinen Abschluss an der Royal Academy of Art in Den Haag gemacht hat, den Dandy modisch mit einem Skinhead als Protest gegen die Homophobie verbinden und solange dürfen Judith Pollmann und Lena Anders von der Akademie Mode und Design in Düsseldorf überdimensionale Sportswear mit prunkvollen Applikationen verzieren. Ohne die leidige Frage: Wer soll das denn anziehen?

Tagged:
Fashion
Nachwuchs
design newcomer