Anzeige

was luxuslabels plötzlich an berlin finden

Guccis Kampagne schwirrt seit einigen Tagen durchs Netz - fotografiert im rauen Berlin. Gestern veröffentlichte Givenchy seine neue Kampagne inklusive Video, und auch bei dem französischen Traditionshaus dienen Berlins U-Bahnhöfe und Plattenbauten als...

von Lisa Leinen
|
08 Januar 2016, 2:45pm

Bild aus der aktuellen Gucci-Kampagne

Als die Fotos der neuen Gucci-Kampagne vor einigen Tagen das Netz fluteten, klatschten sie laut auf, die Modebegeisterten der Hauptstadt. Da verteilten sie fleißig Likes und rote Herzchen, und träumten davon, dass Berlin nun vielleicht doch wieder mitmischen darf im internationalen Modezirkus. 

Die coolen Kids hängen nun mal in Berlin ab. In Guccis Vorstellung: Über den Dächern der Stadt, auf Dachterrassen, die eigentlich keine sind, man ist illegal da hoch geklettert, so macht man das schließlich hier, im rebellischen Berlin. Oder man schlendert im passenden Outfit in den U-Bahn-Welten am Bahnhof Zoo entlang, wo farb- und charmmäßig alles noch genau so scheint, wie in den einstigen wilden Jahren Berlins, den 70ern und den 80ern. Damals als David Bowie und Iggy Pop hierherzogen, um den scheinbar nie enden wollenden Rausch der Stadt einzuatmen und dabei zu sein, in der Stadt, die nach all den grauen Jahren und Tagen wieder so hell und grell zu leuchten schien, dass jeder sich im Gefühl der einsetzenden Euphorie suhlen wollte. 

Genau dieses Gefühl wollte auch der Fotograf der Kampagne, Glen Luchford, vermitteln. Nun zog ein weiteres Luxuslabel nach und setzte seine Kollektion in der deutschen Hauptstadt in Szene. Givenchy veröffentlichte einen kurzen Videoclip und wenige Fotos auf Instagram, in denen Models in der Hauptstadt posieren. In der Kampagne (geshootet vom deutschen Fotografen-Duo Max von Grumppenberg und Patrick Bienert) ist der Spätsommer schon vorbei, Berlin zeigt sich von seiner allseits bekannten grauen, melancholischen Seite. Passend zur Kollektion - einer Hommage an die Jugendkulturen der 80er Jahre. Romantisierter Gothic vermischt sich mit weichgespültem Punk, authentisch inszeniert in jener Stadt, die damals so prägend für viele und vieles war.

Ist genau dies das Stichwort? Authentizität? Ist sie der Grund, warum Labels, Kreativdirektoren und Fotografen Berlin gerade für sich entdeckt haben? Inspiration bot Berlin schon immer, aber lässt die aktuelle politische Weltlage die Labels in eine Stadt flüchten, deren Geschichte so dunkel ist wie die derzeitigen Geschehnisse auf der Welt? 

Authentizität ist dagegen vielleicht auch das, was vielen Designern und Labels fehlt, die in wenigen Wochen ihre Kollektionen auf der Berliner Fashion Week präsentieren. Sieht man sich den aktuellen Schauenplan an, verstummt das Klatschen ganz schnell. Bis auf vier, fünf Ausnahmen ist das Angebot der Modewoche eher schwierig. Auf ein paar Newcomer kann man noch hoffen, macht man auch. Irgendwo tief drin ist sie noch, die Hoffnung, dass Berlin vielleicht doch bald wieder auch modemäßig mitreden könnte. Erst mal aber nicht. 

Also klickt man sich weiter durch die Kampagnenfotos und muss sich heimlich eingestehen, dass die U-Bahnstationen, die vor Jahren in angesagter Fliesenoptik in noch angesagteren Knallfarben getaucht wurden, gar nicht mehr so weh in den Augen tun, und dass Plattenbauten doch ihren Charme haben. Alles eine Frage der Inszenierung, klar, aber die Botschaft ist eindeutig: In Berlin passiert was. Hier passt sie hin, die Mode, die wir bald alle bestaunen, tragen oder stilgetreu kopieren werden. Während Gucci und Kreativdirektor Alessandro Michele noch ein bisschen an den 70ern festhalten, setzen Givenchy und Kreativdirektor Riccardo Tisci ganz klar auf die Renaissance der 80er. 

Und jetzt im Jahr 2016? Haben ein paar dutzend schön und professionell geshootete Fotos von zwei internationalen Luxuslabels die Macht, am modischen Ruf Berlins etwas zu ändern? Vielleicht veranlassen sie die internationale Modepresse, einen genaueren Blick auf die jungen Designer zu werfen? Es wäre zu hoffen. Für Berlin, und vor allem für eben diese jungen Designtalente, denen man jene Beachtung wünschen würde. 

Credits


Text: Lisa Leinen
Fotos Givenchy: Screenshots von Instagram 
Fotos Gucci: Kampagne SS/16