warum bereisen wir nur für ein perfektes instagram-foto die welt?

Versucht einmal, das geogetaggte Bikini-Foto zu vergessen

von Jake Hall
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04 Oktober 2016, 3:10pm

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Viele scrollen morgens nach dem Aufwachen zu allererst auf Instagram durch die Posts—denn man will ja nur wegen seinem Schönheitsschlaf nichts verpasst haben. Täglich werden uns sorgfältig ausgewählte Fotos präsentiert: #selfies vor weltberühmten Denkmälern, verliebte Pärchen in kristallklarem Wasser und Reise-Blogger, die den Valencia-Filter über malerische Landschaften legen.

Für die persönliche Entwicklung ist es wesentlich, fremde Kulturen kennenzulernen, doch unser heutiges „Zeitalter der Influencer" bringt es mit sich, dass diese Erfahrungen meistens mühsam online dokumentiert werden. Statt sich Sorgen zu machen, wie im Film Taken von einer Menschenhändler-Bande entführt zu werden, ist das schlimmste Horror-Szenario für die Millenials heutzutage, auf ein Motiv zu stoßen, das auf Instagram richtig viele Likes abräumen würde, und keinen Akku mehr zu haben.

Die Entdeckung neuer Orte sollte eine kulturelle Bereicherung sein, neue Freundschaften hervorbringen, uns beibringen, wie man in schwierigen Situationen reagiert und uns dabei helfen, unser Organisationstalent zu verbessern. Versucht mal, alleine ohne Stadtplan oder mobilem Internet einen fremden Flughafen zu erreichen—das sind die Erfahrungen, die euch wirklich auf die Probe stellen. Ihr könnt dadurch nicht nur lernen, mit ungewohnten Situationen pragmatisch umzugehen, ihr könnt so auch eure persönlichen Grenzen ausloten und herausfinden, wie belastbar ihr wirklich seid.

Zwar ist die Technologie in dem letzten Jahrzehnt extrem vorangeschritten, doch die Tatsache ist, dass viele von uns durch die sogenannten Social Media weniger sozial geworden sind. Warum sollte man schon Worte verschwenden, wenn man einfach einen Emoji benutzen kann? Doch der Besuch entlegener Orte kann eine Reihe allgemeingültiger Codes hervorbringen, die ganz nützlich sind, wenn ihr euch in einer unbekannten Sprache verständigen wollt: Freundlichkeit, gute Absichten und verzweifelte Zeichensprache können üblicherweise die Kluft zwischen allen Kulturen überbrücken.  

Diese Erfahrungen sind aber so gut wie nie auf Instagram zu sehen. Oder hat einer eurer Lieblings-Blogger mal eine längere Überschrift über ein Missverständnis in einem Hotel im Ausland geschrieben? Oder über die Bestellung seines hochheiligen Caffè Latte ohne Schaum in einer fremden Sprache?

Viele Reise-Blogger sind äußerst gut darin, aus ihren Followern den maximalen Gewinn zu ziehen und somit von ihren Werbepartnern Gratis-Trips oder zumindest teilweise finanzierte Reisen abzuräumen. Die Sache ist aber, dass diese Trips für sie im Grunde Arbeit bedeuten—normalerweise ist jeder Tag minutiös durchgeplant, und man ist immer auf der Jagd nach Likes und Retweets. Was ihr online nicht zu sehen bekommt, ist, wie die bekannten Influencer von Instagram panisch nach ihrem tragbaren Ladegerät wühlen, oder in der Hotellobby alle fünf Minuten das Wi-Fi-Netz aktualisieren, um zur Stoßzeit das #vscocam Foto der traumhaften Umgebung zu posten, das alle vor Neid erblassen lassen wird.

Im Endeffekt hat es viele Vorteile, sich im Urlaub mal von der virtuellen Welt zu trennen. Durch günstige Flüge und Unterkunftsmöglichkeiten steht die Welt so vielen von uns offen, doch der Schlüssel zur Bereicherung liegt darin, ungewohnte Umgebungen ganz ohne Ablenkung auf uns wirken zu lassen. Eine Reise ist die perfekte Ausrede für das ultimative Bikini-Bild, das Tausende von Likes generieren wird—ich selbst habe es bereits getan und werde es höchstwahrscheinlich auch wieder tun. Es ist aber wesentlich, die Vorzüge des Reisens auch als Gelegenheit zu erkennen, sich selbst zu entdecken.   

Die meisten von uns müssen lange Zeit sparen oder mehr arbeiten, um sich so einen Urlaub leisten zu können, wenn wir nicht auch zu den Influencern gehören, für die die Kosten solcher Trips übernommen werden (oder wenn wir nicht unabhängig davon einfach reich genug sind). Doch das ist im Grunde von Vorteil für uns: Es bedeutet, dass wir reisen können, ohne ständig an alles ein bestimmtes Hashtag setzen zu müssen. Stattdessen können wir frei von allen Online-Verpflichtungen unseren Urlaub als glückliche, lehrreiche Zeit genießen—so wie es eigentlich auch sein sollte.  

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Text: Jake Hall

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