in seiner neuesten ausgabe zeigt „flaneur", dass athen mehr ist als griechenlandkrise

Eines der Themen, die uns dieses Jahr am meisten mitgenommen hat, war eindeutig die Situation in Griechenland. Die Macher vom Berliner Magazin „Flaneur" redeten mit Kreativen in Athen, die die Krise ausblenden und sich in der Ungewissheit eine Zukunft...

von Moritz Gaudlitz
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17 Dezember 2015, 3:55pm

Als das Berliner Magazin Flaneur im Frühjahr 2015 die griechischen Hauptstadt besuchte, dachte man noch, das der Höhepunkt der Krise gekommen war. Unmittelbar nach den Wahlen wurde es aber noch schlimmer. Grund genug für die Chefredakteure Grashina Gabelmann und Fabian Saul ein Porträt dieser Stadt zu malen, das weit abseits der typischen medialen Berichterstattung liegt. Flaneur ist ein Magazin, das sich in jeder Ausgabe auf unterschiedliche Art und Weise mit einer bestimmten Straße in einer bestimmten Stadt auseinandersetzt und so zu einem Porträt der Kreativszene wird - konzeptuell, literarisch, künstlerisch und immer einzigartig. 

Die aktuelle Ausgabe ist Fokionos Negri gewidmet, einer ehemaligen Prunkstraße und Fußgängerzone im nördlich gelegenen Athener Immigrantenviertel Kypseli. Mitverantwortlich für die Wahl der Straße war der Athener Künstler Antonakis Christodoulou. Wir sprachen mit den beiden Chefredakteuren und Antonakis über die Stadt, die Straße, ihr Potential, ihre Künstler und einen ehemaligen Playboy.

Wie war es für euch zu einer Zeit in Athen zu sein, in der die Staatskrise ihren Höhepunkt erreicht hat?
Fabian: Relativ entspannt. Es ging uns auch nicht darum, eine Anti-Krisenausgabe zu machen. Alle Geschichten haben ihre Berechtigung und nur ein paar Stücke nehmen auch auf die Krise Bezug. Und die stehen neben anderen Inhalten alle auf einer Stufe, also sind implizit politisch und nicht explizit. Wir haben das aufgeschrieben, was wir gehört haben. Und beim Zuhören geht es eben nicht den ganzen Tag um das griechische Parlament oder die Krise. Die Menschen haben Geschichten erzählt, darin tauchte natürlich Politik auf, aber nicht zwangsläufig.

Das ist ja eine ganz natürliche Sache, dass Sorgen und Probleme in Form von Geschichten weitergegeben werden...
Grashina: Es ist normal, dass Menschen mit Krisen umgehen. Denn was Tsipras macht, kann ja einen normalen Menschen nicht den ganzen Tag interessieren. Weil es uns in Deutschland sehr gut geht, wissen wir nicht, wie die Realität einer Krise eigentlich aussieht. Wir bekommen das alles nur über die Medien mit.

Wie haben die Athener denn reagiert? Haben Sie euer Projekt auch als Chance gesehen, sich explizit politisch zu äußern?
Fabian: Nein, primär haben sie es als kreatives Medium gesehen. Ich glaube nicht, dass es irgendeinen politischen Hintergedanken gab. Fokionos Negri ist keine Straße, die Athen als Ganzes symbolisiert, sondern für die Nachbarschaft eine enorme Bedeutung hat und von einer Oral History lebt. Ich glaube, dass das sehr euphorisch aufgenommen wurde. Die generelle Bereitschaft zu erzählen, war sehr groß, denn die Straße repräsentiert Athen als Stadt der Moderne. Das ist ein Teil der Geschichte, der immer übergangen wird, weil alles auf die Akropolis und diesen 3-Tages-Tourismus reduziert wird, ähnlich wie in Rom, wo man die Antike dem Rest Europas unterjubeln will.

Ihr wählt eine Stadt aus und dann eine Straße, der ihr eure Ausgabe widmet. Wie läuft der Entscheidungsprozess der Stadt und der Straße ab?
Fabian: Für unsere Arbeit ist die Straße wichtiger, als die Wahl der Stadt. Dem Konzept sind da keine Grenzen gesetzt, wenn dann nur logistische. Für uns Redakteure ist es eher die Herausforderung, den Mikrokosmos zu erschließen. Das passiert aber erst, wenn wir vor Ort sind.

Das heißt, ihr macht einen Recherchetrip, bevor ihr anfangt, vor Ort an der Ausgabe zu arbeiten?
Grashina: Das haben wir dieses Mal nicht so hinbekommen. Wir kamen direkt und haben zwei Wochen gebraucht, um die Straße zu finden. Währenddessen trafen wir uns mit Leuten und konnten unsere Kontakte aufbauen. Dadurch war aber auch die Straßenwahl anders, weil sie sehr von Antonakis beeinflusst wurde, den wir bei einem Abendessen kennengelernt haben. Er wohnt auf Fokionos Negri und hat uns von der Straße überzeugt.

Antonakis, du hast die beiden also zu deiner Straße überredet? Abgesehen davon, dass du in der Straße lebst und arbeitest, was war der Grund, Fokionos Negri zu „verkaufen"?
Antonakis: Ich bin so besessen von meiner Straße. Ich habe immer gedacht, dass es die interessanteste Straße Athens ist. Also habe ich Fabian und Grashina gefragt, ob sie mir die Chance geben, sie durch sie zu führen. Sie ist ein Mikrokosmos in Athen. Die meisten Menschen gehen hier nicht hin. In den 50er und 60er Jahren war sie sehr schick. Ihr Mythos hat mich immer sehr fasziniert. Sie hat so viel Potential und man braucht einen Einwohner, der einem diese Orte zeigt. Sie trägt die Elemente des alten Athen. Damals passierte so viel. Die Filme, die Schauspieler, das Nachtleben, die Architektur...

Ich möchte den Fokus nicht auf die politische Situation in Athen legen, aber spielt Fokionos Negri eine besondere Rolle für eine politische Bewegung?
Antonakis: In der Straße leben viele Künstler. Die Miete und das Leben hier ist sehr günstig. Deshalb mieten und eröffnen hier viele Kollektive und Studios unabhängige Projekträume. Fokionos ist das Zentrum des Kypseli-Viertels. Politische Bewegungen gibt es hier nicht so viele. Es gab mal eine Besetzung des alten Marktgebäudes und leider auch einen Ort, an dem die Faschisten rumhingen. Das Interessante an der Gegend aber ist, dass ein Großteil der Bewohner Einwanderer aus aller Welt sind.

Wann wusstet ihr, dass Antonakis auch Inhalte für die Ausgabe beisteuern wird?
Fabian: Wir trafen so viele Menschen, viele davon regelmäßig. Nicht alle waren für die Ausgabe wichtig oder als Contributors relevant. Bei Antonakis war es relativ schnell klar, dass er auch inhaltlich Teil der Ausgabe werden wird.
Grashina: Eigentlich erscheint er sogar viermal. Im Editorial als fiktionaler Charakter, in meinen kleinen Geschichten, als Fotograf, und schließlich als der, der uns auf die Straße aufmerksam gemacht hat.
Fabian: Ich denke, das Magazin reflektiert Antonakis sehr gut, denn er ist visuell einer der spannendsten Künstler der Stadt. Gleichzeitig ist er ein wichtiger Charakter der Straße. Außerdem wurde er ein guter Freund.

Antonakis, dein Beitrag im Magazin ist eine mehrseitige Collage. Wie begann die Arbeit für deinen Beitrag?
Antonakis: Es gibt die Geschichte eines Schauspielers und Charakters, der bekannt ist und den jeder als den Punk von Fokionos kennt. Es gibt einen Film von 1967 The Punk Of Fokionos Negri, in dem er einen Playboy, so einen Gigolotypen, spielt. Irgendwie fand ich heraus, dass er in meiner Nähe wohnt. Ich war so von seinen Filmen angetan. Ich habe begonnen, ihn zu stalken. Nicht den Schauspieler, sondern den Charakter, den man seit Jahrzehnten kennt. Es war schwierig, ihn zu finden. Immer ist er verschwunden, als ich auftauchte, bis ich mir dachte, ich gebe auf. Dann fand ich heraus, dass er mittlerweile sehr alt ist, nicht ans Telefon geht und seit Jahrzehnten nicht mehr schauspielert. Ich wurde richtig besessen von seinem Charakter. Als wir dann alle zusammen über die Ausgabe gesprochen haben, schlug ich vor, meine Recherche über ihn in das Heft einfließen zu lassen. In Form von Skizzen und Fotografien von fiktiven Filmsets und den Orten, an denen der Punk von Fokionos entweder privat oder als Charakter im Film war. Ein bisschen wie ein Stalker-Guide.

Wie ist denn die Situation für Künstler derzeit in Athen?
Antonakis: Du wirst überrascht sein, aber die Dinge laufen ziemlich gut. Ich glaube selbst nicht, dass ich das gerade sage. Aber aus irgendeinem Grund kommen viele Menschen für diverse Projekte her. Filme, Dokumentationen, Ausstellungen... Die Documenta wird 2017 hier sein. Athen ist gerade ein Hotspot. Am Arsch zu sein, ob nun politisch, sozial oder finanziell, das treibt an! Es ist das erste Mal, dass ich merke, dass es eine Szene gibt! Es ist einfach alles so billig, da kannst du es dir leisten, ein Studio oder eine Wohnung zu nehmen.

Wie habt ihr das wahrgenommen?
Fabian: Auch wenn wir mit vielen Künstlern zu tun haben, ist Flaneur nicht wirklich abhängig von einer Szene oder einem Kreis.
Grashina: Es war aber sehr interessant zu sehen, dass immer alles läuft. Die Restaurants sind voll, die Menschen leben. Das ergibt Sinn. Denn wenn man sich die griechische Kultur ansieht, dann gehört sich das so. Wenn du mit dieser von den Nachrichten versauten Sicht nach Athen kommst, dann bist du überrascht, wie positiv die Menschen sind.
Fabian: Genau, in Deutschland siehst du, dass dort alle in Cafés hocken und man meint, die sind alle arbeitslos und hängen nur rum. Aber so ist es natürlich nicht! Es ist eine Kultur, in der man viel kommuniziert und sich trifft. Vielen ist es wichtiger, sich einen Kaffee leisten zu können, als die Heizkosten. Am öffentlichen Leben teilhaben ist dort kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit!

Gibt es denn außerhalb von Fokionos Negri auch lebhafte, kreative Straßen in Athen, die eine besondere Ausstrahlung haben?
Antonakis: Klar gibt es Straßen, die ein Potential und nette Lokale haben. Aber ich denke, es gibt keine Straße, die so lebendig ist wie Fokionos. Die Struktur, die Energie, die Menschen, die Ästhetik ist besonders! Es ist keine typische Athener Straße. Sie ist einzigartig.
Fabian: Ich finde es spannend, dass Athener sagen, dass die Straße sehr europäisch ist. Weil sie an eine Art Boulevard denken. Aber Pariser Boulevards beispielsweise sind sehr militärisch konzipiert und künstlich entstanden. Fokionos Negri hingegen war eine natürliche Wasserquelle, ein Fluss, und funktioniert jetzt als Verbindung der Stadt zu den Bergen. 

Antonakis, wie beeinflusst die aktuelle Stimmung in der Stadt dein kreatives Schaffen?
Antonakis: Ich bin total unabhängig und lebe in einer Blase. Ich habe überhaupt keine Ahnung von der politischen Situation, ich versuche, so wenig wie möglich darüber zu erfahren. Meine Arbeit hat nichts mit Griechenland zu tun. Meine Arbeit ist vom Medium Fernsehen beeinflusst, das ist hauptsächlich amerikanisch und britisch. Ich könnte auch ohne den ganzen Kreativtrubel arbeiten, aber die Stimmung hier ist einfach zu gut. 

Das Gespräch fand Ende November in Berlin statt. Antonakis Christodoulou lebt und arbeitet in Athen.

Bisher hat FLANEUR Ausgaben zu Straßen in Berlin, Leipzig, Montreal, Rom und Athen veröffentlicht. Im Frühjahr 2016 geht es nach Moskau.

flaneur-magazine.com

antonakis.org

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