Hien Le S/S 19, Fotos: Christoph Schaller

Modedesigner Hien Le zeigt die brutale Schönheit vom Kottbusser Tor

Ist die angeblich gefährlichste Ecke Berlins wirklich so schlimm?

von Marieke Fischer
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26 Februar 2019, 10:24am

Hien Le S/S 19, Fotos: Christoph Schaller

Ur-Berliner sind eine rare Spezies, so sagt man. Irgendwo zwischen Gentrifizierung, Touristenströmen und internationalen Zugezogenen sind sie verschwunden. Designer Hien Le jedoch hält seinem Bezirk Kreuzberg die Treue. Hier hat er sein Studio, seine Wohnung, seine Kiezbekanntschaften. Seine Kindheitserinnerungen. Erinnerungen, die in dieser Form heute nicht mehr möglich wären. Der einst so harte Stadtteil Kreuzberg 36 ist jetzt beliebt bei Familien und Maklern. Bei Brunchliebhabern und Modeexperten.

Aber ein ganz bestimmter Ort, das Kottbusser Tor, wird seinen schlechten Ruf scheinbar einfach nicht los. Der berühmte Verkehrsknotenpunkt sei dreckig, gefährlich. Drogen wechselten hier ihre Besitzer wie Passagiere die U-Bahn. Doch ist das wirklich so? Modedesigner Hien Le, bekannt geworden für seine zeitlosen Kreationen, hat seine aktuelle Kampagne eben diesem Ort gewidmet. Im Interview wirft er einen Blick in die Vergangenheit und verrät, was man am Kottbusser Tor (liebevoll Kotti genannt) definitiv vermeiden sollte.

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Hien Le S/S 19, Foto: Christoph Schaller

Warum hast du dich dazu entschieden, deine neue Kampagne am Kottbusser Tor zu fotografieren?
Die Kollektion ist quasi eine Hommage an mein Zuhause. Kotti ist Teil von Kreuzberg, ein Stück Zuhause. Egal wie dreckig und muffig das Kottbusser Tor manchmal sein mag, freue ich mich doch jedes Mal, wenn ich aus der Bahn komme und weiß, ich bin zurück in vertrauter Umgebung.

Wie war es für dich, im legendären Bezirk Kreuzberg 36 aufzuwachsen?

Das Normalste der Welt. Ich habe Kreuzberg immer geliebt, obwohl es damals ein sehr viel härteres Pflaster war als heute. Es galt immer als Problembezirk, vielleicht wegen des hohen Migrantenanteils und den vielen Punks. Mich hat das aber nie gestört, ich habe auch keine negativen Erfahrungen gemacht. Es war immer friedlich – außer am 1. Mai.


Die Punks gibt es heute nicht mehr, das ist schade, da sie dem Bezirk seinen alternativen Touch verliehen haben. Doch die alten Kneipen, wo sie sich getroffen haben, sind noch da. Auch, wenn jede Veränderung immer etwas Schönes mit sich bringt, ist man um manche natürlich auch traurig.

In dem Bezirk ist kulturell gesehen ganz viel passiert: Von Graffiti und Musik bis hin zur Mode. Seitdem haben der omnipräsente Berlin-Hype und die Gentrifizierung viele Teile der Stadt komplett verändert. Welche Entwicklung konntest du selbst feststellen?
Natürlich ist es nicht mehr das, was es mal war. In den letzten sechs, sieben Jahren ging es plötzlich ganz schnell. Ständig schließt etwas und Neues eröffnet. Ich bin froh um die Läden, die sich in der Kotti-Gegend noch halten können. Die Gegend hat sich gewandelt – früher hatten alle Panik vor dieser Ecke, heute ist es Trendbezirk. Dafür ist es noch internationaler geworden und das kulinarische Angebot hat sich gesteigert.

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Hien Le S/S 19, Foto: Christoph Schaller

Hast du das Gefühl, die Veränderungen – nicht nur in Kreuzberg 36, sondern in ganz Berlin – haben einen Einfluss auf die Kreativszene? Steigende Preise sind ja leider häufig ein Killer für freie und neue Ideen …
Ja, aber trotz sezierender Preise glaube ich, dass Berlin immer noch – im Vergleich zu anderen deutschen Städten oder europäischen Metropolen – günstig ist. Deshalb ziehen weiterhin viele her und versuchen, sich selbst zu verwirklichen. Ich könnte mir keinen anderen Standort vorstellen. Ich könnte es mir gar nicht leisten, eine Wohnung und ein Studio irgendwo anders zu mieten, selbst wenn die Lebenshaltungskosten natürlich gestiegen sind.

Aber ich habe den Eindruck, dass es nicht weniger wird, an Kreativität, sondern tatsächlich das Gegenteil der Fall ist. Jedes Jahr kommen neue Galerien, Kunstvereine und Labels dazu. Die Cafés sind schon am Morgen gut besucht, da es so viele Freelancer gibt. Bestimmt haben die steigenden Preise einen Einfluss, doch momentan tut sich noch sehr viel.

Eigentlich sind Bahnhöfe klassische "Nicht-Orte". Trotzdem hat es der Kotti geschafft, eine kulturelle Identität zu kreieren. Was macht ihn so besonders?
Eben genau das! Wenn man an Kreuzberg denkt, denkt man sofort an das Kottbusser Tor. Zum einen, weil sich hier die U1 und U8 kreuzen. Zum anderen, weil es immer als Brennpunkt galt.

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Hien Le S/S 19, Foto: Christoph Schaller

Für mich sind es besonders die Menschen, die dem Kotti seine einmalige Atmosphäre verleihen. Sei es der Typ, der ständig auf einer Telefonzelle saß, die Menschen am 24/7 Obststand, der Lieblings-Spätiverkäufer oder die Stamm-Barkeeperin. Hast du auch einen ganz besonderen Menschen, den du mit dem Kotti verbindest?
Für mich sind es tatsächlich einige Menschen, die den Kotti für mich zu einem ganz besonderen Ort machen. Sabine mit dem Blumenladen, in dem ich jedes Wochenende meine Blumen kaufe. Berit, mein Lieblingsfahrradmann, der schon immer meine Räder repariert hat. Rosa, die netteste Kellnerin im Gorgonzola Club, wahrscheinlich aus ganz Berlin. Institutionen wie Feinkost Hillmann oder die Buchhandlung Kisch & Co – solche Orte dürfen niemals verschwinden. Das alles ist Kreuzberg. In einem Kiez sollte man sich gegenseitig unterstützen, sich unterhalten, sich kennenlernen.

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Hien Le S/S 19, Foto: Marius Uhlig, links: Sabine, rechts: Berit

Was ist deine liebste Anekdote über den Kotti?
Vor ein paar Jahren spazierte ich mit einem Freund durch die Oranienstraße, wo zu der Zeit ein neues Café aufgemacht hatte, das plötzlich total hip und angesagt war. Ich erzählte ihm, dass dafür die ganzen Cool Kids aus Mitte nach Kreuzberg kämen. In dem Moment hielt ein Taxi vor uns und ein aufgestylter Typ fragte, wo er denn exakt dieses Café finden könne – da musste ich schmunzeln. Damals, wenn ich in Mitte ausging und mich jemand fragte, wo ich denn wohnen würde, reagierten die Menschen nämlich immer schockiert. Sie dachten der Kotti sei unglaublich gefährlich.

Dieses Gerücht hält sich überraschenderweise immer noch. Ständig liest man, der Kotti sei "der gefährlichste Ort Berlins" – Panikmache oder Realität?
Für mich eher Panikmache. Ich weiß, dass schon einiges am Kotti passiert ist, aber solche Sachen sind woanders auch schon passiert. Sie können überall passieren. Ich habe den Kotti nie als gefährlich empfunden, aber vielleicht auch, weil ich daran gewöhnt war.

Was sollte man am Kotti nicht machen?
Angst haben, obwohl man keine Angst haben muss.

Und was sollte man auf jeden Fall machen?
Sich frei bewegen wie überall anders auch. Und alle Leckereien probieren, die man kosten kann.

@studiohienle

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Hien Le S/S 19, Foto: Christoph Schaller
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Hien Le S/S 19, Foto: Christoph Schaller
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