Zac Efron as Ted Bundy in Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile

Wie können Menschen den berühmten Serienkiller Ted Bundy verehren?

Ihm wurden eine ganze Netflix-Dokumentation und ein Film gewidmet. Nun entflammt auf Social Media eine Diskussion über ein seltsames Phänomen: Die Romantisierung und Sexualisierung eines Mörders.

|
29 Januar 2019, 5:12pm

Zac Efron as Ted Bundy in Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile

Ist es OK einen Crush auf einen Serienmörder und Vergewaltiger zu haben? Einer, der eh schon längst tot ist? Und wenn er von einem sehr attraktiven Zac Efron gespielt wird? Die meisten von uns würden mit einem definitiven NEIN antworten, aber das Internet scheint gespaltener Meinung zu sein ...

Ted Bundy, ein berüchtigter Serienkiller aus den 70ern wurde dieses Jahr nicht nur eine Netflix-Dokumentation, sondern auch noch ein ganzer Film gewidmet. Verantwortlich für beide Projekte ist der Regisseur Joe Berlinger, der sein Interesse für das Crime-Genre zuvor bereits mit einer Doku über Whitey Bulger bewiesen hat.

Letzte Woche feierte Berlingers Film Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile (mit Zac Efron als Bundy) auf dem Sundance Festival Premiere. Zur gleichen Zeit katapultierte sich auch die Netflix-Doku The Ted Bundy Tapes auf die Startseite der Streaming-Plattform unseres Vertrauens. Beide haben eine kontroverse Diskussion in den sozialen Medien ausgelöst, die bereits vor dem Internet existierte: das seltsame Phänomen der Romantisierung und Sexualisierung von Celebrity-Serienkillern. Frauen teilten Fotos des echten Bundy auf Twitter mit Worten wie "hot" und wurden von der Internet-Community schnell dafür verurteilt. Zu Recht. Einige gingen sogar so weit, zu behaupten, dass jemand, der so bekannt wie Zac Efron sei, niemals für die Rolle des Bundy gecastet werden dürfe – aus der Angst heraus, dass Teenager ihn in seiner Rolle attraktiv finden könnten. Das ist natürlich kompletter Quatsch, denn der Liebeskult um Figuren wie Bundy ist bei weitem nichts Neues: Als er noch lebte, bekam er unzählige Fan- und Liebesbriefe ins Gefängnis geschickt und in einigen düsteren Ecken des Internets wurde er zu einer faszinierenden Legende stilisiert.

Auf Plattformen wie Tumblr tummeln sich Fans des Serienmörders, da sie sich in der Anonymität des Internets in Sicherheit wägen. Hier diskutieren sie die jeweiligen Vorzüge der Frisuren verschiedener Serienvergewaltiger oder veröffentlichen kitschige, selbstgezeichnete Comics mit dem Kannibalen Jeffrey Dahmer in der Hauptrolle. Leute photoshoppen sogar Bilder von Bundy in ihre Selfies und machen daraus Collagen inklusive Emoji-Herzen und Krönchen. Dieses kontroverse Verhalten kategorisieren manche als psychologische Tendenz, besser bekannt als "Hybristophilie" oder auch "Bonnie-und-Clyde-Syndrom". Das heißt so viel wie: Frauen werden von Männern erregt, die unglaublich gewalttätige Handlungen wie Vergewaltigung oder Mord begangen haben.

Wenn man "Bad Boys" anziehend findet, ist Hybristophilie also das nächste Level. Wahrscheinlich fällt der Großteil der jungen Frauen, die Ted Bundy online anhimmeln, nicht wirklich in letztere Kategorie. Für diese Teenager verkörpern Serienkiller eine unerreichbare Fantasie – ein bisschen so, als wenn man früher ein lebensgroßes Poster von Justin Timberlake in der Bravo fand (nur ohne den Massenmörder-Teil). Diese zu Ikonen stilisierten Killer sind meist tot, im Gefängnis oder zumindest in sicherer Entfernung. Denn seien wir mal ehrlich, die meisten Girls würden sich glücklicherweise sofort aus dem Staub machen, käme ihnen ein Typ wie Bundy in die Quere.

Trotzdem: Wir können nicht leugnen, dass die Dokumentation The Ted Bundy Tapes eine fesselnde Wirkung hat. Zu hören bekommen wir eine Original-Aufnahmen von Gesprächen aus dem Jahr 1980 zwischen Bundy, der zu dem Zeitpunkt im Florida State Prison saß, und dem Journalisten/ Serien-Co-Produzent Stephen Michaud. Über vier Episoden wird die zugegebenermaßen unglaubliche Geschichte erzählt, wie sich ein scheinbar sanftmütiger Jurastudenten zu einem brutalen Sexmörder entwickelt hat. Ebenfalls beleuchtet werden seine Festnahme, die wiederholte Flucht aus dem Gefängnis und der Medienzirkus rund um seine Gerichtsverhandlung. In typischer True-Crime-Doku-Manier erklingt Bundys Stimme aus dem Off, abgerundet mit Kommentaren von Polizeibeamten, Psychologen und Rechtsanwälten.

Auch wenn die Serie keines der Verbrechen entschuldigt, so schlägt sie doch eine Richtung ein, die das Narrativ von Bundy als gestörte, manipulativ-charismatische Persönlichkeit kreiert – eine bekannte Geschichte, die die Opfer in den Hintergrund rückt und den Täter auf eine altmodische, sensationsorientierte Art ins Rampenlicht stellt. Möchte Berlinger etwa, dass wir Gefühle für diesen Mann entwickeln? Selbst den empathischsten Menschen unter uns, dürfte das unmöglich sein.

Dazu kommt die problematische Art, wie die Zeitzeugen behandelt werden, als seien sie nichts anderes als eine unmittelbare und objektive Quelle. Zu Beginn der zweiten Folge impliziert eine Detektivin, dass die neuen Freiheiten, die mit der zweiten Welle des Feminismus kamen, Männern wie Ted Bundy erlaubte, überhaupt zu existieren. Was auch immer sie mit dieser Bemerkung meint, die Tatsache, dass sie unangefochten im Raum bleibt, spricht Bände. So knapp werden auch die Opfer, denen nur wenig Beachtung geschenkt wird. Was wir über die jungen Frauen lernen? Dass sie attraktiv waren, sich sehr ähnlich sahen und auf die furchtbarste Weise ums Leben kamen. Die einzige Frau, dessen Geschichte in The Ted Bundy Tapes näher beleuchtet wird, ist die von Carol DaRonch – sie war gerade einmal 18 Jahre alt, als sie Bundys Entführungsversuch entkam. Die vielen anderen, die nicht fliehen konnten, sind lediglich schwebende Schwarz-Weiß-Porträts.

Für junge Frauen, die Fans des True-Crime-Genres sind (mir inklusive), bleibt diese Art der Dokumentation ein Rätsel. Egal wie faszinierend die Geschichte auch sein mag: Es ist immer noch ein vierstündiger Non-Fiction-Film über einen Mann, der Frauen aus sonnigen Parks und Hotelaufzügen entführt und ermordert hat. Wir finden uns in dieser Geschichte wieder, wenn wir daran denken, wie wir bei Nacht auf dem dunklen Parkplatz zum Auto laufen, im Studierendenwohnheim schlafen oder einfach nur den Flur durchqueren, um zur Toilette zu gehen. Wir identifizieren uns mit der tiefsitzenden Paranoia der verfolgten Frauen, der schrecklichen Verletzlichkeit – ein wahr gewordener Alptraum. Womit wir uns nicht identifizieren, ist dieser gestörte Kerl und sein armseliger Versuch, die Porno-Industrie für sein Handeln verantwortlich zu machen.

Also noch einmal die Frage: Was bringt einen Teenager dazu, der fast so alt ist wie Bundys Opfer (die Jüngste von ihnen war gerade erst 12), auf Tumblr oder Instagram zu behaupten, er wurde "missverstanden"? Wo bleibt ihre Empathie? Warum können sich sich nicht mit den Dutzenden jungen Frauen identifizieren, die auf brutale Weise von diesem Monster umgebracht wurden? Es ist unwesentlich, wie verantwortlich wir Berlinger und der Netflix-Serie für diese Reaktionen machen können, die uns ehrlich gesagt den Magen umdrehen. Auch wenn die Diskussion nun durch einen Film und eine Netflix-Serie wiederbelebt wurde, so ist es doch seit Menschengedenken der Stoff für Debatten über Kunst und Moral. Es ist nicht einmalig für Ted Bundy oder die Internetgeneration – das ganze Konzept der Verherrlichung von Gewalttätern wirft wichtige Fragen auf. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass unsere Kultur scheinbar zu einem Ort wurde, an dem junge Frauen sich wohler damit fühlen, den Killer anzuhimmeln, als Mitgefühl für das Opfer zu zeigen. Oder wie Medien das Bild eines Superstar-Verbrechers kreieren und das Narrativ weiterhin von größtenteils Männern dominiert wird.

Ich glaube nicht daran, dass Repräsentation in der Kunst überwacht werden sollte. Ich glaube nicht, dass solch eine Darstellung eines Serien-Killers zu Copycats führen wird. Ich glaube aber sehr wohl daran, dass im Jahr 2019 ein Projekt, das andere Meinungen ausschließt, nur um einen Kult um Celebrity-Serienkiller zu kreieren – oder das Publikum dazu bringt, stärkeres Mitgefühl mit dem Täter, als wegen der gestohlenen Leben der vielen Opfer zu empfinden –, alles andere als angebracht ist.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.