Ama Split: "Ich habe diesen Mann an der S-Bahn Station Westend getroffen. Es war Mittagszeit für die Arbeiter. Als ich ihn fragte, ob ich ein Bild von ihm machen könnte, war er so glücklich, dass er richtig lächeln musste. Doch sein Gesicht war nicht mein Ziel ... sein T-Shirt spricht für sich."

So absurd sieht der Alltag auf Berliner Straßen aus

Der 'Berlin Street Photography Club' führt die rebellische Kunstform in eine neue Ära. i-D wirft einen Blick auf die Entwicklung des Genres.

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15 März 2019, 1:05pm

Ama Split: "Ich habe diesen Mann an der S-Bahn Station Westend getroffen. Es war Mittagszeit für die Arbeiter. Als ich ihn fragte, ob ich ein Bild von ihm machen könnte, war er so glücklich, dass er richtig lächeln musste. Doch sein Gesicht war nicht mein Ziel ... sein T-Shirt spricht für sich."

Taucht man ein in die Welt der Street Photography, ist es leicht, sich zu verlieren. Plötzlich wandelt man imaginär durch die Straßen fremder Städte, trifft auf unprätentiöse Randexistenzen und extravagante Erscheinungen. Es sind kurze Momentaufnahmen aus dem alltäglichen Geschehen, die ungesehen an den Passanten vorbeiziehen, dem verlängerten Auge der Fotografen jedoch nicht entgehen.

Ihre Kamera wird zum machtvollen Instrument, Geschichten zu erzählen und unbekannte Orte für uns alle zugänglich zu machen. "Das Besondere an der Street Photography ist es, Menschen und urbane Plätze in einer Art repräsentativer Darstellung des weltlichen Lebens einzurahmen", meint Alessandro lotti, der zusammen mit Alberto Ferrero den Berlin Street Photography Club gegründet hat. "Die Realität zeigen, die uns umgibt, ohne sie zu schönen. Street Photography sollte genau so sein: kompromisslos und konfrontativ."

Was Graffiti für die Malerei ist, dürfte Street Photography für das Genre der Fotografie sein. Alles muss schnell gehen. Permanente Konzentration. Fuck-It-Haltung und Konfliktfreude sind von Vorteil. Nur so gelingt es den Straßenfotograf*innen, ihre dokumentarischen Werke zu kreieren. Nichts ist gestellt, alles ist der unverfälschten Absurdität der Umgebung zu verdanken. Die Street Photography kann auf eine lange Tradition zurückschauen, die in vielen internationalen Metropolen eine florierende Szene entstehen ließ. Auch wenn es um Berlin noch etwas stiller ist, als um beispielsweise New York oder Paris, so gibt es hier doch genügend Motive, die es wert sind, eingefangen zu werden. "Die Menschen sind das Spezielle an Berlin. Eine Stadt voller Persönlichkeiten, Nationalitäten, verschiedenen sozialen und religiösen Hintergründen. Und alle sind draußen, auf der Straße, 'warten' nur darauf, fotografiert zu werden", erklärt Alessandro weiter. "Eine Art Babylon, wo alle zusammenleben, ohne sich gegenseitig zu sehr zu stressen. Berlin ist für Fotografen eine unendliche Quelle einmaliger Momente, die festgehalten werden müssen."

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Chris Morgan: "Ich habe den komischen Hut und die Brille der Frau schon von weitem bemerkt. Also bin ich hingegangen und habe ein Foto gemacht."

Damit stehen Alessandro Iotti und die elf weiteren Mitglieder des Kollektivs im Erbe der Fotograf*innen, die dieses Genre im frühen 20. Jahrhundert begründet haben. Zu dieser Zeit war die Fotografie ein junges, kostenintensives Medium, das nichts mit der massenmedialen Kommunikationsweise von heute zu tun hatte. Eugène Atget, ein gescheiterter Schauspieler, war einer der ersten, der seine Analogfilme der Straßenfotografie widmete – Prostituierte, Arbeiter, Gebäude, Parks. Alles, was das Paris des späten 19. Jahrhunderts hergab. Doch weder kommerzieller Erfolg, noch künstlerischer Prestige wurden ihm zuteil, wodurch sein Werk heute weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Im Gegenteil zu den Menschen, die nach ihm kamen. Henri Cartier-Bresson, William Klein, Diane Arbus, Lee Friedlander oder Joel Meyerowitz schafften es, das Genre weiterzuentwickeln und das Interesse renommierter Galerien, Museen und Sammler zu wecken.

Und die junge Generation steht bereits in den Startlöchern, das Vermächtnis dieser Ausnahmetalente ins Heute zu übersetzen. Was für viele Betrachter wie unbedachte Schnappschüsse wirken mag, setzt großes Können voraus. Die Fotograf*innen müssen ihr Werkzeug verlässlich kennen, Lichtverhältnisse und unvorhersehbare Bewegungen einschätzen können. Der Stil der Aufnahmen variiert, hängt stets von den rücksichtslosen Gegebenheiten ab. Mal poetisch und zart. Dann hart und körnig. Natürliches Licht oder unnachgiebiger Blitz. "Unser Kollektiv hat einen sehr speziellen Stil. Wir haben bemerkt, dass niemand das Berlin zeigt, das wir sehen. Unsere Fotografie sucht nicht nach Perfektion", sagt Alessandro über den Berlin Street Photography Club, das kurz vor seiner ersten Ausstellung in der ReTramp Gallery steht. "Die Bilder sind häufig chaotisch und sehen für viele vielleicht wie missglückte Aufnahmen aus, doch für uns stellen sie den perfekten Augenblick dar."

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Jonas Kuck: "Dieses Foto habe ich in der Nähe des Alexanderplatz aufgenommen. Der Typ stand für eine lange Zeit so rum, deswegen habe ich mehrere Bilder von ihm gemacht. Dieses war aber mein Favorit, da es Berlins merkwürdigen Charakter widerspiegelt, den ich versuche durch die Fotografie zu erforschen."

Auch die Modeindustrie hat in der Street Photography einen profitablen Mehrwert für ihre Zwecke erkannt. Das Leben auf der Straße wird als "edgy" Hintergrund genutzt, um Models in Designer-Stücken inmitten turbulenter Szenerien posieren zu lassen. Nahbarkeit und Authentizität das Ziel. Angeführt von Demna Gvasalias Balenciaga, modifiziert in Helmut Langs "Taxifahrer-Kampagne", praktiziert von vielen Independent-Magazinen und perfektioniert von Daniel Arnold oder der Kooperation zwischen dem legendären britischen Fotografen Martin Parr und Millennial-Flüsterer Gucci.

Doch die Repräsentation von Fotografinnen bleibt trotz des Hypes um das Genre weiterhin mangelhaft. "Das ist wahr, selbst in unserem Kollektiv haben wir nur eine Frau. Aber wir freuen uns über alle, die an unseren Meetings teilnehmen wollen", wirft Alessandro ein. "Leider ist alles in der Welt immer noch männerdominiert und Fotografie ist dagegen nicht immun. Doch es ändert sich und Instagram-Accounts wie @womenstreetphotographers oder @womeninstreet sind der Beweis dafür. Wir sind uns sicher, dass viele großartige Fotografen Frauen waren und sind."

Eine dieser Frauen, deren Werk erst nach ihrem Tod für internationale Faszination sorgte, war Vivian Maier. Ihr Leben lang hielt sie ihre Arbeit geheim, verdiente sich ihr Geld als Haushälterin und Kinderbetreuerin. Niemand hätte geahnt, dass sie in ihrem Zimmer eine Sammlung der wertvollsten kulturhistorischen Dokumente unserer Zeit aufbewahrte.

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Daan Dam: "Dieses Bild habe ich unter der S-Bahn Brücke Zoologischer Garten aufgenommen. Es war eine türkische Hochzeit. Die Menschen, die diesen Anlass gefeiert haben, hatten sich entschieden, eine Straßenblockade zu erstellen, um eine klassische Hup-Session einzulegen. Das war unglaublich. Das Chaos, das sie kreiert haben, hat mich begeistert. Ich liebe Chaos."

Von der Öffentlichkeit gefeiert, von der Justiz reglementiert. Street Photography hat – Überraschung – besonders in Deutschland einen schwierigen Stand, wenn es um die Gesetzeslage geht. Die kontroverse Diskussion um Kunstfreiheit versus Persönlichkeitsrecht der abgebildeten Personen hat vielen Fotograf*innen schon Briefe von Anwälten beschert. So wurde das mittlerweile in Ruhestand versetzte Sweet Sour Kollektiv, bei dem die beiden BLNSPC-Mitglieder Daan Dam und Alberto Ferrero involviert waren, an seiner ersten Ausstellung gehindert. Ein fotografiertes Subjekt stellte sich quer. "Bisher hatten wir noch keine Probleme, stellen aber klar, dass jedes Mitglied die persönliche Verantwortung trägt", erklärt Alessandro weiter. "Für Publikationen und Ausstellungen haben wir uns geeinigt, dass wir keine Bilder zeigen, die ein Subjekt oder eine Situation zeigen, die das Empfinden anderer verletzen oder Grund für gerichtliche Schritte sein könnte."

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Kalle Krahmer: "Ich habe diese Person getroffen, als sie einen gefundenen Kinderwagen auseinanderbaute, um einen Fahrradanhänger für ihren Hund, Chernobyl, zu bauen. Wir haben zwei Stunden zusammen getrunken und ich habe geholfen, den Wagen zusammenzusetzen. Im Sommer will sie mit dem Rad Richtung Norden aufbrechen. Chernobyl wird 15 und kann den Weg nicht auf ihren Beinen zurücklegen. So verdient sie sich ihr Geld."

Selbst wenn es manchmal schwierig sein mag, ist es doch kein Grund aufzugeben. Die Befriedigung, die mit dieser Kunstform einhergeht, ist einfach zu groß. Der Entdeckergeist wird stimuliert, die Zusammentreffen mit den Porträtierten sind prägend, die Geschichten grenzenlos. Und auch für das Berlin Street Photography Club geht es immer nach vorn. Ausstellungen in Tokio, Kooperationen mit globalen Fotograf*innen, ein eigenes Zine. Weiter, über die Grenzen der Stadt, über das Handydisplay hinaus.

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Alessandro Iotti: "Diese zwei Ladys brauchten wahrscheinlich etwas mehr Licht, um ihren 5-Uhr-Tee auszuleuchten. Der klassische Berliner Nonsens-Moment ist, was ich am meisten an der Stadt und ihren fotografischen Möglichkeiten liebe."

Wenn ihr mehr von dem Berlin Street Photography Club sehen möchtet, besucht sie online oder IRL bei ihrer Ausstellung in der ReTramp Gallery, 15. März 2019, 19 - 22 Uhr.