Diese Porno-Macherin erklärt, warum einige Männer Busen und andere Füße lieben

Wir haben mit Porno-Pionierin Dian Hanson über weibliche Dominanz, Fetisch und die wahre Liebe gesprochen.

von Helen Schulte
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28 September 2017, 12:24pm

Wir alle kennen Hugh Hefner, der mit dem Playboy die Pornoindustrie wahrscheinlich zu dem gemacht hat, was sie heute ist und gestern Abend im Alter von 91 Jahren verstorben ist. Eher wenigen dürfte dafür Dian Hanson ein Begriff sein. Die Mitbegründerin des Hardcore-Magazins Puritan und ehemalige Herausgeberin diverser Sex-Fetisch-Zeitschriften stieg in den 70ern, im Alter von 24 Jahren, ins Hardcore-Porno Business ein. In einer von Männern dominierten Branche erlangte sie einen Status und Einblicke, die nur wenigen Frauen vergönnt sind. An der Spitze des Magazines Leg Show und Juggs stand sie im engen Austausch mit ihren Lesern. Deren Leserbriefe behandelten Fantasien, die von vielen als lächerlich abgetan wurden, bei Dian jedoch über Jahrzehnte auf Verständnis trafen. Sie verurteilte sie nicht für ihre Gewaltfantasien, das Bedürfnis nach körperlicher Unterdrückung und ihre Fetische. Mit dem Einzug des Internets änderte sich die Dynamik und Dian begann für den TASCHEN Verlag an Büchern zu arbeiten. Einige ihrer Werke sind gerade in Berlin zu bestaunen. Bei der Eröffnung haben wir es uns nicht nehmen lassen, dieser Pionierin des Pornos ein paar Fragen zu stellen.


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Du hattest deinen ersten Job in der Sexindustrie bei einem Hardcore-Porno-Magazin — damals warst du 24 Jahre alt. Was hat dich daran gereizt, diesen Job anzunehmen?
Ich hatte einen Freund, der PR-Arbeit für einen Mann gemacht hat, dem eine Kette von Buchhandlungen gehörte und dieser Typ wollte ein Sex-Magazin machen. Als er uns von dieser Idee erzählte, sagten wir, dass wir das für ihn übernehmen können. Wir wussten nicht, wie man ein Sexmagazin macht. Ich habe daraufhin immer mehr Leute kennengelernt und Jobs bekommen. Ich habe es geliebt und auch von Anfang an meinen echten Namen benutzt. Früher konntest du die Bilder selber schießen, schreiben und über das Layout entscheiden. Und wir konnten zu all den Partys gehen und hatten immer freien Eintritt zu den Sex Clubs.

© TASCHEN

Als Kuratorin dieser Ausstellung hast du dich dazu entschieden, die Kunst von Eric Stanton und Elmer Batters auszustellen. Warum?
Das waren zwei Männer, die ich persönlich kannte und mit denen ich für mein Magazin Leg Show seit 1986 zusammengearbeitet habe. Als ich dann mit Leg Show anfing, half mir Elmer Batters, Fetischisten, insbesondere Fuß-Fetischisten, besser zu verstehen. Er hat es nie gewagt, seinem Fetisch auf irgendeine andere Weise als durch seine Kunst Ausdruck zu verleihen.

© TASCHEN

Was war deine anfängliche Haltung zu Fetischismus?
Als ich Leg Show 1986 übernahm, wusste ich nicht sehr viel über Fetischismus. Elmer Batters hatte eine Theorie darüber, warum sich ein kleiner Junge zu einem Fuß-Fetischisten entwickelt: Er wird von seiner liebenden Mutter auf den Arm genommen, wenn er traurig oder verängstigt ist. Er ist an ihren Busen gekuschelt, der zum Symbol für Fürsorge, Liebe und Pflege wird. Der kleine Junge wächst zu einem Busen-Mann auf und wird selbstbewusst, kontaktfreudig und athletisch, wie Busen-Männer eben so sind. Der Junge, der zum Bein- oder Fuß-Fetischisten wird, wird auf dem Boden sitzen gelassen, wenn er weint. Sein Mutter möchte, dass er alleine damit klarkommt und sich ausweint. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich zum Trost an ihre Beine oder Füße zu klammern. Das lässt ihn zu einem Jungen werden, der sich nie vollkommen getröstet fühlt oder sich der Liebe einer Frau sicher sein kann.

Verändert dieses Wissen die Art, wie du die Fotografien siehst?
Was ich in den 15 Jahren, in denen ich für Leg Show gearbeitet habe, durch die Kommunikation mit unseren Lesern gelernt habe, führte dazu, dass ich mit Verständnis auf diese Fotografien blicke. Ich weiß, dass Eric Stanton und Elmer Batters Millionen anderer Männer repräsentierten, deren Fetisch ihnen die Möglichkeit auf Liebe verwehrt. Wenn ein Mann devot ist und möchte, dass eine Frau die Oberhand in der Sexualität übernimmt, findet er selten eine Frau, die dazu bereit ist. Die meisten Frauen wollen einen starken, selbstbewussten Mann, der ihnen sagt, was sie tun sollen.

© TASCHEN

Batters war ein Pionier der amerikanischen Fetisch-Fotografie. Was veränderte seine Arbeit für den Ruf von Fetischisten?
Ich glaube nicht, dass sich großartig etwas gebessert hat. Am Anfang konnte er solche Fotos nicht publizieren. Erst in den späten 50er und 60er Jahren begannen ihm andere Fuß-Fetischisten zu schreiben, dass sie gerne mehr davon sehen würden. Sie gaben ihm Anerkennung und Selbstbewusstsein. Viele Männer erkannten, dass sie nicht alleine waren. Doch dann wurden die Zensurbestimmungen geändert und es durfte komplette Nacktheit gezeigt werden. Jeder war besessen von den Genitalien! Der Fuß-Fetisch verschwand in den Untergrund bis wir ihm mit Leg Show wieder eine Plattform gaben. Heute gibt es keinen wirklichen Markt mehr dafür sondern das Internet. Wenn Leute auf Füße stehen, können sie sie dort entdecken.

© TASCHEN

Die Medien stellen Fetischismus häufig als etwas Unterhaltsames, Absurdes, auf irgendeine Art Witziges dar. Die sexuellen Präferenzen eines Fetischisten können aber viel mehr für diese Person bedeuten, als man denkt.
Genau, es ist wie du sagst "auf irgendeine Art witzig". Das ist, wie Fetischisten betrachtet werden und das ist das, wovor sie sich alle fürchten. Wie könntest du so etwas bloß ernst nehmen? Wie kann man glauben, dass ein Mann es bevorzugt, an deinem Zeh zu lutschen, anstatt Geschlechtsverkehr mit dir zu haben? Für diese Menschen nimmt ihre Sexualität an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben eine Wendung. Der traurige Aspekt daran ist, dass sie der Fetisch davon abhält, geliebt zu werden.

Warum glaubst du ist es wichtig, dass Menschen mehr über Fetische erfahren?
Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, dass andere Menschen mehr darüber erfahren. Ich glaube, dass es wichtig ist, Menschen mit Fetischen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass sie Liebe finden können. Männer, die auf der Suche nach der Liebe einer Frau sind, sollten nicht nach einer Frau suchen, die auch auf Füße steht, denn das wird nicht passieren. Sie können aber nach einer Frau suchen und dieser Frau selbstbewusst erklären, was ihr Fetisch ist und dass dieser Fetisch nicht bedeutet, dass sie verrückt sind. Sie können die sexuellen Bedürfnisse einer Frau befriedigen, Liebe finden und kompatible Beziehungen eingehen. Diese Ausstellung soll Menschen solche Dinge sehen lassen [deutet auf Fotografien] und dazu führen, dass Fetischisten sich mit sich selbst etwas mehr wohlfühlen. Vielleicht können sie dann auch selbstbewusster damit umgehen, ihren Geliebten von ihrem Fetisch zu erzählen und sich ihnen gegenüber zu offenbaren.

Dian Hanson von © Helmut Newton