So überraschend sieht ein ganz normaler Tag in der New Yorker U-Bahn aus

Fotograf Andre Wagner hält die flüchtigen Momente im Untergrund der amerikanischen Metropole fest.

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Okt. 12 2017, 10:30am

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

"Ich bin wie ein kleines Kind. Ich möchte die ganze Zeit aus dem Fenster schauen", sagt Andre Wanger über das U-Bahnfahren.

Er lebt in Bushwick, an der J-Linie, die oberirdisch durch Brooklyn und Queens führt. Das natürliche Licht ist besser zum Fotografieren als das bei den Zügen, die durch Manhattan fahren. Sollte man zumindest denken. "Als Fotograf gehört die U-Bahn zu den letzten Orten, an denen man eigentlich fotografieren will, weil es dort so dunkel ist", sagt Andre lachend.

Neben den Lichtverhältnissen gehört auch die Enge im öffentlichen Nahverkehr der amerikanischen Millionenmetropole zu den Herausforderungen. Gleichzeitig macht genau das aber gerade den Reiz aus: wo sonst sitzt man auf so kleinem Raum mit Fremden zusammen, die womöglich schlafen oder sich womöglich ihre Nägel schneiden.


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In der Rushhour ist es manchmal so voll, dass er seine Kamera kaum bedienen kann. Er wird von Fremden angestarrt, weil er andere Fremde fotografiert. "Ich habe gelernt, dass man schnell sein muss, wenn man in die Privatsphäre von Leuten eindringt", erklärt er. "Man kann die Leute auf dem falschen Fuß erwischen. Aber wenn man etwas sieht, dann muss man es einfach fotografieren."

Für sein neues Buch Here for the Ride hat er vier Jahre lang in der U-Bahn fotografiert und die New Yorker dabei in surrealen, oft witzigen Momenten dokumentiert. Auf einem Bild sind zwei Männer in Skimasken zu sehen, die mit einer Gefriertruhe in die Bahn springen, bevor sich die Türen schließen.

"U-Bahn-Fahren hat auch etwas Politisches", sagt Wagner. "Überall sieht man die amerikanische Flagge. Es wechseln die Viertel und damit die Leute. Ich bin ein schwarzer Fotograf, mein eigenes Leben in Amerika hat mich bei der Auswahl der Bilder beeinflusst."

2011 ist Andre Wagner aus Nebraska nach New York gezogen, um Sozialarbeit zu studieren. Doch bald schon hat er seine Leidenschaft für die Fotografie entdeckt. Also hing er sein Studium an den Nagel, um sich der Fotografie zu widmen. Seine Aufnahmen erscheinen regelmäßig in der New York Times.

Die Fotos in Here for the Ride sind zwischen 2013 und 2016 enstanden und halten einen besonderen Zeitpunkt in der amerikanischen Geschichte fest. So steht ein weißer Mann im Anzug mit einem Schild auf dem Bahnsteig: "Die schweigende Mehrheit unterstützt Trump". Er hateinen Polizisten dabei fotografiert, wie er einen schwarzen Teenager in einem Hoodie verhört. "Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Leute durch meine Arbeiten täuschen lassen", erklärt der Fotograf. "Weil es Schwarz-weiß-Aufnahmen sind, glauben sie, dass sie nostalgisch sind, dabei beschäftige ich mich mit der Gegenwart."

Aber der Amerikaner möchte nicht als Fotojournalist beschrieben werden. "Ich möchte nicht, dass die Leute so an das Buch herangehen", sagt er seinem Freund, dem Poeten Miles Hodges, der die Einleitung geschrieben hat. Dann vielleicht als Straßenfotograf? Das trifft es auch nicht wirklich, weil sich die Begriffsbedeutung seit den Tagen von Gordon Parks so verändert hat. Im Jahr 2017 kann man das Wort Straßenfotograf fast nicht mehr sagen, ohne an Instagram oder irgendwelche Beauty-Blogs zu denken. Andre Wagner operiert im Feld zwischen Journalismus und Autobiografischem. "Ich passe in keine Schublade, weil ich keine Nachrichten fotografiere, es ist aber auch nicht so ist, dass ich ohne nachzudenken auf der Straße fotografiere", erklärt er. "Ich versuche, die Welt zu verstehen und die Geschichten anderer Leute zu erzählen, die mein Leben streifen."

Instagram hilft ihm auch dabei, seine Arbeiten einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Wie vermutlich so ziemlich jeder, hat Andre Wagner das Gefühl, dass er zuviel Zeit mit der App verbringt. Aber durch seine vielen Follower wurde ein Verlag auf ihn aufmerksam. "Ich mag die App, weil ich an die vielen schwarzen Fotografen denke, die bisher nicht die Chance hatten, ihre Arbeiten zu veröffentlichen. Ich lebe in einer Zeit, in der ich mit anderen meine Aufnahmen teilen kann."