Links: Romy Alizée, Rechts: Agostina Valle Saggio

Zwei queere Fotografinnen erklären, warum Erotik nur mit Feminismus funktioniert

"Du darfst ohne das Einverständnis niemals über den Körper und das Leben eines anderen entscheiden – aber die meisten Menschen verstehen das nicht."

von Dana Hajek
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14 Juni 2019, 10:56am

Links: Romy Alizée, Rechts: Agostina Valle Saggio

Konsens: Bevor Menschen miteinander schlafen, machen sie deutlich, dass der Sex einvernehmlich ist. Doch diese Idee sollte nicht erst seit #MeToo als Selbstverständlichkeit gelten. Als Anfang der 90er eine Welle sexueller Gewalt an amerikanischen Unis für Aufsehen sorgte, schloss sich eine Gruppe politisch motivierter Frauen zusammen, um diesem misogynen Verhalten ein Ende zu bereiten. Sie legten den Grundstein für ein Konzept, das fast 30 Jahre brauchte, um endlich in den Köpfen von Männern und Frauen anzukommen.

Das diesjährige WHOLE Festival lädt an diesem Wochenende Künstler*innen, Performer*innen und Crews ein, zu zeigen, was 'Sex & Consent' bedeutet. Ein Thema, mit dem sich auch die französische Fotografin Romy Alizée und die aus Argentinien stammende Agostina Valle Saggio im Rahmen einer Ausstellung des Berliner Künstler-Kollektivs Curated by GIRLS auseinandersetzen. Sie spielen bewusst mit der Darstellung von weiblicher Sinnlichkeit, die – egal wie offen und liberal wir sind – immer noch häufig für den männlichen Blick kreiert wird.


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Sie zeigen Frauen, die ihre Sexualität selbstbewusst präsentieren. Auf den ersten Blick sehen wir nackte Körper. Doch es ist viel mehr als das: eine Kritik an diskriminierenden Rollenklischees, die unbekleidete Frauen als 'billig' und 'unterwürfig' stigmatisieren. Sie definieren eine neue Wahrnehmung von Erotik, in der sie feministische Ideale und queere Lebensrealitäten mit freier Körperlichkeit und Sexualität inszenieren.

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Foto: Romy Alizée

Wie seid ihr zur Fotografie gekommen?
Romy: Während meines Schauspielstudiums habe ich als Erotik-Model gearbeitet und wurde dabei hauptsächlich von Männern fotografiert. Irgendwann fragte ich mich, warum das so ist. Zu dieser Zeit schenkte mir mein bester Freund eine Analogkamera, das ist jetzt vier Jahre her. Seitdem habe ich mir alles selbst beigebracht und ein Fotobuch veröffentlicht.
Agostina: Ich hatte schon immer eine sehr enge Verbindung zur Kunst. Seit ich klein war, habe ich mit Fotografie experimentiert und nie wirklich aufgehört zu lernen. Mittlerweile studiere ich Multimediale Kunst in Buenos Aires.

Haben euch eure Arbeiten je in Schwierigkeiten gebracht?
R: Manchmal ist es schwierig, ernst genommen zu werden. Die meisten Menschen denken, sich nackt zu zeigen, ist einfach, steht in Verbindung mit dem Slogan 'Sex Sells' oder ist schlicht uninteressant. Ich kann überhaupt nicht sagen, wie viele Türen sich schließen, wenn du sinnliche und feministische Kunst machst. Wenn du nackt bist, wirst du schnell in die 'Schlampen-Schublade' gesteckt. Wenn du dann auch noch eine Diskussion über Geschlechterrollen, Heterosexualität und Kapitalismus – der Feind des Feminismus – führen willst, wirst du garantiert kämpfen müssen. Hinzukommt, dass die Zensur auf Social Media die Verbreitung von sexuellem, feministischem Content erschwert. Zum Glück habe ich eine Community, die mich in Paris unterstützt, sonst hätte ich schon längst den Mut verloren
A: Seit ich ein Teenager war, hat mich Nacktheit fasziniert. Schwierigkeiten hat man bei so einer Stilrichtung meistens mit der Familie und auf Social Media. Viele Menschen wollen nicht akzeptieren, dass es dein Körper ist und du damit machen kannst, was du willst.

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Foto: Agostina Valle Saggio

Was bedeutet Konsens für euch?
R: Dir selbst zuhören, deine Wünsche und deine Grenzen zu kennen. Aber auch aufmerksam gegenüber anderen zu sein. Ich weiß wovon ich spreche: Als ich selbst noch als Model gearbeitet habe, musste ich wegen Vergewaltigung klagen ... Um erotische Bilder zu machen, ist gute Kommunikation eine Voraussetzung und Konsens entscheidend. Ich muss genau sehen, wie sich das Model fühlt, um Problemen aus dem Weg zu gehen oder sie vorzubeugen. Aber es ist nicht einfach. Manchmal willigst du ein und mitten im Shoot fühlst du dich trotzdem schlecht. Man kann nie garantieren, wie es ausgeht. Ich kann nur versuchen, so gut wie möglich zu kommunizieren und aufmerksam zu sein.
A: Es ist die Erlaubnis, etwas zu tun, was eine andere Person involviert. Konsens ist nicht nur Sex. Es ist in allem, was wir tun. Ohne Konsens können wir keine gesunden Beziehungen führen. Alles, was du ohne Einwilligung machst, ist missbräuchlich. Sex ohne Konsens ist Vergewaltigung. Nachdem ich selber auch die Erfahrung von Missbrauch gemacht habe, bedeutet Konsens alles für mich. Du darfst ohne das Einverständnis niemals über den Körper und das Leben eines anderen entscheiden. Es ist so einfach, aber die meisten Menschen verstehen das nicht.

Romy Alizée
Foto: Romy Alizée

Welche Aspekte fehlen eurer Meinung nach in der Debatte um sexuelle Einvernehmlichkeit?
R: Ich finde, die meisten großen Medien konzentrieren sich nur auf die weibliche Perspektive. Das ist ein guter Anfang, aber es fehlt etwas Entscheidendes: Frauen reagieren auf das Verhalten von Männern. Wenn ich ein Medium leiten würde, würde ich mich auf die Perspektive von Männern konzentrieren, um den Ursprung dieser Vergewaltigungskultur besser verstehen zu können. Wir sollten generell der Frage nachgehen, warum die Gesellschaft Männer mit dem Selbstverständnis erzieht, grob und dominant gegenüber Frauen sein zu dürfen. Nur dann können wir etwas ändern!
A: In Argentinien wird alle 28 Stunden eine Frau* ermordet. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist, aber hier beschuldigen die Medien immer das Opfer und blenden den Schmerz der Familie fast komplett aus. Es ist verrückt, wie wenig sich Mainstream-Medien für Konsens interessieren. Es soll endlich so über Vergewaltigung, Missbrauch und Gewalt geredet werden, wie es auch wirklich ist.

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Foto: Romy Alizée

Welche Botschaft steckt hinter euren Bildern?
R: Für mich ist es wichtig, Geschlechterrollen zu vertauschen und heteronormative Rollenklischees zu kritisieren. Eine Kultur der sexualisierten Gewalt zu hinterfragen und zu schauen, warum Frauen in die unterwürfige Rolle gedrängt werden. Es hat ein bisschen gedauert, bis mir klar wurde, dass die Gesellschaft Frauen zwingt, sich auf diese Weise zu verhalten, um Männern zu gefallen. Mein Sinn für Erotik hat sich sehr verändert, seit ich angefangen habe, mich intensiver damit zu beschäftigen, darüber zu lesen. Und dank meiner queeren, feministischen Freundinnen hat sich die Vorstellung von dem, was ich Erotik und Lust nenne, sehr verändert.
A: Mein Fokus liegt auf der LGBTQ+-Community, weil die Repräsentation und Sichtbarkeit marginalisierter Menschen zu wünschen übrig lässt. Aber ich versuche, mich immer weiter zu entwickeln und meiner Vision von Schönheit und Vielfalt treu zu bleiben.

Agostina Valle Saggio
Foto: Agostina Valle Saggio

Warum ist ein Festival wie WHOLE so wichtig?
R: Wenn du mit etwas unzufrieden bist, musst du das tun, was für dich am Besten ist. Und das gilt auch für WHOLE. Ein Festival, das keine kalten Füße bekommt, wenn es darum geht, über Konsens, Grenzen und queere Kultur zu sprechen.
A: Ich liebe das Motto des Festivals, weil ich genau weiß, wie wichtig Konsens und Respekt in Beziehungen ist. In Buenos Aires wäre so ein Festival nicht möglich, höchstens als ein autonomes, nicht kommerzielles Event.

@romixalizee
@fendromena

Agostina-Valle- Saggio
Foto: Agostina Valle Saggio
romy alizee
Foto: Romy Alizée