Photography Collier Schorr. Styling Carlos Nazario.

Exklusiv: Das erste Interview mit Nathan Westling

Fotograf Collier Schorr hat sich mit dem Model über seine neue Identität unterhalten.

von Collier Schorr
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06 Mai 2019, 12:36pm

Photography Collier Schorr. Styling Carlos Nazario.

Die gleiche Person, die gleiche Agentur, andere Haare und ein anderes Pronomen. In den letzten sechs Monaten wurde aus Natalie Nathan Westling. Er ist nicht der erste, den ich während der Transition fotografiere – nicht im Sinne eines Projekts, sondern als Teil meines täglichen Lebens als Modefotograf. Ich habe Nate zum Anfang unseres Interviews gesagt, dass er niemandem konkrete Fakten oder Antworten schuldig ist. Ich muss dann immer daran denken, was James Baldwin einst über seine sexuelle Identität sagte: er geht in die Richtung seines Herzschlags.

Nathan Westling ist immer noch das Skater Kid, das viele von uns über Jahre hinweg fotografiert haben, mit der gleichen Gelassenheit, nur mit einer tieferen Stimme, starken Armen und kurzen Haaren ...

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Nate trägt ein T-Shirt von Martine Rose. Boxershorts und Socken: Vetements.

Collier Schorr: Nathan, du hast gerade zum ersten Mal als Mann gemodelt. Wie war es?
Nathan Westling: Es war anders, als ich erwartet habe – auch wenn ich das jetzt nicht im schlechten Sinne meine. Ich bin es nur gewohnt, in Frauenkleidung zu modeln, was dir sofort einen anderen Look gibt. Männer und Frauen modeln anders. Dir ist das sicher aufgefallen, aber ich habe ein paar Minuten gebraucht, um in meinen Charakter zu schlüpfen und mich selbst zu fühlen. Aber es war keine Herausforderung, eher ein 'Oh, das ist ein bisschen anders'.

Wir beide kennen uns sehr gut, trotzdem hat es sich so angefühlt, als würde ich jemanden komplett Neues fotografieren. Vielleicht sind wir beide gedanklich ein paar typische Klischees durchgegangen und haben darüber nachgedacht, was männlich ist, was ein maskulines Bild, eine maskuline Pose ausmacht. Und dann haben wir all das vergessen und einfach nur Fotos gemacht. Während des Shootings hast du Dinge, Ideen projiziert, die du mochtest. Experimentiert mit der Person in dir, versucht zu sagen: 'Das bin ich.'
Absolut. Es hat sich richtig gut angefühlt, mich in diesem Moment selbst zu spüren. Es war das erste Mal, dass ich als Mann gemodelt habe und ich wusste erst nicht, wie es sich anfühlen wird. Ich bin wirklich glücklich, was dabei herausgekommen ist und wie ich mich innerlich fühle. Es ist großartig, meine Geschichte zu teilen.

Die Menschen wollen deine Geschichte hören. Ich denke, dass heteronormative Personen besonders neugierig sind, mehr über das ganze Spektrum von Identität, Verlangen und Attraktivität zu erfahren. Welche Idee von Männlichkeit hattest du im Kopf, als du noch jünger warst? Und hat sich diese über die Jahre hinweg verändert?
Ich glaube, ich war schon immer ein und dieselbe Person. Ich war seit ich drei Jahre alt war auf dem Skateboard und schon immer sehr 'maskulin'. Ich war immer draußen, habe Dinge gebaut, mit den Jungs aus der Nachbarschaft abgehangen und 'Jungskram' gemacht. Auch als ich älter wurde, habe ich immer noch für die gleichen Dinge interessiert, es hat sich also nicht wirklich viel verändert.

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Tank Top, Hose und Gürtel: Martine Rose. Schuhe: R13.

Hat sich das Modeln an irgendeinem Punkt schwieriger angefühlt?
Das Modeln hat mich irgendwann immer mehr aufgewühlt. Trotzdem war es erst im letzten Jahr, dass ich wirklich angefangen habe, über eine Transition nachzudenken. Es war definitiv ein sehr langsamer Prozess. Ich habe mich beim Modeln anders verhalten, habe High Heels und Make-up getragen, mir wurde gesagt, ich sei wunderschön ... all diese Worte, die ich nicht wirklich gefühlt habe. Aber ich habe so viel Respekt für die Modeindustrie. Ich dachte immer, dass dieser Job mit der Kunst gleichzusetzen ist: Du arbeitest mit einem Team, um etwas Großartiges zu kreieren. Jeder Tag ist anders und ich bin unglaublich froh darüber, nicht in einem Büro zu arbeiten. Der Job ist für mich ein Werkzeug, um mein Ziel zu erreichen.

Wie hat deine Modelagentur reagiert?
Es war ein Diskussionsthema, aber am Anfang war ich noch nicht so wirklich bereit, darüber zu reden. Ich musste mir erst über ein paar Dinge klar werden. Außerdem wollte ich erst finanziell unabhängig sein. Hätte ich früher mit der Transition angefangen, hätte es keinen Sinn gemacht.

Wie fühlt es sich an, Testosteron zu nehmen?
Weniger erschreckend, als ich dachte. Ich muss mir jede Woche eine Spritze verabreichen. Ich habe nie zuvor diese Seite der Arztpraxis oder des Krankenhauses gesehen, geschweige denn in meinen eigenen vier Wänden Spritzen gehabt. Das war etwas, an das ich mich erstmal gewöhnen musste. Jetzt fällt es mir einfacher, es zu machen, aber am Anfang war es schwierig, eine Stelle an meinem Körper zu finden, bei der es funktioniert. Ich mag die Veränderung, die ich wahrnehme. Ich mag, wie ich mich selbst weiterentwickle.

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Hemd, Boxershorts und Socken: Vetements.

Wir haben schon vor ein paar Wochen darüber geredet. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als du meintest, es sei wie eine Chemikalie, die deinem Körper gefehlt hat.
Definitiv. Ich habe mit den Ärzten und meinem Therapeuten darüber gesprochen, als ich so verrückte Stimmungsschwankungen hatte. Ich habe das komplette Programm in den letzten zehn Jahren durchgemacht, habe Mood Stabilizer und Antidepressiva genommen. Sie haben kurz geholfen und dann plötzlich aufgehört zu wirken oder ich musste die Dosis erhöhen. Testosteron nehme ich dagegen einmal die Woche und fühle mich danach großartig, besser als je zuvor.

Und auch deine Stimme ist tiefer als je zuvor.
Anderen fällt das mehr auf als mir selbst, weil ich mich jeden Tag sehe. Wenn du mich jeden Tag sehen würdest, wäre das wahrscheinlich auch anders. Wenn du mich dagegen zwei oder drei Wochen oder einen Monat lang nicht triffst, hat sich wirklich viel verändert!

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Anzug: Martine Rose.

Ich habe das Gefühl, dass Fotograf*innen, Stylist*innen und Redakteur*innen immer aufgeklärter werden, wenn es darum geht, Models beispielsweise fair und respektvoll zu behandeln. Es ist nicht so, dass du ein Model für einen Tag buchst und dann tun und lassen kannst, was du willst.
Absolut. Das ist nicht meine Jobbeschreibung und ich werde auch nicht dafür bezahlt. Aber es fühlt sich an, als wird es langsam besser.

Das wird es, ja. Ich habe vor ein paar Tagen mit einem Model geredet, die nicht als 20-Jährige posieren will, wenn sie eigentlich 30 ist. Das macht Sinn, als Fotograf fühle ich mich nicht wohl damit, etwas abzulichten, das im Prinzip eine Lüge ist.
Außerdem sehen das die Leute. Wir sollten kontrollieren können, wie unsere Körper dargestellt werden, wie die Fotos von uns geschossen werden. Wir sollten 'Nein' sagen können, wenn wir es tun müssen. Die Tatsache, dass wir immer noch darüber reden müssen, ist echt traurig.

Wie hat dein Umfeld die Transition aufgenommen? Erinnerst du dich noch an eine bestimmte, ganz besondere Reaktion?
Das Feedback war extrem positiv. Alle waren wirklich sehr unterstützend. Geradezu überwältigender Support, vermutlich ist es genau das, an was ich mich besonders gerne erinnere.

@nathanwestling


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Tank Top: Lanvin. Jeans: Vetements. Gürtel: Martine Rose.
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Jacke, T-Shirt und Jeans: Balenciaga. Cap: Stylist’s own.
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T-Shirt und Hose: Raf Simons. Gürtel: Martine Rose.
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Jacke und T-Shirt: Raf Simons.
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Mantel: Lanvin. Hose: Berluti.
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T-Shirt: Helmut Lang.
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Jacke, T-Shirt und Jeans: Helmut Lang. Boxershorts: Calvin Klein. Schuhe: Nike, Courtesy of David Casvant Archive.
NATHAN WESTLING COLLIER SCHORR I-D MAGAZINE COVER STORY

Credits


Fotos: Collier Schorr
Styling: Carlos Nazario

Haare: Holli Smith / Art Partner
Make-up: Susie Sobol / Julian Watson
Set Design: Julia Wagner / CLM
Fotografie-Assistenz: Max Dworkin, Jahmad Balugo und Chen Xiang-Yun
Styling-Assistenz: Raymond Gee und Gabriela Rosario
Set-Design-Assistenz: Marcs Marcus
Haar-Assistenz: Michiko Yoshida
Make-up-Assistenz: Ayake Nihei
Model: Nathan Westling

Die Geschichte von Nathan Westling stammt ursprünglich aus i-Ds The Voice of a Generation Issue, no. 356, Summer 2019.