Alle Fotos: Laura Schaeffer

Warum Wien mehr kann, als nur schön aussehen

Sieben Kreative erzählen uns ihre Geheimnisse über die lebenswerteste Stadt der Welt.

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20 Mai 2019, 12:45pm

Alle Fotos: Laura Schaeffer

In Wien passiert nichts. Das muss sich die österreichische Hauptstadt nur allzu oft anhören – zu Unrecht. Da wären einige der besten Museen weltweit wie das mumok, der Life Ball und das Hyperreality Festival, das Frauen in den Vordergrund stellt. Und auch der diesjährige Gewinner von Hyères, Modedesigner Christoph Rumpf, lebt in der Stadt, die schon zum zehnten Mal in Folge zur lebenswertesten überhaupt gekürt wurde.

Aber was genau macht Wien so attraktiv? Warum zieht es jährlich Tausende von jungen Menschen in die österreichische Hauptstadt? Wir haben bei sieben Kreativen nachgefragt und uns ein paar Insider-Tipps abgeholt, damit du bei deiner nächsten Reise mit dem ein oder anderen Fun Fact prahlen kannst.

mafia mashi by laura schaeffer vienna
Foto: Laura Schaeffer

Maša Stanić, 24, Fotografin

Wie würdest du jemandem deine Fotos beschreiben, der sie noch nicht gesehen hat?
Impulsiv und spontan. Für mich sind meine Bilder irgendwie ohne Morgen.

Sind soziale Medien Fluch oder Segen?
Beides. Du wirst ständig mit irgendeinem Rausch oder Kick konfrontiert, alles ist übertrieben schaulustig – und man muss immer connected sein. Auch wenn man zwar sagt, man könne alleine sein, hängt man dann doch auf sozialen Medien ab und interagiert mit Leuten. Auf der einen Seite hat mir Social Media schon viel gebracht, auf der anderen kommt aber auch so viel Bullshit und komisches Verhalten an den Tag. Die Leute schätzen sich nur noch wegen der Instagram-Namen und Follower-Zahlen. Das ist ein großes Problem.

Hast du einen Tipp für den täglichen Social-Media-Gebrauch?
Die Leute denken immer, dass ich nur an meinem Handy klebe, dabei tue ich das gar nicht. Ich sehe etwas, poste es und lege dann mein Handy weg. Ich finde, man sollte sich selbst ein bisschen beschränken: Und nie vergessen, dass Social Media nicht die Realität ist. Es sich zum Hobby machen, aber es auch nicht so übertrieben ernst nehmen.

Wenn du eine Sache an Wien ändern könntest, welche wäre es?
Die Spießigkeit.

Was war der beste Rat, den du seit langem bekommen hast?
Wir sind so schnelllebig heutzutage. Ich erwische mich selbst immer wieder dabei, dass ich unzufrieden bin. Dabei muss man einfach kurz stehen bleiben und checken, was man alles schon gemacht hat. Kurz durchatmen und wertschätzen, was man eigentlich hat ... und es nicht als selbstverständlich sehen.

Welchen Kreativen aus Wien sollten wir uns unbedingt merken?
@noeloquence

@mafiamashi

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Foto: Laura Schaeffer

Jojo Gronostay, 31, Gründer von Dead White Mens Clothes

Was genau ist Dead White Men’s Clothes?
Ich bin 2017 während einer Research auf den Kantamanto Markt in Ghana gestoßen, wo Second-Hand-Kleidung aus aller Welt ankommt. In den 70ern dachten alle, dass niemand bei vollem Verstand solche Sachen umsonst hergeben würde, also vermuteten sie, dass die Stücke von Verstorbenen stammen. Gebrauchte Kleidung wird in der Landessprache "Obroni wawu" genannt, was so viel bedeutet wie "White man has died". So wurde aus einem Kunstprojekt ein Modelabel, das sich mit den gleichen Fragestellungen auseinandersetzt: Identity Politics und Sustainability.

Upcycling spielt eine große Rolle in deiner Arbeit. Wo siehst du die Zukunft der Mode?
Es ist eine Zeit, in der die Mode generell umdenken muss. Es ist wichtig, dass die Marken an der Speerspitze anfangen, sich zu ändern, erst dann werden weitere folgen. Gerade junge Konsumenten sind bei dem Thema Nachhaltigkeit viel bewusster als die ältere Generation. Von daher glaube ich, dass sich etwas ändern muss – und das wird es auch.

Was sollte die Welt über Wien wissen?
Dass Wien eine sehr lebenswerte und gemütliche Stadt ist … manchmal vielleicht sogar zu gemütlich.

Wie würdest du die Kreativszene in Wien beschreiben?
Eher klein und überschaubar, aber dennoch international. Die Kunstszene hier kann sich mit fast allen Städten messen.

Welchen Rat würdest du Modedesigner*innen mit auf den Weg geben?
Es ist wichtig, einen klaren Standpunkt zu haben. Es gibt so viele Modelabels, man braucht eigentlich keine neuen mehr.

@deadwhitemensclothes

isi rosenberg by laura schaeffer
Foto: Laura Schaeffer

Isi Rosenberg, 22, Make-up Artist

Was machst du?
Ich bin Grafikdesignerin, studiere aber gerade Digitale Kunst auf der Angewandten und mache viel Styling und Make-up.

Wie hast du mit deinen Beauty-Looks angefangen?
Mit 15 habe ich mir eingebildet, unbedingt meine Haare bunt färben zu müssen und hatte alle Farben einmal durch. Es hat mir Spaß gemacht, weil es eine komplette Community auf Instagram gab. Man ist im Austausch mit den Leuten, kommt schnell mit anderen in Kontakt. Es gibt viel Raum für Kooperationen.

Wie würdest du die Kreativszene in Wien beschreiben?
Jeder unterstützt jeden, aber man muss ein bisschen reinkommen in die Szene. Am Anfang kann es in Wien ein bisschen schwierig sein, weil man sich erstmal beweisen muss. Dein Instagram-Account wird schnell zu deinem eigenen Portfolio.

Auf welchen Beauty-Tipp schwörst du?
Ich finde oft weniger ist mehr. Obwohl ich gerne auch mal "too much" bin. Aber das hängt ganz von der jeweiligen Person ab, wie man sich selbst wohlfühlt. Es geht alles, egal ob du dich viel schminkst, dich super crazy anziehst oder super minimalistisch. Solange du glücklich damit bist, hast du auch die richtige Ausstrahlung.

Existiert das Konzept von Schönheit überhaupt noch?
Schönheit wie wir sie kennen, erzeugt viel Druck und ist auf Social Media überpräsent. Schönheit ist, was dich als Mensch ausmacht. Nicht dein Outfit und nicht dein Make-up.

Was sollte die Welt über Wien wissen?
Wir haben homosexuelle Ampeln!

@n3isi

yungleenofficial laura schaeffer vienna
Foto: Laura Schaeffer

Julian Lee-Harather, 20, Fotograf

Welcher rote Faden zieht sich durch deine Fotos?
Mir geht es nicht unbedingt um ein schlüssiges Gesamtkonzept. Ich hole mir sehr viel Inspiration von visuellen Eindrücken aus meiner Kindheit. Ich greife immer wieder auf alte Illustrationen aus Büchern und Märchengeschichten zurück und interpretiere sie auf eine Art, die für mich Sinn macht. Meine Bilder sind sehr illustrativ und sehen eher wie Zeichnungen oder Skizzen aus, weil ich sehr viel mit Photoshop arbeite, um einen künstlichen, poppigen Look und eine märchenhafte Atmosphäre zu visualisieren. Früher mochte ich diese Magie in Dingen, die es in der echten Welt nicht gibt, mittlerweile wurde mir der Realitätsbezug aber immer wichtiger.

Inwiefern beeinflusst Wien deine Arbeit?
Ich wohne seit zehn Jahren in Wien. Schon als Kind war ich fasziniert von der Architektur hier. Alles war größer und überspitzter. Ich bin gerade dabei, mit Hilfe von digitalem Rendering eine Neuinterpretation der ganzen Ornament-Kunst zu machen, die man hier überall in alten historischen Gebäuden findet.

Wie sieht die Zukunft der Fotografie aus?
Sie wird sich immer mehr mit anderen Medien vermischen. Klassische Fotografie, wie wir sie kennen, wird zwar immer noch bleiben, aber es werden viel mehr Abzweigungen entstehen. Die ganze Augmented Reality und Face- und Verschönerungsfilter werden zu einem komplett neuen Genre der Fotografie, abgekoppelt von klassischer Fotografie, die immer mehr zum Nischenprodukt wird.

Warum glaubst du, dass so viele junge Leute nach Wien ziehen? Was macht die Stadt so attraktiv?
Die Erreichbarkeit. Wien hat die perfekte Größe. Es ist zwar eine relativ kleine Stadt, aber sie ist trotzdem groß genug, dass es sich nicht so anfühlt, als hättest du sofort alles gesehen. Es gibt viel Förderungen und Independent Workshops, viele Möglichkeiten seine Interessen auf eine leistbare Art auszuschöpfen.

@yungleenofficial

superfertig laura schaeffer vienna
Foto: Laura Schaeffer

Anna Francesca, 22, Model

Was machst du?
Ich studiere Grafikdesign, arbeite als Model und bin sehr viel unterwegs. Ich fotografiere auch viel und mache Casting gemeinsam mit einer Freundin.

Welchen persönlichen Bezug hast du zu Wien?
Ich habe mich in Wien verliebt, in die Stadt und auch in jemanden. Ich mag Wien als Base extrem gerne. Viele Leute sagen zwar, es sei langweilig und es passiert nichts, aber das ist genau das Angenehme daran, weil ich schon so viel unterwegs bin. Wien gibt einem so viel und ist trotzdem ruhig und stresst einen nicht.

Wie würdest du die Kreativszene in Wien beschrieben?
Ich merke, dass es sehr viele junge Leute gibt, die etwas wollen und auch versuchen, etwas zu schaffen. Das war immer ein bisschen das Problem von Wien, dass es eine Blase gibt, in der alle leben und im Endeffekt nichts passiert. Aber in letzter Zeit ist da einiges, es kommt mir vor wie ein kreativer Frühling [lacht].

Was ist der beste Ratschlag, den du seit langem bekommen hast?
Entscheidungen sind nichts Schlechtes. Mit jeder kann man sich selbst ein bisschen mehr definieren und sich im Endeffekt aussuchen, wer man sein will. Früher hatte ich extreme Angst vor Entscheidungen, weil ich dachte, eines davon ist falsch und eines richtig. Aber seit ich diesen Rat bekommen habe, habe ich viel mehr Spaß an allem!

Was macht Wien zur lebenswertesten Stadt für dich?
Die Architektur, die Stadt selbst. Ich bin ein sehr visueller Mensch, es macht mich einfach glücklich, wenn ich herumgehe und mir die Häuser anschaue. Es gibt alles, was man sich vorstellen kann, aber nicht so viel, dass es dir Druck macht.

Was braucht die Modeindustrie gerade am dringendsten?
Stock aus dem Arsch!

@superfertig

badnboujee by laura schaeffer vienna
Foto: Laura Schaeffer

BAD & BOUJEE, DJ-Kollektiv

Erzählt uns mehr über euer Kollektiv.
Wir sind das erste All Black All Female DJ-Kollektiv in Wien. Das Ganze entstand mehr oder weniger zufällig vor zwei Jahren. Wir haben eine Geburtstagsparty geschmissen und unsere Freunde gefragt, ob sie auflegen wollen und irgendwann auch selbst aufgelegt. Dann kamen die ersten Anfragen, und wir dachten uns nur "OK, wieso nicht". Wenn wir das schon machen, dann aber für einen guten Zweck.

Wofür steht ihr?
Inklusivität und Intersektionalität. Egal wie du aussiehst, du kannst immer Spaß haben und zu dieser Party kommen. Wir versuchen, Communitys anzusprechen, aus der wir selbst kommen, die wir unterstützen wollen. Das sind meistens queere und BPOC-Communitys.

Wie divers ist die Wiener Clubszene?
Die Clubszene ist nicht nur von dem, was sie präsentiert weiß, sondern auch von den Leuten, die im Hintergrund arbeiten. Jeder sollte sich an die eigene Nase fassen und nochmal über sein Team schauen und sich die Frage stellen: Fehlt da was? Es reicht nicht nur, diese Leute zu buchen, sie müssen auch hinter den Kulissen integriert werden. Für uns ist es wichtig, dass wir etwas kreieren können, das sowohl von innen als auch nach außen divers gespiegelt wird. Es heißt immer Wien sei die beste Stadt zum leben – aber aus der Sicht von weißen Personen.

Was vermisst ihr an der Stadt?
Partys, auf denen man sich sicher fühlt. Davon gibt es kaum welche in Wien, egal ob es eine queere Party ist oder nicht. Es passieren immer Übergriffe, die nicht OK sind. Und wenn man etwas sagt, wird nicht wirklich groß etwas dagegen unternommen. Auch in Jobs sollte es eine Sensibilität gegenüber BPOCs geben. Dass erklärt wird, wie man mit gewissen Situationen umgeht, wenn etwas passiert. Meistens wird dann immer nur gesagt "Wir sind gegen Rassismus, gegen jegliche Art von Fremdenfeindlichkeit", aber es geht darüber hinaus. Wien spricht sich immer gerne super liberal aus, aber es reicht nicht, es nur zu sagen – man muss auch danach handeln.

@badnboujee.vie

sofie boiler room laura schaeffer vienna
Foto: Laura Schaeffer

Sofie Fatouretchi, 27, Künstlerin

Welchen Bezug hast du zu Wien?
Ich bin in Amerika geboren und aufgewachsen, aber meine Mutter ist Österreicherin und mein Vater Iraner. Ich habe als Teenager in Wien gelebt, bevor ich mit 19 wieder nach L.A. gezogen bin, bei Stones Throw Records gearbeitet und Boiler Room in den USA aufgezogen habe. Jetzt studiere ich Malerei und Lehramt für Philosophie, Psychologie und Englisch in Wien und arbeite gerade an einem eigenen Album. Hier hatte ich auch die Zeit, mich kreativer zu entfalten.

Was verbindet deine Musik und deine Malerei?
Als Kreativer ist es schwer, nur ein Outlet zu haben. Ich sehe es auch nicht kohärent getrennt, sondern freue mich darüber, mich in unterschiedlichen künstlerischen Richtungen ausleben zu können. Es hat etwas sehr Meditatives für mich, großflächige Bilder zu malen. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, die ich im Leben habe, abzuschalten.

Wohin gehst du, wenn du dich unkreativ fühlst?
Am liebsten gehe ich in den Garten vom Belvedere spazieren. Dort gibt es diese Sphinx-Statuen, die ich sehr beruhigend finde. Ich mag an Wien, dass noch sehr viel sehr individuell ist. Dass es noch einen eigenen Charakter hat und sich nicht über die Normästhetik definiert, die sich momentan verbreitet. Ich war fast sieben Jahre im Ausland. Wenn man den Kontrast hat und eine lange Zeit woanders gelebt hat, dann weiß man Wien zu schätzen.

Was hältst du von der Kreativszene in Wien?
Ich habe ein bisschen mehr Freiraum hier. Und dass nicht alles, was man macht, gleich als Aushängeschild dafür verwendet wird, was man ist. Ich finde, es sollte nicht so viel Konkurrenz geben müssen. Wir leben in einem Zeitalter, in dem man sich andauernd vergleicht – das ist unnötig und kontraproduktiv. Man sollte es feiern und unterstützen, wenn Leute in seinem Umfeld etwas Tolles machen. In Wien ist Platz für alle!

Wie würdest du deine Generation in einem Wort beschreiben?
Ungeduldig.

@sofieroyer