Your Reservation is Confirmed by Yushi Li

Wie verändert sich Intimität im digitalen Zeitalter?

Wir lieben durch einen Bildschirm und machen das schönste aller Gefühle zu einem virtuellen, interaktiven Erlebnis.

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16 April 2019, 2:32pm

Your Reservation is Confirmed by Yushi Li

Yushi Li starrt auf die Brust eines nackten Mannes, mit dem sie seilspringt. Sie scheint gedankenverloren, ihre Hand umfasst einen Gegenstand, den man auf den ersten Blick nicht erkennt. Es ist ein Fernauslöser, sie die Fotografin, er der Fremde.

Das Bild stammt aus der Serie Your Reservation Is Confirmed, der Nachfolger von My Tinder Boys, in der die chinesische Fotografin 300 Männer auf Tinder gefragt hat, ob sie sie fotografieren darf – nur 15 haben zugestimmt. Yushi wollte die Idee von Intimität im Internet-Zeitalter hinterfragen und hat dafür moderne Technologien genutzt, um ihre Subjekte zu finden. Das Ergebnis fühlt sich fremd und persönlich zugleich an.

In unserer "für alles gibt es eine App"-Kultur wurde die Technologie so allgegenwärtig, dass sie in unserer Wahrnehmung eigentlich gar nicht mehr existiert. Wir denken nicht zweimal darüber nach, mit unserem Handy Essen zu bestellen, uns eine Unterkunft für den Urlaub zu buchen oder ein Date auszumachen. Aber wie fühlen sich menschliche Beziehungen in einer digitalisierten Welt an?

My Tinder Boys by Yushi Li
My Tinder Boys by Yushi Li

Diese Frage schwirrt Yushi schon lange im Kopf herum. Was macht eine Kultur der Schnelllebigkeit mit der Intimität, beschleunigt durch den technologischen Fortschritt? Indem sie ihre Dates dazu einlädt, nackt für ihre Serie My Tinder Boys zu posieren, hebt sie die Distanz des Handybildschirms auf. Die Körper der Fremden werden schon fast zum Untersuchungsobjekt, während sie sich in ihrer darauffolgenden Serie selbst der unangenehmen Nähe aussetzt.

Ihre Fotos regen dazu an, traditionelle Geschlechterrollen zu hinterfragen. Ihre Männer thronen auf der Küchenspüle, bereiten Essen zu – gebunden an das eigene Zuhause. Die Fotografin inszeniert sich mit Absicht selbst bekleidet auf den Fotos, während ihre Subjekte nackt und verletzlich gezeigt werden. Sie sind den Blicken ausgeliefert – so wie man es stereotypisch von einer Frau erwarten würde. Doch Yushi will diese Männer nicht sexualisieren. Sie verzichtet auf jegliche Spur von Technik in ihren Requisiten. Die Männer spielen Klavier, duschen, gießen Blumen, machen alltägliche Dinge, die sie zu normalen Menschen machen.

Es gibt eine offensichtliche Parallele zwischen ihren Bildern und der Serie Experimental Relationship der chinesischen Künstlerin Pixy Liao aus dem Jahr 2017. Diese fängt die Beziehung zu ihrem Freund Moro ein.

Pixy Liao
Experimental Relationship by Pixy Liao

Die Art und Weise, wie Pixy die Fotografie nutzt, um die Grenzen von Intimität zu erforschen, ist eine Umkehrung traditioneller Geschlechterrollen, die wir auch in Yushis Arbeiten sehen können. Beide Frauen haben als Fotografinnen die Kontrolle über ihre Beziehung. Eine von Pixys herausragendsten Fotos ist das, auf dem sie von dem nackten Körper ihres Freundes Papaya isst. Es ist ohne Frage inszeniert und steht im Kontrast zu dem, was wir von einem liebevollen Pärchenfoto erwarten würden.

Wir haben uns daran gewöhnt, das Wort "intim" in der Fotografie als Synonym für "aufrichtig" zu gebrauchen. Wir erwarten eine versteckte Welt, die an das Unperfekte unserer eigenen Lieben und Leben erinnert. Wir wollen schmutzige Bettlaken sehen. Etwas, von dem wir lernen können. Etwas, das uns verbindet. Yushis Bilder erinnern uns an bekannte Szenen und weichen doch von unseren Erwartungen ab.

Der queere Künstler Pedro Moreira erforscht in seiner Installation Significant Other, was Technologie mit der menschlichen Interaktion macht. Bei der Installation wirst du in ein Bett eingeladen, doch statt eines Kopfkissens gibt es einen Bildschirm mit deinem "Significant Other", gespielt von Pedro selbst. Der Betrachter kann dank Skype-Verbindung in die digitalen Augen des Künstlers starren und seine Stimme hören. Er ist dort, du kannst ihn nur nicht anfassen. Der Bildschirm steht aber auch für Entertainment: Streaming und Pornos. Pedro hebt hervor, wie unsere echten Leben fiktionale Narrative nachahmen – und das mehr als je zuvor. Wir lieben durch einen Bildschirm und machen das schönste aller Gefühle zu einem virtuellen, interaktiven Erlebnis.

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Significant Other by Pedro Moreira

Diese Entmaterialisierung unserer täglichen Realität lässt uns darüber nachdenken, wie effektiv die Technologie tatsächlich darin ist, uns einander näher zu bringen. Ja, wir können mit potenziellen Liebhabern, langjährigen Partnerinnen oder Familienmitgliedern über Video und iMessage kommunizieren. Aber wenn du getrennt voneinander lebst, einander nicht anfassen kannst, wie real kann Intimität dann noch sein?

Auf die Frage, ob es heutzutage schwieriger ist, sich mit Menschen zu verbinden, antwortet Yushi sehr zynisch: "Unser endloses Verlangen nach 'mehr und besser' ist abgeflacht und hat jedem im Internet die Persönlichkeit geraubt." Aber sie gibt auch zu, dass "das Internet alles zugänglicher wirken lässt, auch wenn das nicht gleich heißt, dass du dir weniger Mühe machen musst, um eine ehrliche Beziehung mit jemandem zu führen." Das Leben scheint vielleicht digitaler als je zuvor, aber es braucht noch immer menschliche Stärke, um miteinander in Verbindung zu bleiben.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.