Fotos: Harley Weir

Greta Thunberg: Das Mädchen, das die Welt verändert

Sie ist entschlossen, die größte Krise der Menschheit zu verhindern – und hat eine globale Jugend-Bewegung gestartet. Die 16-jährige Greta Thunberg ist die Stimme ihrer Generation.

von Clementine de Pressigny
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25 April 2019, 8:17am

Fotos: Harley Weir

Es ist der 22.März, ein wolkenloser Tag in Stockholm. Vor dem Riksdagshuset, dem schwedischen Parlamentsgebäude, steht eine Gruppe von 15 Jugendlichen und Erwachsenen. Daneben fließt das Wasser des Lilla Värtan vorbei. Letzte Woche trafen sich hier mehr als 15000 Kinder. Weltweit schwänzten 1,4 Millionen Jugendliche an diesem Tag auf der gesamten Welt die Schule. Sie gingen für den Schutz des Planeten auf die Straße. Es war die bisher größte Klima-Demonstration überhaupt – losgetreten von einer 16-Jährigen. Greta Thunberg.

Aus der Entfernung erkennt man ihr Demo-Plakat. Ein weiß gestrichenes Stück Sperrholz, "Skolstrejk För Klimatet" steht dort in schwarzen Lettern. Es ist nicht das Originalschild; das war nach den Wintermonaten nicht mehr zu gebrauchen.

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Greta selbst lehnt an der Betonmauer am Wasser. Sie trägt ihre lilafarbene Daunenjacke und Gummistiefel. Sie besitzt wenig Kleidung, auch weil sie keine neuen Sachen kaufen möchte. Sie hat ihre Eltern darum gebeten, ihr weder Weihnachts- noch Geburtstagsgeschenke zu kaufen. Sie ist klein für ihre 16 Jahre; ihr Gesicht kindlich, aber ihr Ausdruck ernst. In ihrer Nähe steht Helena. Sie koordiniert freiwillig Gretas zahlreiche Medien-Anfragen. Ein großer Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte, hilft Greta jeden Freitag. Er versucht die Menschenmenge davon abzuhalten, die kleine Klimaaktivistin zu sehr zu bedrängen. Alle wollen mit Greta sprechen, alle wollen ein Foto mit ihr. Ihren großen Beschützer lernte Greta bereits während der ersten Tage des Streiks kennen. Damals umringte Greta noch kein Publikum. "Alle ignorierten mich, es schaute mich nicht einmal jemand an", sagt Greta über diese ersten Wochen.

Im August 2018 schwänzte sie drei Wochen Schule. Sie begann ihren einsamen Protest, bestürzt vom Klimawandel und vor allem von der Ignoranz der Mächtigen gegenüber dieses Problems. Die Schüler*innen der Marjory Stoneman Douglas High School in den USA hatten Greta inspiriert. 17 Jugendliche wurden dort ermordet. Die Schüler*innen hatten ihren Klassenraum verlassen, um gegen die Waffengesetze ihres Landes zu protestieren.

"Was machst du hier?", fragt Greta ihren Vater Svante, als er bei der Gruppe vorbeikommt. Sie lächelt nicht. Sie scheint genervt zu sein, wie so viele Teenies, wenn ihre Eltern sich in "ihr Ding" einmischen. Vielleicht ist sie aber auch nur vorsichtig; die Leute, die ihre Bewegung diskreditieren wollen, behaupten, Greta sei eine Marionette ihrer Eltern oder irgendwelcher Organisationen, die ihre eigene Agenda durchdrücken wollen. "Ich werde ständig gefragt, wer der Manager von Greta sei", erzählt Helena. "Niemand managt Greta! Sie managt sich selbst."

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"What we desperately need is an appropriate level of shock and anxiety concerning a specific ecological trauma — indeed, the ecological trauma of our age, the very thing that defines the Anthropocene as such", schreibt der Philosoph Timothy Morton in seinem Buch Hyperobjects: Philosophy and Ecology After the End of the World.

Als Greta mit etwa acht Jahren in der Schule vom Klimawandel hörte, war sie genauso erschüttert, wie der Philosoph Morton es einfordert. "Damals hat unser Lehrer von den Auswirkungen der Treibhausgase und den schmelzenden Eiskappen erzählt", erklärt Greta. "Er hat uns Bilder vom Plastikmüll in den Ozeanen gezeigt, von hungernden Eisbären und abgeholzten Wäldern. Die Bilder brannten sich bei mir ein. Ich fand es sehr traurig, dass es niemanden so wirklich kümmert, was da gerade passiert. Ich verstand nicht, wie Leute sagten, wie sehr sie sich um den Klimawandel sorgen, dann aber nichts dagegen tun."

Greta hat das Asperger Syndrom – sie glaubt, dass dies der Grund ist, weshalb sie nicht einfach weitermachen konnte wie alle anderen Menschen. In ihrem TED-Talk erklärte Greta vergangenes Jahr, warum vieles für sie – und auch für andere Menschen mit Asperger – einfach in schwarz und weiß zu unterteilen ist. Eigentlich ist für sie die Angelegenheit ganz offensichtlich: Der Klimawandel ist die größte Bedrohung für die Menschheit – und wir müssen etwas unternehmen. "Wenn dein Haus brennt, setzt du dich nicht zurück an deinen Tisch und sprichst darüber, wie hübsch du es danach wieder aufbauen wirst", erklärt sie. "Wenn dein Haus brennt, rennst du nach draußen, versicherst dich, dass es allen gut geht und rufst die Feuerwehr. Genau diese Einstellung brauchen wir."

Nachdem sie die Auswirkungen der globalen Erwärmung realisierte, veränderte sich ihr Leben. "Ich hörte auf zu sprechen, zu essen und zur Schule zu gehen. Ich hörte auf Spaß zu haben. Ich hörte auf zu lächeln", sagt sie. Greta wurde depressiv. "Es gab verschiedene Gründen, aber die Hauptgründe waren die Klimakrise und die Umwelt." Damals war sie elf Jahre alt.

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Greta war so krank, dass sie zuhause bleiben musste. Und trotzdem ist etwas Gutes aus ihrer Auszeit entstanden – sie schaffte es, ihre Eltern, die bislang wenig Wissen über die Umweltkrise hatten, zu überzeugen. "Da meine Eltern sich zuhause um mich kümmern mussten, begannen wir miteinander zu reden. Ich habe ihnen von meinen Sorgen erzählt. Sie haben mir den Kopf getätschelt und gesagt, dass alles gut werden wird. Ich blieb aber hartnäckig; zeigte ihnen Artikel, Berichte und Grafiken. Und irgendwann begriffen sie die Dringlichkeit. Sie waren schockiert, wie ernst die Lage war. Ich machte ihnen ein schlechtes Gewissen wegen ihres Lebensstils." Gretas Mutter ist eine weltweit erfolgreiche Opernsängerin. Nach der Überzeugungsarbeit ihrer Tochter entschloss sie sich, das Fliegen komplett aufzugeben. Heute reisen sie mit der Bahn. So wie Greta leben ihre Eltern vegan, sie kaufen kaum etwas Neues. Aber Greta weiß auch, wie winzig der Einfluss eines Individuums ist, wenn man die weltweiten Emissionen damit vergleicht. Sie weiß, dass die Regierung und Unternehmen den Richtlinien der Intergovernmental Panel on Climate Change folgen müssen, um eine Katastrophe zu verhindern. Trotzdem möchte sie, dass ihr Lebensstil nur einen minimalen Einfluss auf den Planeten hat.

Greta wurde durch ihr Engagement prominent. Allein im vergangenen Jahr hat sie eine Rede bei der UN-Klimakonferenz gehalten, wurde für den Friedensnobelpreis nominiert und hat die reichsten Menschen beim Weltwirtschaftsgipfel zur Rechenschaft gezogen. "Ich habe einen Einblick bekommen, wie die Dinge laufen. Ich habe gemerkt, dass wir gar nichts unter Kontrolle haben. Ich habe mit so vielen Politikern gesprochen, die absolut keine Ahnung haben, was sie da machen, was überhaupt abgeht. Es scheint, dass sie sehr verloren sind."

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Mittags kommen immer mehr Leute zu Greta vor das Parlament in Stockholm. "Früher waren es meist Ältere", meint Helena. Doch in letzter Zeit kämen auch Jüngere; manche verbrächten sogar den kompletten Tag hier. Ein paar 11-Jährige sind von der Örjanskolan Schule angereist; zwei Stunden von Stockholm entfernt. Deren Lehrerin Anja hat sie im Rahmen eines Klimawandel-Projekts hergebracht, um Greta zu unterstützen. “Ich wusste nicht, wie ernst die Lage ist, bis ich es von Greta erfahren habe”, sagt sie. "Hi Greta!" rufen Kinder rufen von der anderen Straßenseite hinüber. Männer um die 60 tragen Schilder mit der Aufschrift: "Alte Männer denken an den Klimawandel." Sie wollen Greta sagen, dass es ihnen leid tut, dass sie wissen, dass ihre Generation die Dinge wirklich gegen die Wand gefahren hat. Drei Teenagerwarten geduldig darauf, ein Foto mit ihr zu machen. Die Jungs umringen sie und strahlen freudig in die Kamera. Eine Frau übergibt Greta eine Rose und umarmt sie. Menschen versuchen Greta mit Teleobjektiven zu fotografieren. Gretas Beschützer bittet die Gruppe, sich etwas zu entfernen. Es ist allein anstrengend zuzuschauen – wie fühlt es sich dann wohl für ein Mädchen an, dass gern im Hintergrund ist und keinen Small Talk führt? Ihre Unterstützerinnen geben ihr den nötigen Raum.

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Kritiker behaupten immer wieder, die Schüler würden nur nach einer Ausrede suchen, die Schule zu schwänzen. Doch im Gespräch mit den Jugendlichen wird klar, dass sie sich wirklich um ihre Zukunft sorgen. Dass ihre Machtlosigkeit sie frustriert, sie nicht mal aktiv wählen dürfen. Dies ist die Generation, die mit den Auswirkungen des Klimawandels leben muss; die ihre tiefgreifende Angst nicht verdrängen können wie die Generationen zuvor.

Greta versucht immer noch das Ausmaß ihres zunächst einsamen Streiks zu begreifen: "Ich verstehe es noch nicht ganz. Nach der großen Demonstration konnte ich vor Müdigkeit kaum klar denken. Am Tag danach habe ich mir die Bilder von den weltweiten Aktionen angesehen. Es ist wirklich schwer zu realisieren: Hunderttausende Kinder, die in einer Stadt auf die Straße gehen."

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Doch sie hat auch eine Botschaft an ihre Mitstreiterinnen: "Wir müssen weitermachen, Druck auf die Leute in Machtpositionen ausüben und ihnen sagen, dass wir nicht aufhören werden, bis sie etwas unternehmen. Ja, wir haben viel erreicht. Wir haben viele Menschen zusammengebracht. Doch die Emissionen steigen weiter. Wir müssen weitermachen, bis wir Erfolg haben."

"Viele Leute fragen mich, ob ich stolz bin, wie groß diese Bewegung geworden ist – dabei hat sich doch noch gar nichts verändert. Die Klimakrise wird mit der Zeit nur schlimmer, größer und dringender. Dieser Protest ist keine einmalige Sache. Das hier ist unsere Zukunft."

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Diese Geschichte erschien in der neuen i-D 'The Voice of a Generation Issue', no. 356, Summer 2019. Hier kannst du die Ausgabe vorbestellen.

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