Shalva Nikvashvili fertigt surreale Masken, um sich selbst zu therapieren

Mit gefundenen Objekten verarbeitet der Georgier seine Erinnerungen – und will damit einer ganzen Generation helfen.

von Rolien Zonneveld; Fotos von Mayli Sterkendries
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22 August 2019, 11:48am

Foto: Mayli Sterkendries

"Ich rase vor Wut, aber ich habe mir selbst befohlen, dass ich weitermachen muss", erzählt Shalva Nikvashvili. Als seine Familie vor fünf Jahren herausgefunden hat, dass der 28-jährige Künstler schwul ist, musste er aus seiner Heimat Georgien fliehen. Doch die Wut ist immer noch da, neu entflammt durch die bösen Nachrichten, die ihm seine Verwandten schickten. Einen Tag vor unserem Interview haben sie herausgefunden, dass Shalva auf seinem Instagram Account seinen Familiennamen nutzt. "Ihre größte Panik ist es, dass jemand herausfinden könnte, was ich hier so mache. Sie wollen, dass ich meinen Account lösche, aber das wird nicht geschehen. Gestern hat mir mein Bruder sogar mit dem Tod gedroht."

Shalva teilt auf seinem Instagram-Kanal eine liebevoll kuratierte Sammlung von Skizzen und Selbstporträts von den Masken, die er kreiert. Doch seine künstlerischen Ambitionen hatten keinen Platz in seiner ultra-konservativen Familie. Als sie dann von seiner Homosexualität erfahren haben, forderten sie ihn umgehend auf, seine Sachen zu packen und das Haus zu verlassen. Er landete in Gent, wo er einen jungen Belgier heiratete, von dem er sich allerdings bald darauf trennte. Zu der Zeit fühlte er sich so frei wie nie zuvor – in seinem Heimatland fehlte ihm die Luft zum Atmen. Doch dann fing das Warten an. Das scheinbar endlose Warten auf eine Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitserlaubnis.

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Foto: Mayli Sterkendries

"Ich dachte, ich verliere den Verstand. Plötzlich war ich gefesselt an ein Haus in einer Kleinstadt. Ich war es gewohnt, immer etwas zu tun zu haben. Aber ich wusste, dass ich kreativ bin und das nicht einfach so aufgeben würde." Mit dem wenigen Geld, das er hatte, kaufte er günstige Materialien, damit er sich beschäftigt fühlte. "In Georgien habe ich Modedesign studiert. Ich liebe es, Dinge aus ungewöhnlichen Dingen zu schaffen. Eine Zeit lang habe ich mit der Idee gespielt, etwas in Richtung Kopfbedeckungen zu machen. Zuallererst habe ich mein gesamtes Haus nach brauchbaren Sachen durchforstet." Gefunden hat er eine defekte Tastatur, die er auseinandernahm und in eine Maske verwandelte. Der Anfang eines bis heute währenden Projekts.

"Ich habe eine Maske nach der nächsten gebastelt, manchmal sogar so intensiv gearbeitet, dass ich eine Maske innerhalb von zwei Tagen fertig hatte. Die Masken waren Reaktionen auf alte Erinnerungen, die zurück an die Oberfläche kamen. Manche Erinnerungen waren schön, andere traumatisch. Die Masken anzufertigen, hat mir geholfen, meine Emotionen zu verarbeiten und ihnen eine Stimme zu geben." So zum Beispiel auch seine Maske aus Teilen einer Barbie. Es ist eine direkte Referenz an seine Kindheit, als er lieber mit Puppen spielen wollte, sein Vater es ihm aber verbot. Oder eine Maske aus dem Kadaver eines Huhns, die dafür steht, wie wenig Geld seine Familie damals für Lebensmittel hatte. "Der kreative Prozess hat eine therapeutische Wirkung", sagt Shalva. Die Geschichten hinter seinen Kreationen sind sehr persönlich und trotzdem hat er sich dazu entschlossen, sie mit der Welt zu teilen. Durch seine Werke und die erklärenden Texte unter seinen Posts.

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Foto: Mayli Sterkendries

"Ich bin sehr transparent, was meine Arbeit betrifft und teile gerne die Geschichten hinter den Masken mit meiner Online-Community." Erst vor ein paar Monaten wurde seine hart erarbeitete Community brutal auseinandergerissen. Shalva erhielt Nachrichten von einer Person, die behauptete, seinen Instagram-Account gehackt zu haben. Sie wollte Shava das neue Passwort nur verraten, wenn er ihr 200 Euro gibt. "Das mag vielleicht übertrieben wirken, aber mir hat es komplett den Boden unter den Füßen weggezogen. All diese Follower, die mich und meine Arbeit von Anfang an unterstützt haben, haben mir viel bedeutet. Instagram hat mir eine sichere Umgebung geboten und plötzlich war alles weg." Trotzdem weigerte er sich, das Geld zu bezahlen. "Ein, zwei Tage lang war ich traurig, doch dann habe ich mich dazu entschlossen, einen Neuanfang zu wagen." Es dauerte nicht lange, bis ihm tausende neue Menschen folgten. Er wurde sogar eingeladen, mit dem Label Izzue bei der London Fashion Week zusammenzuarbeiten.

"Das georgische Ministerium für Kultur hat mich gefragt, ob ich das Land bei der Biennale in Venedig vertreten wolle." Als ich ihn frage, ob sich das nicht schwierig gestalten könnte, angesichts seiner komplexen Beziehung zu dem Land, in dem er aufgewachsen ist, antwortet er entschieden: "Nein, ganz im Gegenteil. Ich sehe es als eine großartige Möglichkeit, einen neuen Diskurs über meine Erfahrungen anzustoßen – Erfahrungen, die zwar persönlich sein mögen, vielen jungen Menschen in Georgien aber bekannt vorkommen. Nicht nur homosexuellen Menschen, sondern jeder jungen Person, die nicht der Norm folgt. Ich hoffe, dass ich ihren Geschichten eine Plattform geben kann."

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Foto: Mayli Sterkendries
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Foto: Mayli Sterkendries
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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unseren Kollegen aus der niederländischen Redaktion.

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