Pablo Pérez-Mínguez, Camerinos Rock-ola, 1979-1985. Used with permission from the artist. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers. 

So zügellos feierten die ersten spanischen Club Kids

Nach Jahrzehnten der Unterdrückung erwachte in den 80ern eine rebellische Jugendbewegung: 'La Movida'.

von Sarah Moroz
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05 August 2019, 9:05am

Pablo Pérez-Mínguez, Camerinos Rock-ola, 1979-1985. Used with permission from the artist. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers. 

Die 80er Jahre haben Spanien massiv geprägt: nach Jahrzehnten der politischen Diktatur unter Francisco Franco brach nun endlich eine kulturelle Renaissance an, Meinungen durften wieder frei geäußert werden. Diese ungezügelte Energie sammelte sich in einer Bewegung der Gegenkultur, bekannt unter dem Namen La Movida. Besonderer Beliebtheit erfreute sich diese Szene unter Konzertbesucher*innen und Partyenthusiasten. Sie war sogar so beliebt, dass selbst eine Ausgabe des Rolling Stone aus dem Jahr 1985 die Szene in ihrem Feature "Youth Reigns in Spain" thematisierte. In dieser Post-Franco-Ära haben die jungen Menschen aus Madrid "nicht absichtlich versucht, ein politisches Statement zu setzen, stattdessen erzählen sie die Geschichte ihres Lebens, das auf einer politischen Bühne geformt wurde", so der Artikel.

Dabei spielten vier Fotograf*innen eine integrale Rolle. Alberto García-Alix (*1956), Ouka Leele (*1957), Pablo Pérez-Minguez (*1946-†2012) und Miguel Trillo (*1953) waren nicht nur Teil der Bewegung, sondern allen voran visuelle Chronisten, die diese einmalige Zeit in ihrem ganz individuellen Stil festhielten. Besonders die Street-Style-Bilder von Trillo schafften es, diese eigenwillige Generation zu dokumentieren. Auch wenn Trillo von klassischen Porträt-Fotograf*innen wie August Sander, Diane Arbus und Irving Penn inspiriert wurde, lässt sich eine einzigartige Unangepasstheit seiner Subjekte in seiner Fotografie erkennen.

i-D hat sich mit dem 66-Jährigen über die 80er Club Kids von Madrid unterhalten.

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Miguel Trillo, Madrid, 1982. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

Deine Fotografien sind improvisiert und im Club, auf der Straße, in Konzerthallen entstanden. Hast du je darüber nachgedacht, dir ein Studio zu mieten?
Die Hintergründe vor Ort waren improvisiert, aber mit Bedacht. Manchmal habe ich mich zu allererst für eine passende Wand entschieden und dann insgeheim gehofft, jemand würde direkt durch- oder super nah daran vorbeilaufen. Ich war so geduldig wie ein Angler, der nur darauf gewartet hat, dass endlich ein Fisch anbeißt.

War es dir wichtig, eine enge Verbindung zu den Menschen auf den Fotos herzustellen?
Ich habe mit ihnen geredet, versucht, dass sie natürlich vor der Kamera stehen. Klar, ich habe sie absichtlich vor eine Wand gestellt oder davor sitzen lassen. Manchmal geschahen unerwartete Dinge, alles musste immer sehr schnell gehen. Ich hatte einen, selten auch zwei Versuche. Ich habe immer alles gegeben, dass sie nicht lächeln. Nicht so wie die Modemagazine und Werbungen, in denen junge Leute immer ihre Zähne zeigten und 'glücklich' ausgesehen haben.

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Miguel Trillo, Madrid, 1984. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

Wie hast du die Fotografie damals wahrgenommen?
Damals galt die Fotografie für meine Generation noch als Kunst – und nicht als Beruf. Wir wollten in kleinen, modernen Galerien ausgestellt werden, nicht in Bars oder exklusiven Fotogalerien. In den frühen 80er Jahren habe ich es geschafft, in zwei sehr wichtigen Galerien in Madrid zu zeigen. Ich wollte, dass endlich mal Schluss ist mit den typischen gerahmten Schwarz-Weiß-Fotografien. Sie wurden immer ausgestellt als seien es Zeichnungen ... das mochte ich noch nie. Das einzig wirklich Traditionelle, das ich mit meinen Bilder gemacht habe, war sie zu unterschreiben, zu nummerieren und nur eine begrenzte Anzahl zu produzieren. Ich mochte es auch nicht, wie Fotografie in der Presse behandelt wurde, also habe ich meine Schwarz-Weiß-Fotos in Fanzines und Kunstbüchern veröffentlicht. In den 90ern war die Fotografie sehr präsent, fast schon 'normalisiert' und auf modernen Kunstmessen zu finden. Und dann kam das Internet, das so viele neue Wege eröffnet hat.

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Miguel Trillo, Madrid, 1982. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

Was hat das Nachtleben in Madrid so besonders gemacht?
Wir waren die erste Welle: Alles war neu und durcheinander, wir waren eine Art Avantgarde. In London gab es zum Beispiel schon eine riesige Musik-, Mode- und Magazinindustrie. Auch wenn wir den Enthusiasmus geteilt haben, war das ein extremer Unterschied. In Madrid hat sich kaum jemand die Haare gefärbt oder hatte Tattoos – trotzdem gab es Ähnlichkeiten mit London oder New York und ihrem krassen Sex- und Drogen-Lifestyle.

Kannst du etwas über diese besondere Generation und Zeit sagen, in der deine Fotos entstanden sind?
Wenn eine Stadt – ein Land – und eine junge Generation Freiheiten begegnen, zu denen ihre Eltern oder sogar Geschwister keinerlei Zugang hatten, entsteht eine gewaltige, neue Energie. Das war die La Movida: Eine Zeit, die neben einem Haufen Spaß auch eine Menge künstlerischer Aktivitäten anspornte.

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Alberto García-Alix, Gabriel, 1980. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

Deine Arbeiten zeigen Punks, Mods, Rocker, Teddy Boys, Heavies und so viel mehr. Siehst du dich selbst als eine Art Sozialanthropologe oder doch eher als Street-Style-Fotograf?
Letzteres. Ich mag die Straße und die Möglichkeit, dort Menschen anzutreffen. Ich habe keinerlei Absichten, jemanden auf meinen Fotos zu 'studieren'. Es geht vielmehr darum, Spaß zu haben. Dahin zu gehen, wo die Szene blüht: auf Konzerten, Festivals, Fashion Weeks und den Straßen.

Der Stil, zu der Zeit als zu fotografiert hast, hat schon damals mit Gender-Stereotypen gebrochen. Wie glaubst du wurde Gender damals ausgedrückt?
Es gab ein paar sehr starke weibliche Figuren und nur ein paar wenige schwule Männer, die Teil der La Movida waren. Alles hat sich auf der Ebene des Sichtbaren abgespielt, nichts war organisiert. Wir kamen aus einer Zeit, in der es einen Überschuss an politischen Reden gab, an Militanz und Regeln. Niemand hatte Interesse an Verordnungen und Slogans nach all dem, was wir erlebt haben.

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Pablo Pérez-Mínguez, Alaska, Pedro y Fabio, 1979-1985. Collection Adolfo Autric. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

Drogen haben eine große Rolle in der La Movida Bewegung gespielt. Hast du dich auch für diesen Aspekt in deinen Fotografien interessiert?
In vielen Bildern der La Movida findest du Spuren von Alkohol, Amphetamin, Haschisch, Acid und Heroin ... In meinen Bildern wirst du sie nicht sehen, aber du vermutest sie. Manche der Menschen auf den Fotos sind Monate später gestorben: durch Unfälle, AIDS, eine Überdosis. Das alles war das Ergebnis des unbändigen Verlangens, Gefahr zu erleben, den Rausch zu fühlen. Die Substanzen hatten eine intellektuelle Prestige. In der Welt der Kunst und Musik gibt es keine Kontrolle von Alkohol oder Drogen, wenn die Kreativen auf der Bühne oder in ihrem Studio sind.

Wie aktiv fotografierst du heute noch?
Ich habe mich kein bisschen verändert. Der einzige Unterschied ist – nachdem ich 35 Jahre lang unterrichtet habe –, dass ich als Lehrer für Literatur in Rente gegangen bin. Je älter ich werde, desto mehr Fotos mache ich bei Tag als bei Nacht. Was mich heute am meisten interessiert, sind Manga Festivals, Fashion Weeks und Einkaufsstraßen – das ist nun mein Jagdrevier. Wie ich bereits gesagt habe: Ich habe die Geduld eines Anglers, aber statt einer Angel habe ich eine Kamera.

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Alberto García-Alix, Ana Curra esperando mis besos [Ana Curra waiting for my kisses] , 1984. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.
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Pablo Pérez-Mínguez, Divina May, 1979-1985. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.