Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US. 

Wie “A Nasty Boy“ Nigerias Männlichkeitsbild in Frage stellt

Der Gründer und Editor Richard Akuson, der in einem Land lebt, in dem es tödlich sein kann, anders zu sein, hat sich dafür entschieden, genau diese Andersartigkeit so wunderschön darzustellen, wie sie ist.

von André-Naquian Wheeler
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07 August 2017, 9:15am

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US. 

A Nasty Boy ist eine Website, die die unendlich vielen verschiedenen queeren Identitäten der Nigerianer dokumentiert. Und das in einer Zeit, in der die nigerianische Regierung versucht, das Nicht-Heterosexuelle auszulöschen, und 2013 auch homosexuelle Handlungen kriminalisiert hat. Sie kann mit bis zu 14 Jahren bestraft werden. Erst vor Kurzem wurden in einer Polizeirazzia in Lagos mehr als 40 Männer wegen sexuellen Handlungen mit anderen Männern verhaftet. Die Situation für die LGBTQ-Community in Nigeria ist mehr als düster, doch in A Nasty Boys Modestrecken und Filmen ist davon nichts zu erkennen. 

In dem Magazin, das vom 23-jährigen Richard Akuson gegründet wurde, wird uns eine glanzvolle Welt präsentiert, in der Männer sich sorglos am Strand liebkosen, Mascara tragen und schick angezogen sind. Die malerischen und anspruchsvollen Bilder zeigen eine sorglose Welt, in der nur die Schönheit und das Verliebtsein zählen. In seinem Editorial "No Place to Call Home", das er uns exklusiv zur Verfügung gestellt hat, fängt Akuson die Einsamkeit ein, die Nigerias Crossdresser empfinden. Mit umeinander geschlungenen Armen kommen uns die Models zurückgezogen aber gleichzeitig auch anmutig und selbstbewusst vor.


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"Es ist toll, zu wissen, dass wir durch A Nasty Boy die Definition dessen, was es bedeutet, Nigerianer zu sein, erweitern können", sagt Akuson. "Es ist eine große Verantwortung, aber eine, die ich gerne auf mich nehme." Wir haben mit Akuson darüber gesprochen, wie Lagos sich langsam zu einer Modemetropole entwickelt und darüber, wie es für ihn war, in Nigeria aufzuwachsen. 

Wie setzen sich diese Fotos mit männlichen Schönheitsidealen in Nigeria auseinander?
Es geht um Jungen, wie beispielsweise mein 8-jähriges Ich, die nicht über andere urteilen und sich mit Make-up einfach lebendiger fühlen. Es geht um Jungs, die kein Problem mit ein bisschen Glam haben. Ich glaube, dass nigerianische Männer sich langsam an die Vorstellung von Make-up und allgemein von Schönheit gewöhnen. Einige meiner Freunde tragen Make-up in der ein oder anderen Form, sei es nun Concealer oder eine leichte Foundation. Und ebenso viele nigerianische Jungs, die ich auf Instagram sehe. In dieser Geschichte geht es um diese Männer, die mit Lippenstift, buntem Lidschatten, Perücken und langen, lackierten Fingernägeln ausgehen. Sie existieren und sind ebenso Nigerianer wie jede andere Person aus diesem Teil des afrikanischen Kontinents. Sie sind wichtig und nicht unsichtbar. 

Wie bist du auf die Idee zu A Nasty Boy gekommen?
Ich habe einige Zeit in den nigerianischen Medien gearbeitet und aus erster Hand erlebt, wie abgeneigt Nigerianer gegenüber Dingen sind, die sie nicht kennen. Wir sind ein sehr konservatives Land, das sich mit seinen alten Standards und Regeln wohl fühlt, und alles, was irgendwie von diesen vorgegebenen Normen abweicht, als Gefahr einstuft. A Nasty Boy war eine Reaktion auf persönliche und auch allgemeinere Erfahrungen. Mir ist klar geworden, dass sich nichts ändern wird, wenn sich die Modewelt nur zurücklehnt und es zulässt, dass archaische, rückschrittliche Traditionen uns vorschreiben, was richtig ist. Ich habe mich dafür entschieden, mich gegen sie aufzulehnen, und zwar mit einer Plattform, die Normen in Frage stellt und Raum für die Entfaltung von Andersartigkeit bietet.  

Und was genau bedeutet der Titel?
Ich wollte, dass das Magazin "das andere" ehrlich repräsentiert. Es war mir wichtig, dass es kompromisslos, entwaffnend und direkt ist. A Nasty Boy erschien mir dafür perfekt geeignet.

Wie war es für dich, in Nigeria aufzuwachsen und erwachsen zu werden?
Ich bin als zweiter von drei Söhnen aufgewachsen und war immer der femininste von ihnen. Ich hab gerne Lifestyle-Shows geschaut, während sie verrückt nach Fußball und Wrestling waren. Meine engsten Familienmitglieder haben nie ein Problem daraus gemacht, also war mir in dieser Hinsicht nicht bewusst, wie anders ich war. Außerhalb meiner Familie sind alle immer auf meiner femininen Art herumgeritten und mussten hervorheben, dass ich anders als die anderen Jungs war. Die Jahre am Internat und später an der Uni waren die schlimmste Zeit für mich, weil ich immer ausgelacht und gemobbt wurde. Ich war also viel alleine, wie ein Fremder, der einfach nicht hineingepasst hat. Als ich älter wurde, wurde mir aber klar, dass ich mir nicht mein Leben lang Gedanken über die Meinung anderer Leute machen könnte. Ich habe gelernt, mich selbst mit all meinen Eigenheiten zu akzeptieren und habe so meinen Frieden gefunden. Es war nicht leicht, an diesen Punkt zu gelangen, vor allem in Nigeria, wo es tödlich sein kann, anders zu sein. Und hätte ich nicht meine Familie und Freunde gehabt, die mich immer unterstützt und mir den Rücken gestärkt haben, hätte ich es sicher nicht so weit gebracht. Deswegen hoffe ich so sehr, dass A Nasty Boy eine Plattform werden kann, die neue und subversive Ideen voranbringt, Andersartigkeit feiert und eine Plattform für Diskussionen rund um einige dieser veralteten Traditionen bietet, durch die sich junge Jungs und Mädchen in ihrem eigenen Körper und in ihrer eigenen Gesellschaft fremd fühlen.  

Wie ist es, so weit entfernt von all den traditionellen Modezentren der Welt zu arbeiten?
Lagos ist ein fantastisches Beispiel einer aufstrebenden Modemetropole. Wir haben Designer, die ihre Mode in der ganzen Welt verkaufen und eine großartige Fashion Week, die die Aufmerksamkeit einiger der bekanntesten Persönlichkeiten der Modebranche und der weltweiten Medien auf sich gezogen hat. Unser größtes Plus ist aber mit Abstand die Rohheit der nigerianischen Modeindustrie. Sie wird von einigen wenigen aber hoch talentierten und leidenschaftlichen Designern angeführt, zu denen immer mehr dazu kommen. Wir haben die seltene Gelegenheit, Talente zu entdecken und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Wir möchten Teil der globalen Modebranche werden und unsere Geschichten weiterhin von hier aus erzählen. Unser Traum ist es, eines Tages zu einer Chanel oder Vetements Show eingeladen zu werden, damit alle unsere Teile aus der Nähe sehen können und wir unserem Publikum unsere Perspektive näher bringen können.  

@ANastyBoy

Credits


Text: André-Naquian Wheeler
Fotos: Terna Iwar
Creative Direction: Richard Akuson
Make-up: Mike Michaels
Models: Okechukwu Ojukwu, David Nirva tragen Fruche

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