eine geschichte von weiblicher nacktheit in der kunst

Wir trafen die Künstlerin Liv Fontaine und sprachen mit ihr über Frauenfeindlichkeit, weibliche Emanzipation und wie es ist, die Rolle der Treacle Fuckface zu spielen.

von Tish Weinstock
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22 Mai 2015, 11:50am

Seitdem Eva vom verbotenen Apfel probierte, wurde Nacktheit immer als etwas Sexuelles verdammt; als etwas, was nie ohne Sünde ist, besonders wenn es mit Frauen zusammenhängt. Das will die englische Performancekünstlerin Liv Fontaine aus Southhampton gerne zurechtrücken. Ob sie sich nun nackt an eine Säule kettet, oberkörperfrei zu „Jolene" singt oder sich als Erotikmodel ausprobiert, Zurechtrücken trifft ganz gut, was sie macht. Dennoch ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen; total nackt vor einem Publikum zu performen, das nichts anderes will, als sie zu objektivieren und zu sexualisieren, hat auch seine Schattenseiten. Aber wie bei allen Künstlern, so sind auch Livs Arbeiten Work in Progress. Wir trafen die Künstlerin und sprachen mit ihr über Frauenfeindlichkeit, weibliche Emanzipation und wie es ist, die Rolle der Treacle Fuckface zu spielen.

Warum Performance-Art?
Performance macht ziemlich abhängig. Man baut immer andere Beziehung mit dem Publikum auf. Es befriedigt mich auf eine Weise, wie es nichts Anderes kann. Sie ist so direkt, so stark und voller Adrenalin.

Was inspiriert deine Performances?
Was mir in meinem Leben und was anderen passiert. Die feministische Ecke, aus der ich komme, ist oft von Wut geprägt. Warum reibt dieser bescheuerte Kerl seinen Schwanz an meinem Arsch, während ich hier im Bus stehe? Außerdem feiere ich Weiblichkeit: viele Frauen haben getan und machen immer noch viele wichtige, starke und sehr notwendige Dinge.

Du benutzt dein Image als künstlerisches Medium, aber denkst du, dass du Herrin darüber im Alltag bist?
Ich lese die YouTube-Kommentare zu meinen Videos: ‚Tolle Titten, Ich würde gerne ihren Rachen ficken'. Diese Leute haben eine unterschiedliche Vorstellung von meinem Image und dabei belasse ich es auch. Ich probiere mich gerade an einem neuen Projekt als Erotikmodel. Ich versuche immer noch meine Motivation dafür zu verstehen. Ich fühle mich stärker, wenn ich direkt in die Kamera blicke, geradeaus zum Zuschauer, während ich mich zeige. Ich bin nicht verletzlich, ich befehle. Ich versuche den Unterschied zwischen dem und meiner eigenen Arbeiten, in der ich mich präsentiere, zu verstehen. Es gibt all diese Gedanken in meinem Kopf: Neubesetzung von Sex/Porno/Befriedigung, diese zu kontrollieren, sich stark zu fühlen und sie als Mittel der Selbstbefreiung zu benutzen. Ich weiß nicht, ob es ein positives Unterfangen wird oder nicht, aber ich freue mich darauf, es herauszufinden. Definitiv ist es aber so, dass ich meine eigenen Entscheidungen selbst kontrolliere.

In vielen deiner Performances kommt die Rolle der Treacle Fuckface vor. Stell sie uns doch ein bisschen genauer vor.
Sie ist eine Rolle, die ich in meinen Arbeiten schon viele Jahre lang spiele. Sie ist eine lüsterne, vollbusige Exhibitionistin. Sie ist militant. Sie ist eine Prostituierte. Sie hat keine Scham. Alles dreht sich bei ihr um Subjektivität. Sie erlaubt es nie, objektiviert zu werden. Sie ist mein Vorbild.

Sind deine Arbeiten eine Kritik an der medialen Repräsentation von Frauen?
Meine Arbeiten sind eine direkte Reaktion auf die mediale Darstellung von Frauen, die absurd und nicht real ist. Verzweifelt ahmen und idealisieren sie das Unmögliche. Die Rollen, die ich spiele, unterwerfen sich geförderten Vorstellungen und Gedanken wie ‚Ich muss erfolgreich sein', ‚Ich muss gut aussehen', ‚Männer müssen mich ficken wollen', ‚Wieso bin ich nicht so dünn?' und ‚Warum zum Teufel sehe ich nicht so aus?'. Es wirkt vielleicht lustig, aber ich produzierte dadurch ein sehr vertrautes Gefühl der banalen Realität. Das ist keine positive Körperwahrnehmung. Mit meinen Rollen versuche ich, diese Absurdität und die Ungleichheit - das Patriarchat - offenzulegen. Wir wissen, dass Männer die Medien kontrollieren. Ich tue das auf die einzige Weise, die ich für angemessen halte: auf ähnlich absurde Weise, aber ohne die Tricks.

Du hast dich mal an einen Sockel gekettet. Was für eine Bedeutung hat Nacktheit bei dieser Performance?
Bei dieser Performance ging es um das klassische Aktbild und den Sockel. Die Schwere seiner Geschichte und die Fetischisierung dieses Objekts, dieser kunstspezifische Gegenstand, der so phallisch und aggressiv ist. Natürlich musste ich nackt sein. Ein paar Tage vor der Show bin ich durchgedreht. Ich wollte nicht auf diese Art bloßgestellt werden - ein sexuelles Objekt statt ein starkes Subjekt. Ich habe dem Kurator eine E-Mail geschrieben und ihm gesagt, dass ich ein Unterhöschen tragen werde. Am Morgen vor der Show dachte ich dann nur: Jetzt bekomme dich mal wieder ein. Ich habe zugelassen, dass diese Vorstellungen von Nacktheit als etwas Schändliches und diese Assoziationen mit schmutzigem Sex meine Gedanken bestimmen. Ich musste nackt sein. Ich musste die Idee des klassischen Aktbildes auf eine unglaubliche Weise präsentieren. Scheiß auf die Sexvorstellungen, die andere auf dich projizieren. Ohne diese Überzeugung wäre ich nie in der Lage gewesen, die Idee des Aktbildes mit dieser Arbeit neu zu besetzen.

Weibliche Nacktheit wird meistens als etwas Sexuelles gesehen, als etwas Schmutziges und Schändliches. Viele feministische Gruppen nutzen Nacktheit als Protestform. Wie denkst du darüber?
Wir sollten alle notwendigen Mittel ergreifen! Wir müssen unseren Einsatz von Nacktheit nicht rechtfertigen oder uns für unsere Körper schämen. Das Problematische an der Art und Weise, wie Nacktheit in den Medien, in der Werbung und in Pornos sexualisiert wird, ist, dass es zu etwas Schmutzigem wird. Viele Leute sind angeekelt von Sex. Sie verbinden damit Scham und etwas Anstößiges. Frauen tragen die Hauptlast dabei, was sie in eine sehr schwache Position bringt. Schau dir nur die Sache mit #FreeTheNipple an. Facebook und Instagram finden den weiblichen Nippel so anstößig, dass sie ihn eine Schublade mit schmutzigem Sex und Schande packen und ihn verbieten! Wir sind durch dieses Trara so geblendet, dass wir nicht dazu kommen über die Dinge, die tatsächlich beleidigend und gefährlich für uns sind, zu sprechen.

In den Mechanismen von Social Media gibt es viele performative Elemente. Was denkst du als Künstlerin über Instagram und Facebook?
Für lange Zeit war ich dagegen, alles öffentlich zu machen. Es ist nicht besonders hilfreich, dass wir ständig mit Informationen bombardiert werden. Es ist völlig gedankenfrei. Ich wollte nicht, dass meine Arbeiten die Arbeiten einer weiteren nackten Frau werden - lediglich eine glänzende Oberfläche für eine halbe Sekunde, bevor wir uns alle auf das Nächste stürzen. Das Internet hat alles verwässert. Sogar Pornos sind jetzt langweilig. Außerdem werden viele Ideen mit Schönheit oder Sex verkleidet und durch die sozialen Plattformen geschleust. Ich kenne mich damit nicht aus. Man sieht viele Bilder von jungen Frauen. Es ist so sexualisiert, was natürlich nicht gesagt wird, aber es ist einfach so. Es wird als einvernehmlich deklariert und damit soll es OK und absolut keine Objektivierung sein. Ich sage: Versucht nicht uns zu verwirren - versuche nicht, dich selbst zu täuschen. Ich habe immer noch das Gefühl, dass wir einen Kampf vor uns haben. Ich werde nicht in einem Bikini übers Grass rollen.

Wie sollen sich die Leute an dich erinnern?
Gute Freundin / Gossen-Schlampe / Fotzen-Priesterin / Tolles Haar / Freiheitskämpferin

www.livfontaine.com