Dean Shows his Tat, Russell Heights, Cobh, Ireland, 2009

Dieser Fotograf fängt die letzten Momente vor dem Erwachsensein ein

Doug Dubois hat sechs Jahre lang Jugendliche in Irland beim Erwachsenwerden begleitet und festgehalten, was die schwere Wirtschaftskrise für diese Generation bedeutet hat.

von Emily Manning; Fotos von Doug DuBois
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29 März 2017, 9:25am

Dean Shows his Tat, Russell Heights, Cobh, Ireland, 2009

Ob Der Fänger im Roggen oder The Virgin Suicides: Jede Generation schafft sich ihre eigenen Coming-of-Age-Geschichten, die diese wichtige Phase im Leben so darstellen, wie das Leben junger Menschen in den jeweiligen Ländern ist.

Vor sechs Jahren, als die irische Wirtschaft in eine Krise trudelte, wurde der amerikanische Fotograf Doug Dubois von Sirius Arts Centre zu einer Residency eingeladen, in der Kleinstadt Cobh, in der Nähe von Cork im Südwesten des Landes. Dougs erster Versuch einer Fotoserie über die Auswirkungen des wirtschaftlichen Crashs kam in der Community nicht gut an. "In Irland gab es viele Baustellen, Häuser, die leer standen, oder einfach nicht mehr weitergebaut wurden", erklärt er. "Ich wollte den letzten Stand fotografisch festhalten, aber das hat mich nirgends hingeführt. Und zu Recht war das ein Moment der Offenbarung. Angesichts der wirtschaftlichen Situation war jeder angespannt."


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Nachdem zwei Wochen vergangen sind, hatte er keine Ergebnisse, also wollte Doug wieder abreisen. Doch noch bevor er in Irland ankam, bat er den Direktor des Zentrums um einen Fotografie-Workshop, der ihn mit der Community vor Ort vernetzen würde. Zu dem Workshop kamen acht Jugendliche, einige von ihnen haben die Schule für einen Job abgebrochen. "Ich habe die Gruppe gebeten, dass sie mir ihre Viertel zeigen sollten, da, wo sie abhängen." Ein Pärchen, Eirin und Kevin, hat zugestimmt.

In den nächsten fünf Jahren ist Doug jeden Sommer zurück nach Cobh im Südwesten Irlands gekehrt, um die Jugendlichen im Ort zu fotografieren. Die Ergebnisse sind in seinem Bildband My Last Day at Seventeen zu bestaunen. Neben den Fotos hat der Illustrator Patrick Lynch einen Comic beigesteuert. Indem Buch werden Wahrheit und Fiktion auf bewegende Art und Weise miteinander verbunden und die letzten Tage vor dem Erwachsenendasein dokumentiert.

Jordan up the Pole, Russell Heights, Cobh, Ireland, 2010

Erzähle uns mehr über deine erste Zeit mit den Jugendlichen.
Kevin und Eirn, das Pärchen aus meinem Workshop, haben mir von dem Treffpunkt "The Steps" erzählt. Da betrinkt sich regelmäßig eine Gruppe aus 15 Leuten, die alle ungefähr 15 Jahre alt sind. Da bleibt es lange hell, bis 21 oder 22 Uhr. Ich wollte nicht das Trinken fotografieren, weil das in die Hände eines Stereotyps spielt. Ich habe mir einen geschnappt, Lenny, und ihm gesagt: "Lenny, ich werde ein Close-up von dir fotografieren. Du musst ruhig stehen und in die Kamera schauen. Kannst du das?" Er war betrunken genug, um das zu machen. Ich habe ein, zwei Aufnahmen machen können, bevor es wirklich abging. Bierdosen sind umhergeflogen, die Leute haben mich angespuckt, es war einfach verrückt. Kevin sagte, dass wir da weg müssten. Ich habe analog fotografiert, deshalb habe ich die Bilder erst gesehen, als ich Irland wieder verlassen hatte. Die Aufnahme von Lenny wurde zu einem Eckpfeiler des Projekts. Ich wollte den Moment kurz vor dem Eintritt ins Erwachsenenalter festhalten.

Lenny on the Steps, Cobh, Ireland, 2009

Wie hat sich das Projekt weiterentwickelt?
Ich habe Kevins Viertel näher kennengelernt, das ist das Arbeiterviertel Russel Heights. Einer dieser typischen Sozialwohnungsgebiete, etwas abseits gelegen. Dort achten die Leute gegenseitig auf sich. Ich kannte nur Kevin und Eirn. Die ersten beiden Wochen waren echt schwer., weil die Leute die Polizei wegen mir gerufen haben. Sie sind auch vorbeigefahren und haben geschrien: "Verpiss dich hier, du verschissener Wichser. Was zur Hölle machst du hier überhaupt?" Das hat sich aber langsam verändert.

Nach zwei Wochen, als nichts passiert ist, wollte ich eigentlich wieder zurück. Dann habe ich Kevin und Eirn gefragt, ob ich im nächsten Jahr wiederkommen könnte. Sie waren so großzügig und haben die Türen für mich geöffnet. Ich hätte das Projekt ohne ihre Unterstützung nie umsetzen können. Die Jugendlichen im Viertel haben von da an, jeden Sommer meine Rückkehr erwartet. Das wurde ein Ritual und Teil ihrer Leben.

Eirn on the Eve of her 18th Birthday, Cobh, Ireland, 2009

Mit welchen Problemen sind die 17-Jährigen in dem Ort konfrontiert?
Im ersten Sommer habe ich Eirin in einem Partykleid am Abend vor ihrem 18. Geburtstag fotografiert. Sie hat mir zugerufen "Das ist mein letzter Tag mit 17". Ich wusste natürlich was sie meint. Diese gravierenden Einschnitte können aber auch passieren, wenn man 12 oder 40 ist. Es ist dieser Verlust an Unschuld, wenn man die Kindheit hinter sich lässt und realisiert, dass der Platz für einen selbst in der Welt ein anderer ist. Man kann nicht länger so sein, wie man immer war, und das Neue ist noch nicht ganz sichtbar. Man erinnert sich immer noch daran, wie es als Kind war, weil man immer noch danach handelt: Man hat viel Energie, aber man weiß auch, dass man sich jetzt organisieren muss. Diese Entwicklung ist unabhängig von der sozialen Herkunft bei allen gleich und nicht auf Irland beschränkt. Aber wie es in Irland passiert, ist sehr irisch.

Padjoe in his Father's Kitchen, Cobh, Ireland, 2011

Was waren die größten kulturellen Veränderungen in den fünf Jahren?
Die Älteren von ihnen sind in einer wirtschaftlichen Blase aufgewachsen. Es gab überall Jobs in Irland, das Land hat sogar Gastarbeiter ins Land geholt, weil der Bedarf an Arbeitskräften auf dem Bau so hoch war. Als die Blase platzte, standen sie vor der Situation, die so typisch für Irland ist: um Arbeit zu finden, mussten sie auswandern. Diese haben ihre Eltern und vor allem die Großeltern gut gekannt. Diese Jugendlichen sind damit aber zum ersten Mal überhaupt in Berührung gekommen. Ich glaube, diese Generation hatte einen größeren Horizont und höhere Erwartungen, als sie noch junger waren, das ist durch die Krise wieder alles gesunken. Diese Stimmung war greifbar.

Bonfire, Russell Heights, Cobh, Ireland, 2011

Erzähle uns mehr über den Graphic Novel-Aspekt des Buches.
Ich wollte eigentlich ursprünglich eine Kurzgeschichte eines irischen Autoren machen, der Verlag hat dann vorgeschlagen, daraus eine Art Graphic Novel zu kreieren. Dann habe ich Paddy entdeckt – seine Arbeiten sind äußerst emotional und vermitteln ein Gefühl, was es bedeutet, in Dublin jung zu sein. Wir haben uns in Russel Heights kennengelernt und sind mit einem Mock-up des Buchs und einem Aufnahmegerät losgezogen. Ich habe den Entwurf zufällig irgendwelchen Leuten gegeben und sie gebeten, mir zu sagen, was sie darüber denken. Der Comic basiert auf diesen Geschichten, die wir im Viertel eingefangen haben. Einige Teile sind erfunden, aber alles basiert auf realen Ereignissen. Im Comic geht es darum, was es bedeutet, erwachsen zu werden. Das ist eine weitere Möglichkeit, diese Geschichte zu erzählen.

Roisin and Jordan, Cobh, Ireland, 2010

Gibt es irgendwas, das die Leser mitnehmen sollen, nachdem sie das Buch zugeschlagen haben?
Coming-of-Age-Geschichten sind so beliebt, weil jeder Mensch diese Phase durchmacht. Das ist auch generationsübergreifend. Die Menschen reagieren auf die gleichen Emotionen und erinnern sich, wie es in ihrer Jugend war. Ich hoffe einfach, dass das Buch sich emotional authentisch anfühlt und sich die Leute wiederfinden und identifizieren können und an ihre eigene Jugend zurückdenken.

"My Last Day at Seventeen" kannst du hier kaufen.