Die Styles und versteckte Symbolik schwuler Subkulturen

"Gay Semiotics" ist das Kultbuch von Fotograf Hal Fischer über Hanky Codes und die Looks der Leder-Daddys, Jocks und Cowboys.

von Veronica Maldonado; Fotos von Hal Fischer
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10 November 2015, 1:20pm

Woher weiß man, wer fistet und wer sich fisten lässt? Nicht nur im Schwulenviertel von San Francisco – The Castro – fand man die Antwort auf diese und ähnliche Fragen meistens direkt auf dem Po – in Form eines roten Tuchs in der Gesäßtasche. Gemeint ist damit natürlich der Hanky Code.


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Im erstmals 1977 erschienen Buch Gay Semiotics, das jetzt in einer Neuauflage erscheint, hat Fotograf Hal Fischer liebevoll die Hanky Codes und die Looks der Schwulenszene in San Francisco vor dem AIDS-Ausbruch dokumentiert. Das Buch wurde zum Kultklassiker, in dem durch Fotos schwule Styles und Codes sowie die richtige Einnahme von Poppers erklärt werden.

"In dieser Fotoserie und in den Arbeiten, die zu dieser Zeit entstanden, ging es um mich und die Szene, in der ich mich bewegte", sagt der Autor und Fotograf. "Das Buch stellt die Widersprüchlichkeit dar, einerseits mit Codes zu kommunizieren und andererseits nicht missverstanden zu werden."

1975 kam Hal Fischer für sein Fotografiestudium nach San Francisco und wurde Teil der aufstrebenden Künstlerszene der amerikanischen Metropole. Was als Projekt über seine Freunde begann, fand im Laufe der Zeit immer mehr Fans und entwickelte sich zu einem Buch (die erste Auflage von 5.000 Stück verkaufte sich binnen weniger Wochen). Der Erfolg verschaffte dem jungen Fotografen damals ein Kunststipendium und internationale Ausstellungen.

Die Bilder werden von Erklärungen begleitet, wie sich der Style zusammensetzt. Der Look des "Street Fashion Forties Funk" besteht zum Beispiel aus einem Seidenschal, einem ärmellosen Unterhemd und grauen Flanellsocken. Gay Semiotics entschlüsselt die non-verbale Kommunikation innerhalb der Schwulenszene und zeichnet deren Ursprünge nach. Ähnliches findet man auch in dem Marlon-Brando-Film Der Wilde oder in Walt Whitmans Leaves of Grass.

"Der einfache Gay-Look hat gewisse maskuline Symbole wie das Flanellhemd und die Jeans daraus übernommen", sagt Hal Fischer. "Die Kleidung hat nur im Kontext innerhalb der Schwulenszene funktioniert. Auf dem Land konnte man die Kleidung tragen und keiner hatte eine Ahnung, was sie bedeutet. Eingeweihte wussten Bescheid. Nach außen blieb man unerkannt. Das liegt daran, dass die Codes aus der Mainstreamkultur übernommen wurden."

Wie war es mit der Lederszene? "Leder war noch mal eine andere Nummer."

Gay Semiotics ist von Anfang bis Ende eine unterhaltsame Lektüre, die anschaulich, lehrreich und nie langweilig Schwulenjargon übersetzt. So sieht man zum Beispiel auf einer Doppelseite ein Model in vollem SM-Geschirr, dazu wird das Wort Dominanz erklärt: "Das dunkle und volle Brusthaar ist die perfekte Ergänzung des dominanten, aktiven Looks."

Für Hal Fischer war eines bei den Texten immer besonders wichtig: "Wie erklärt man den Leuten etwas so Komplexes, ohne dabei wie ein Lehrer zu wirken, aber auch so, dass sie es verstehen und es positiv klingt?"

Die Neuauflage von Gay Semiotics kommt für ihn zur richtigen Zeit: "In den Gesprächen mit jungen Leuten habe ich immer wieder gehört, wie viel Interesse an diesem Thema besteht. Ich glaube, dass viele die Geschichte verstehen wollen. Innerhalb der Schwulenszene gibt es auch eine gewisse Nostalgie für die Zeit vor AIDS und den Spaß in der Szene in San Francisco."

Es sind aber nicht nur die jungen Leute, die die 70er wiederentdecken. "Kunst aus diesem Jahrzehnt wird gerade auch immer beliebter", erklärt Hal. Gay Semiotics ist ein Zeitdokument aus einem fröhlicheren Kapitel schwuler Geschichte – die Idylle vor der Seuche.

Noah Michelson, Editor von Huffington Post Gay Voices, sagt über die Publikation: "Ich war zu jung, als das Buch zum ersten Mal erschien, und vielleicht verkläre ich auch viel. Aber es hat doch etwas unglaublich Tolles an sich, wenn es einen Geheimcode gibt, den nur du und die anderen Mitglieder dieser Geheimgesellschaft kennen."

Die schwule Kultur hat sich weiterentwickelt und die Straßencodes wurden durch Apps wie Grindr und Scruff ersetzt. "Man braucht keinen Hanky Code mehr, um kompatible Sexpartner zu finden. Man kann direkt fragen", so Michelson. "Dennoch habe ich das Gefühl, dass mit dem Verschwinden der Hanky Codes auch ein gewisser Sinn für Kameradschaft verloren gegangen ist. Vielleicht ist die Neuauflage von Gay Semiotics der ideale Zeitpunkt, damit uns bewusst wird, was wir verloren haben."

Für Hal Fischer ist sein Buch sowohl eine Momentaufnahme seiner Szene als auch ein Überbleibsel einer untergegangenen Sprache, die aus einer Notwendigkeit heraus entstand und ein Vokabular für Orte und Sehnsüchte entwickelte. "Damals in den Siebzigern konnte es übel ausgehen, wenn man einen Hetero anmachte, je nachdem wo man lebte und wie die Umstände waren", sagt er. "Die Codes waren extrem wichtig."

Gibt es diese besondere schwule Ästhetik im Schwulenviertel von San Francisco heutzutage immer noch? "Mittlerweile ist das komplett verschwunden. Ich kann nicht mehr auseinanderhalten, wer schwul ist und wer nicht", antwortet Hal Fischer. "Diese Codes entstanden zu einer Zeit, bevor man einfach Bilder machen konnte, die dann weiterverbreitet wurden. Nicht nur die Art und Weise, wie eine Subkultur existiert hat, hat sich verändert, sondern auch die Art und Weise der Kommunikation. Alles ist jetzt anders."

"Hal Fischer: Gay Semiotics A Photographic Study of Visual Coding Among Homosexual Men" ist hier erhältlich.