Die verblüffende Schönheit leerer Pornosets

Jo Broughton hat jahrelang die Anmut von gefakten Krankenschwestern- und Klassenzimmern dokumentiert, lange nachdem die Schauspieler nach Hause gegangen sind.

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30 Mai 2017, 2:50pm

"In diese Sets ist viel Herzblut geflossen", sagt uns Fotografin Jo Broughton am Telefon. Mitte der 90er, als frisch gekürte Kunststudentin in Essex, hat sie dank einer unaufmerksamen Schulleitung als Assistentin in einem Pornostudio gearbeitet.

"Zu Beginn habe ich Tee gekocht, die Sets gemalt, das Mittagessen geholt und war der Laufbursche", erklärt sie. Nachdem sie sich mit dem Studioinhaber Steve angefreundet hat (ein ehemaliger Mitarbeiter des britischen Porno-Barons Paul Raymond), lebte Jo sogar für einige Zeit im Studio. Später, als sie als Putzfrau gearbeitet hat, fing sie an, die elaborierten Sets zu fotografieren, als alle bereits weg waren. "Ich erinnere mich an einige schräge Tage", sagt die Fotografin.

Auch wenn sie sich schon längst anderen Dingen zugewandt hat wie die Arbeit in seriöseren Fotostudios, hat Jo die Fotos von den Porno-Sets auf einer Kunstmesse ausgestellt. "Ich habe die Serie schon ein paar Mal davor gezeigt und sie hat kaum Aufmerksamkeit bekommen. Die Leute waren noch nicht bereit dafür, weil sie so viele Bedeutungen hat.", sagt sie. Die Fotografien sind weit davon entfernt, die schmutzige Seite der Settings zu zeigen. Es ist vielmehr die witzige Theatralität von nicht jugendfreier Fotografie, die sie dokumentiert – eine längst vergangene Zeit von künstlerischem Schaffen. Wir wollten mehr über Jos Arbeiten erfahren und haben sie zum Interview gebeten.


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Was war der merkwürdigste Job, den du im Studio hattest?
Steve hat mich einmal in ein Bad geholt, als er ein Mädchen in der Badewanne gefilmt hat. Ich musste Blubberblasen in ihren Intimbereich schnipsen. Ich war so verängstigt, dass ich meine Augen dabei schließen musste. Ich habe jeden Tag Tee und Kaffee gekocht. Es war egal, was er gedreht hat, ich habe einfach literweise Tee gekocht.

War das deine erste Erfahrung in einem Fotostudio?
Ja, das war das Praktikum für mein Kunststudium. Die dachten, dass es ein Modestudio ist. Ich bin in einem Ballkleid dort aufgekreuzt (Ich habe keine Ahnung, warum ich dachte, dass man so etwas in einem Modestudio trägt). Ich hatte keine Ahnung. Aber ich habe bald herausgefunden, dass man alte Sachen trägt, weil es schnell schmuddelig werden kann. Ich habe meiner Schule nie gesagt, was für ein Fotostudio das wirklich war.

Haben sie auch andere Studenten zum Praktikum dorthin geschickt?
Der Typ, der mich dahin geschickt hat, war der Chef des Instituts und sein Sohn hat in einem der Filme mitgespielt, wie ich später herausgefunden habe. Ich habe mich immer gefragt, warum er mir die ganze Zeit zuzwinkert, wenn er am Set war. Ich dachte einfach, dass er irgendwelche Zuckungen hat und keine Ahnung, was da vor sich ging. Ich glaube, ich fand es auf gewisse Art und Weise auch gut, ein bisschen naiv zu sein.

Wann hast du begriffen, dass es kein Modestudio ist?
Jo Guest, ein berühmter Pornostar in den späten 90ern, ist in Strapsen, Strümpfen, Spitzenunterwäsche und einem kleinen Hut herumgelaufen. Sie musste sich auf das Krankenschwesternbett legen und sich ein Thermometer reinschieben.

Hast du deiner Familie und deinen Freunden erzählt, was da vor sich gegangen ist?
Nein. Mein Opa hat es lustigerweise herausgefunden. Ich habe damals mit ein paar Außenseitern in einer WG gewohnt. Einige von ihnen dachten, dass sie Hexen sind und liefen in Batik-Klamotten herum. Das Studio hatte mich auch gewarnt, dass ich es keinem sagen soll. Damals in der Pornoindustrie zu arbeiten, kam einem Pakt mit dem Teufel gleich. Die Leute haben im Studio angerufen und uns obszöne Sachen in den Hörer gebrüllt.

Wer hat die Sets gemacht?
Ein Mädchen aus dem Studio. Sie ist sogar auf dieselbe Uni gegangen wie ich! Mich hat immer überrascht, wie viel Arbeit da dringesteckt hat. Die Möbel organisieren und dann das tagelange Zusammenbauen des Sets. Sie haben riesige Hintergründe gemalt – einmal sogar ein riesiges Gemälde des römischen Reiches.

Wann hast du angefangen, die Sets zu fotografieren?
Ich habe das Studio für eine Weile verlassen. Ich glaube, dass mich Steve sogar gefeuert hat, ich war sehr tollpatschig. Als ich später meinen Master am Royal College of Art gemacht hat, wurde die Putzfrau krank. Steve hat sich gemeldet und mir gesagt, dass ich das Studio benutzen kann und dass er mich fürs Putzen bezahlen würde. So habe ich angefangen, die Sets zu fotografieren, nachdem die Leute weg waren. Die Mitarbeiter fanden das ganz gut, weil ich die Sets abgebaut habe, nachdem ich sie fotografiert hatte. Die Arbeit haben sie sich also gespart.

Was hat sich seit deiner Zeit als Assistentin geändert?
Als ich 17 war und dort gearbeitet habe, waren die Gesetze viel strikter. Man durfte nur schlaffe Penisse zeigen, alles wurde nur angedeutet. Durch das Internet ist alles direkter geworden. Heute wird alles gezeigt. Ich war wirklich geschockt, wie sehr sich die Industrie verändert hat.

Du zeigst die Fotos zehn Jahre nach ihrem Entstehen. Haben sie sich verändert?
Die Aufnahmen zeigen eine Ära, die es nicht mehr gibt. Es zeigt die Handwerkskunst. Es wurde auf Film und manchmal sogar auf Colordiapositivfilm gedreht. Die Fehlertoleranz war sehr gering, man musste es also auf Anhieb richtig machen. Man sieht, wie sehr auf Details geachtet wurde und wie viel Spaß es ihnen gemacht hat, sich die Szenarien und Geschichten auszudenken.

Was waren deine Lieblings-Sets?
Ich fand die Balloons sehr schön und die Eishöhle war fantastisch. Und die Beleuchtung im pinken Schlafzimmer war phänomenal. Sie bestand aus fünf Teilen, heute ist das Licht dagegen super clean.

Was hast du aus deinem Praktikum dort gelernt?
Steve wurde als Kunstfotograf ausgebildet und hat mir viel dabei geholfen, Ideen für andere Projekte zu entwickeln. Ich habe auch gelernt, dass auf jeden Topf ein Deckel passt. Und ich habe Menschlichkeit kennengelernt. Das – mehr als alles andere – hat mir beim Fotografieren geholfen.

@jobroughton