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sind bisexuelle männer das letzte tabu?

Mal wird es als „nur eine Phase“ abgetan, mal ist es Gegenstand offener Diskriminierung—wir setzen uns mit dem Stigma der Bisexualität auseinander.

von i-D Staff
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26 September 2016, 12:43pm

Photography David Pomponio. Getty Images.

Vergangenes Jahr erschien in der Vogue ein Artikel, in dem nahegelegt wurde, dass Cara Delevingnes Interesse an Frauen (sie datet zur Zeit die US-amerikanische Sängerin und Songwriterin Annie Clark) nur eine Phase sei, was in den Medien vielfach kommentiert wurde. Das passt nämlich perfekt zu dem alten Klischee, Frauen würden nur so lange Frauen daten, bis sie den passenden Mann finden, mit dem sie eine Familie gründen können. Es ist zweifellos eine frustrierende Verallgemeinerung, dennoch gibt es eine Menge Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und offen mit ihrer Bisexualität umgehen. Man denke nur an Miley Cyrus, Cara Delevingne, Lady Gaga, Azealia Banks und Kristen Stewart—doch wo sind eigentlich all die bisexuellen Männer? Frank Ocean? OK, er hat gesagt, dass er mal einen Mann geliebt hat—aber das ist auch schon alles, was wir wissen. Junge Schauspieler wie Ezra Miller und Josh Hutcherson zählen zu einer vielversprechenden neuen Generation von Männern, die Sexualität nicht als binäres System verstehen, gehören aber leider auch zu den wenigen Ausnahmen.

Wie auch bisexuelle Frauen werden bisexuelle Männer ständig mit Verallgemeinerungen konfrontiert—im Grunde seien sie alle schwule Männer, die sich noch nicht ganz trauen, sich als solche zu outen. Wie ein schwuler Freund vor Kurzem zu mir gesagt hat, wird „die Gesellschaft einen bisexuellen Mann immer direkt als Schwanzlutscher abstempeln, egal, wie stark er sich zu Frauen hingezogen fühlt oder wie lange er sich schon als bi identifiziert." Und auch nach der kürzlich gescheiterten Ehe von Gwen Stefani und Gavin Rossdale, der früher mit Männern zusammen gewesen ist, führten die Klatschblätter sofort seine unterdrückte Homosexualität als Grund für die Trennung an und ließen damit die gesamten 13 Jahre ihrer Ehe außen vor. Heute wird die Kinsey-Skala, die besagt, dass die menschliche Sexualität ein Kontinuum und kein binäres System ist, von der Gesellschaft größtenteils akzeptiert—aber in der Praxis haben wir offensichtlich doch noch einige Schwierigkeiten damit, es zu glauben.

Bei einer kurzen Google-Suche zum Thema Bisexualität findet man einige wissenschaftliche Studien, die nach Beweisen für die Existenz von Bisexualität suchen. In einer der Studien wird nahegelegt, dass Frauen bi sein können, Männer aber wahrscheinlich einfach nur schwul sind. Die Studie wurde im Jahr 2011 neu aufgegriffen, dieses Mal mit einem strengen Auswahlverfahren für die Probanden. Im Ergebnis wurde befunden, dass auch Männer von beiden Geschlechtern sexuell erregt werden können, es aber unter Männern angeblich seltener dazu kommt als unter Frauen. Fragen über die Rechtmäßigkeit dieser Studien sind berechtigt—vor allem, weil sie Bisexualität allein anhand der sexuellen Erregung festlegen. Eigentlich ist schon alleine die Tatsache, dass es solche Studien gibt, ein Problem. Wie soll man sich trauen, sich zu outen, wenn die wissenschaftliche Community die Existenz einer sexuellen Identität infrage stellt?

Bisexuelle Menschen beider Geschlechter werden auch oft von Mitgliedern der homosexuellen Community diskriminiert, wo der Ansatz „Entweder du bist homo, hetero oder du lügst" nicht ungewöhnlich ist. Wenn man bedenkt, wie lange die Gay Community für ihre Anerkennung kämpfen musste, kann man vielleicht eher nachvollziehen, warum sie sich von Bisexualität bedroht fühlt. Doch auch wenn die sexuelle Vorliebe die sexuelle Identität eines bisexuellen Menschens verändern kann, verändert sich dadurch nichts an der Tatsache, dass er sowohl Männer als auch Frauen lieben kann. In einem Artikel für Slate bringt Nathalie Frank das auf den Punkt: „Man gilt auch als Jungfrau schon als hetero oder homo. Warum also nicht bi? … Ich bin Jüdin, egal, was ich mache. Und ich bin auch bisexuell, egal, was ich mache, und ich muss nicht alle zehn Jahre mit einer Frau schlafen, um das irgendwem zu beweisen." Die Vorstellung, dass man weiterhin mit Frauen und Männern zusammen sein muss, um bisexuell zu sein, ist vor allem in den Köpfen vieler Männer fest verankert. Ihre tatsächliche sexuelle Fluidität wird nämlich viel zu selten ernst genommen—selbst, wenn sie mit einer Frau in einer Beziehung sind.

Das Stigma um die männliche Bisexualität überrascht nicht wirklich. Wir leben in einer patriarchalischen Welt, in der es als heiß gilt, wenn Frauen mit Frauen Sex haben, Männer, die mit Männern Sex haben, aber als Bedrohung der Männlichkeit gesehen und als verweichlicht oder abstoßend bezeichnet werden. Bromance-Filme, in denen jede Art der Intimität zwischen Männern als sicheres Ticket zur Homosexualität gilt, machen sich diese Sicht regelmäßig für Witze zunutze. In der Popkultur sind bisexuelle Männer praktisch überhaupt nicht vorhanden. Selbst der bisexuelle Comic-Held John Constantinos wurde für sein Filmdebüt als heterosexuell dargestellt. Es gibt zwar in Game of Thrones die Figur des Oberyn Martell, einen sehr männlichen Typen, der zu seinen sexuellen Vorlieben für beide Geschlechter steht, doch zufällig lebt auch er in einer Welt, in der Vergewaltigungen und Inzest normal sind. Und in House of Cards ist Sex mit beiden Geschlechtern für Frank Underwood lediglich ein Mittel, um die Leute zu manipulieren.

Wenn männliche Bisexualität überhaupt gezeigt wird, wird sie allzu oft auf die sexuellen Handlungen beschränkt—dann heißt es, er sei einfach so notgeil, ein Sexsüchtiger, der es mit egal wem treibt, und so weiter. Man denke nur an die Gerüchte um David Bowie und Iggy Pop, die dann als Produkt der zugedröhnten Musikszene der 70er Jahre abgetan wurden. Sucht man in der Popkultur nach einer liebevollen, echten Beziehung zwischen bisexuellen Männern, wird man lange suchen. Unser fehlendes Verständnis von Bisexualität zusammen mit den strengen gesellschaftlichen Erwartungen an die männliche Heterosexualität und dem Fehlen von Beispielen in der Öffentlichkeit machen es für bisexuelle Männer extrem schwer, sich zu outen und ernst genommen zu werden. Hoffen wir, dass Millers und Hutchersons Offenheit den Beginn einer Verschiebung in Richtung mehr Akzeptanz für unterschiedliche Arten der Männlichkeit und Sexualität bedeuten.  

Credits


Text: Jean Kemshal-Bell
Fotos: David Pomponio