ivar wigan fotografiert die stripclub-kultur in den südstaaten der usa

Der britische Fotograf fängt das „High Life“ in Miami, Atlanta und New Orleans ein.

von Felicity Kinsella
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19 Juni 2015, 7:55am

Der britische Fotograf Ivar Wigan nimmt uns mit auf eine Reise durch die quirligsten Teile des sogenannten amerikanischen „Dirty South". Die Ergebnisse seiner Reise präsentiert er in seiner neuesten Ausstellung The Gods, ein düsterer, dennoch glamouröser Einblick in eine Welt, die Außenstehende als Hort von Kriminalität, Armut und gescheiterter Träume sehen. In Wirklichkeit haben die Subkulturen Miamis, Atlantas und New Orleans' eigene Styles, Musik und Bräuche und dort haftet Stripclubs kein Stigma an und die Tänzerinnen werden respektiert.

Bloods

Erzähle uns mehr über die Orte, die du in The Gods dokumentiert hast.
Das erste Foto der Reihe ist in Miami entstanden. Als ich dann von der Stripclub-Kultur in Atlanta erfuhr, wurde das mein nächster Schwerpunkt. Ich habe für mehrere Monate in Atlanta gelebt, um in diese Kultur einzutauchen. Für mich ist New Orleans die wichtigste Stadt im Süden. Von dort stammt viel Slang, Style und Musik.

Wieso hast du die Fotoreihe The Gods genannt?
Die meisten Leute auf den Bildern haben keine Jobs im konventionellen Sinne. Sie gehen auf den Strich, um über die Runden zu kommen, am Tag auf der Straße und in der Nacht in den Clubs. Viele der Geschichten, die ich gehört habe, als ich Freunde an der Ecke gemacht habe, erinnerten mich an die antike Mythologie. Geld wird schnell gemacht und sobald das aus dem Weg geräumt ist, wird das Leben dem Schönen gewidmet: gut aussehen, Liebesaffären und der gelegentliche Krawall. Der erste, Analogie, die mir dazu eingefallen ist, waren die Götter des antiken Roms. Der Begriff „Gods" ist auch ein Slangbegriff für die Veteranen unter den Strichern, die das Straßenleben überlebt haben.

The Gods

Was ist dein Lieblingsbild und was ist die Geschichte dahinter?
Das Schlüsselbild der Fotoreihe ist The Gods. Ich habe das Bild in einem Club in Atlanta - dem Queen City - geschossen. Letzten Monat wollte ich wieder hin und musste feststellen, dass er zugemacht hat. Die beleibte Frau im Vordergrund ist Tänzerin Juicy. An ruhigeren Abenden, wie Dienstag oder Mittwoch, veranstalten die Stripclubs in Atlanta Amateur-Wettbewerbe, wo jeder auf die Bühne kann und es Preisgeld gibt. Beliebte Amateure können aufrücken zu Tänzern in den Clubs. Ich habe Juicy ein paar Mal tanzen sehen und entschied, dass ich sie mit in der Fotoreihe haben muss. Wir haben uns unterhalten und wurden bald Freunde. Auf dem Foto blickt sie zwar eher drein, aber in Wahrheit ist sie quasi immer gut drauf und hat Witze gerissen - ein echtes cooles Chick.

Was bringt dich dazu, die Realität städtischen Elends zu dokumentieren?
Ich habe sie nie als Elendsgegenden wahrgenommen. Die Mädchen, die in den Clubs tanzen, fangen meist jung an und machen es freiwillig. An guten Nächten verdienen sie unglaublich gut und sind in ihren Communitys respektiert, ihnen haftet kein Stigma an. In einer Stadt wie Atlanta sind die Clubs so akzeptiert, dass es als cool angesehen wird, eine Tänzerin zu sein. Den Kerlen, die sich für das Gangleben entscheiden, geht es meist nicht so gut. Als ich letzten Monat in Atlanta war, habe ich all die Orte wiederbesucht, wo ich Freunde getroffen und Bilder gemacht habe, viele von ihnen sind inzwischen verschwinden, wahrscheinlich ins Gefängnis. Niemand lebte in Armut, als ich sie kannte - alle wusste, wie sie an Geld kamen. Das heißt nicht, dass es in Städten wie New Orleans oder Atlanta keine furchtbare Armut gibt, aber ich würde nicht sagen, dass die Stars dieser Ausstellung Opfer davon sind.

Pool Party

Wie weit bist du in diese Welten eingetaucht?
Ich habe nur fotografiert, wenn es akzeptiert, also musste ich erst jeden kennenlernen. Als ich nach Atlanta kam, blieb die Kamera für die ersten acht Wochen im Koffer. In den Stripclubs ist fotografieren verboten, also musste ich erst die Manager und Sicherheitsleute kennenlernen. Die Tänzerinnen wussten, dass ich Fotograf bin, und sie alle sind stolz auf ihre Performances. Also sobald ich mich mit den Sicherheitsleuten verstanden hatte, waren die Tänzer erfreut, fotografiert zu werden. Als ich letzte Woche in Miami war, um ein paar Partys zu fotografieren, bin ich den Boys aus dem Bild „Python" über den Weg gelaufen. Die lieben das Bild und freuen sich, Teil der Ausstellung zu sein. Wir haben Tequila getrunken und die ganze Nacht auf der Straße gefeiert. Ich habe beim Shooting eine Menge guter Freunde gefunden.

Wie werden diese Communitys von der Außenwelt gesehen?
Es gibt viele Missverständnisse über Armut und Gewalt. Ich habe vorhin gesagt, dass die Mädchen, die in den Clubs tanzen, nicht notwendigerweise arm sind, Männer mit Tattoos und Muskeln sind nicht zwingendermaßen aggressiv. Für mich waren die Reisen durch Amerika eine positive Erfahrung. Diese Gegenden am Rand können gefährliche Orte sein, wenn man dort aufwächst, aber als Besucher wurde mir nie gedroht. Es gibt natürlich Konflikte. Die Leute sprechen viel von Gangkriegen und so weiter, aber meiner Erfahrung nach geht der Großteil der Schießereien entweder gegen die Polizei oder von der Polizei aus. Ich musste bei ein paar Situationen in Deckung gehen, als die Knarren rausgeholt wurden, aber auf mich nie wurde gezielt.

Python

Machst du dir Gedanken darüber, dass du die Grenze zwischen Dokumentieren und Ausbeuten überschreiten könntest?
Nein. Wenn man sich die Komposition der Bilder ansieht, dann stellt man fest, dass es eine sehr frontale Fotoreihe ist. Meine Fotos sind sehr intim, man kann sehen, wie nah ich den Motiven stehe. Auch wenn sich die Bilder spontan anfühlen, war allen Motiven klar, dass sie fotografiert werden. Alle von ihnen reagierten auf mich und die Kamera. Die meisten haben die Aufnahmen auch gesehen und sie entweder per E-Mail oder als 6x4-Abzüge bekommen. Bei den großen Gruppenfotos wie Pool Party und Venice bin ich nicht dazugekommen, das finale Foto jedem und jeder zu zeigen, aber alle wussten, dass ich da war und fotografiere. Um diese Art von Bildern zu machen, muss man komplett akzeptiert sein. Wenn ich fotografiere, herrscht gegenseitiger Respekt.

Was denkst du über die Vergleiche zwischen dir und Nan Goldin?
Nachdem ich ihre Arbeiten auf der Frieze gesehen habe, wusste ich, dass ich den Rest meines Lebens fotografieren will. Kompositorisch, koloristisch und thematisch erkenne ich keine Verbindung, aber der Anstoß zum Fotografieren ging von Nans Arbeiten aus. Nan hat etwas sehr düsteres, was ich wahrscheinlich nicht habe. Zwar weisen unsere Arbeiten in Richtung weniger dokumentierter Lifestyles, aber ich suche das Positive oder zumindest rührende Momente. Bei Nans Motiven kommt man nicht umhin zu denken, dass es keinen Ausweg gibt. Ich fotografiere nur das, wo ich Stärke und Schönheit sehe, während sie auch mit Wunden und Verzweiflung klarkommt. Sie arbeitet gewöhnlich mit einer ungesättigten natürlichen Farbpalette und Tageslicht, wo es verfügbar ist. Ich ziehe es vor, meine Bilder poppig mit Farbe und Kontrasten zu machen. Die Bilder sollen etwas Verträumtes haben, so etwas wie eine leicht gesteigerte Realität.

Hotel Geneva

Was kommt als Nächstes für dich?
The Gods entstand neben einer Fotoreihe über die West Indies und über Afrika, also könnt ihr euch bald auf diese Fotoreihen freuen!

@ivarwigan

Credits


Text: Felicity Kinsella
Fotos: Ivar Wigan

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