jean paul gaultier erfüllt sich im friedrichstadt palast einen kindheitstraum

Kurz vor der Premiere der neuen Show „The One“, einer Bühnenproduktion mit Kostümen von Jean Paul Gaultier, sprechen wir mit dem berühmten Provokateur darüber, was ihn beim Designen der Kostüme inspiriert hat.

von Nadja Sayej
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27 September 2016, 2:00pm

Schon als kleiner Junge war der französische Modedesigner Jean Paul Gaultier vom Theater fasziniert. Er besuchte einige der berühmtesten französischen Revuen und erinnert sich daran, wie aufregend es war, wenn sich die Vorhänge gehoben haben und er wie gebannt die extravaganten Kostüme bestaunt, die laute Musik gehört und so nah an der Bühne gesessen hat, dass er sogar die Theaterschminke der Tänzer riechen konnte. „Ich war wie verzaubert", erklärt Gaultier bei einer Tasse Kaffee im Diva Café in Berlins ältestem Theater, dem Friedrichstadt Palast. Seine Augen leuchten. „Schon als kleiner Junge war es mein großer Traum, an einer Revue mitzuarbeiten."

Jetzt hat sich Gaultier seinen Kindheitstraum endlich erfüllen können. Am 6. Oktober wird die Premiere der Bühnenshow The One im Friedrichstadt Palast stattfinden, für die Gaultier 500 Kostüme designt hat, die mit 150.000 Swarovski-Steinen verziert wurden. Das Produktionsbudget der glitzernden, glamourösen und exzentrischen Show lag bei über elf Millionen Euro.

Unter der Regie von Roland Welke spielt sich die nicht-narrative Handlung auf einer Berliner Undergroundparty ab. Ein junger Gast verliert sich in der ungewöhnlichen Aura des Ortes, und während sich um ihn herum in einem Wachtraum alles auflöst, weiß er, wonach er sucht: „The One", diese eine Person, eine Seelenverwandte, die ihm Halt gibt. „Wenn ich nicht Modedesigner geworden wäre, würde ich etwas in diese Richtung machen", sagt Gaultier und läuft Backstage im Palast durch die Gänge mit Kleiderstangen voller funkelnder Kostüme. 

Gaultier wurde ursprünglich von seiner Oma dazu ermutigt, Künstler zu werden. Sie war es auch, die ihn mit der Modewelt vertraut machte. Seitdem hat sich Gaultier mit gewagten und verspielten Kreationen sein eigenes Modeimperium aufgebaut und von Madonna (er hat ihren ikonischen Kegel-BH entworfen) über Marilyn Manson bis hin zu Beyoncé und Kylie Minogue alle großen Stars eingekleidet. Der unglaublich sympathische Designer, der eine sehr melodische Sprechweise hat, kombiniert in seinen Outfits gekonnt Elemente der Streetwear, Popkultur und Extravaganz und verleiht ihnen mit den für ihn typischen Marinestreifen sein ganz persönliches Erkennungsmerkmal. Gaultier hat als einer der ersten tätowierte Models über seinen Laufsteg geschickt und bindet dieses Element auch in die Kostüme der Tänzer ein—jedoch in einem ganz anderen Kontext.

Es scheint, als hätte der Designer sein ganzes Leben lang auf diesen Moment gewartet. Ganz genau kann er sich daran erinnern, wie er als 9-jähriger Junge merkte, dass er anders war, als die anderen Kinder. „In der Schule war ich ein Außenseiter, weil ich nicht wie die anderen Jungs Fußball spielte", sagte er. „Sie nannten mich ‚la fille', aber ich war kein Mädchen." Eines Tages malte er nach der Schule ein Mädchen mit einem Fischernetz und Federn; und wurde dann von seinem Lehrer dafür bestraft. „Aber die anderen Jungs fanden das cool und wollten, dass ich noch mehr davon zeichne", erzählte er. „Seitdem habe ich davon geträumt, eines Tages an einer Revue mitzuarbeiten."

Als Gaultier dann im vergangenen Jahr im Friedrichstadt Palast war, um sich die Show The Wyld anzuschauen, für die der französische Designer Thierry Mugler die Kostüme kreiert hatte, konnte er seine Begeisterung nicht zurückhalten. „Normalerweise sage ich nichts, wenn ich nicht direkt nach meiner Meinung gefragt werde", sagt er. „Aber dieses Mal war es anders. Vielleicht fühle ich mich freier, weil ich kein Ready-to-Wear mehr mache. Ich sagte, dass ich unglaublich gerne für eine Show die Kostüme entwerfen würde. Der Regisseur antwortete ‚Warum nicht?' und jetzt, voilà."

Die Kostüme vereinen eine Mischung aus, wie Gaultier es beschreibt, „Clubbing-Klamotten, Extravaganz und Teilen aus meiner Kollektion, die wirklich für meinen Stil stehen", sagt er und lacht. „Der Gaultier-Stil eben."

Außerdem hat er einen ungewöhnlichen Mix aus unterschiedlichen Bezügen zusammengestellt, vor allem auf die Village People. Ein Kostüm zeigt einen in ein schwarzes Leder-Indianerkostüm gekleideten Mann, der sehr stark an den Frontsänger der Gruppe, Felipe Rose, erinnert. „Die Idee war Fashion, aber die Kostüme sollten mit Federn in einen Revue-Cabaret Kontext gesetzt werden", erklärt Gaultier. „Es gibt außerdem die Tattoos, die schon seit langem ein Teil fast aller meiner Shows sind, schwarzes Leder, Fetisch-Elemente, Seefahrer, Mode und den Palast. Es ist eine Cabaret-Show, die den Zuschauern einen Blick in die Szene des Nachtlebens erlaubt. Das passt sehr gut zu Berlin."

Die Inspirationen für die Kostüme kommt außerdem auch von Gaultiers eigenen Erfahrungen im Berliner Nachtleben. „Ich war im Berghain, aber auch in anderen Clubs", erklärt er. „Das Berliner Nachtleben ist unglaublich, etwas ganz eigenes und einzigartiges; es hat die Energie des Londons der späten 1970er und frühen 1980er Jahre, eine coole Lebenseinstellung und sehr nette Leute."

Einige der Kostüme sind von berühmten Berliner Persönlichkeiten inspiriert, wie beispielsweise von Klaus Nomi, dem exzentrischen klassischen Sänger der 1980er Jahre, der auch Gaultiers Spring 2009 Couture Kollektion inspiriert hat. Es gibt auch Bezüge zur Berliner „Godmother of Punk" Nina Hagen. „Sie war der erste deutsche Punk", sagt Gaultier. „Nina Hagen ist eine sehr interessante Persönlichkeit." Ein weiteres Element seiner langen Liebesbeziehung mit der Stadt ist ihre Vergangenheit. Der Designer ist bereits vor dem Fall der Mauer oft in Berlin gewesen und hat miterlebt, wie aus einer geteilten eine vereinte Stadt wurde. „Mir gefällt die Mischung aus modernen und traditionellen Elementen", sagt er über die deutsche Hauptstadt. „Ich liebe es, wenn man förmlich durch die Geschichte wandeln kann."  

The One ist aber keine Revue im Stil der extrem aufwendigen Las Vegas-Shows. „Diese Show hat etwas von Cabaret und Tanz gepaart mit ganz vielen verschiedenen Dingen. Es ist wirklich eine große, eine europäische Show", erklärte er. Er begann die Designs damit, sich unterschiedliche Kostüm-Stile auszudenken, die zu verschiedenen Subkulturen gehören. „Ich habe an mehrere Untergruppen gedacht: Punks, Tattoo-Fans, S&M, Seefahrer", fährt er fort. „Mir gefällt die Geschichte und der Gedanke, Leute aus unterschiedlichen sozialen Gruppen zusammenzuführen. Die Aristokratie trifft auf die Arbeiter—eine Mischung, der ich gerne mit meinen Kleidern Ausdruck verleihe."

Aber sind die S&M-Einflüsse angesichts der Tatsache, dass der Palast bei den Touristen sehr beliebt ist und viele ältere Leute zu den Shows kommen, nicht ein wenig zu gewagt? Gaultier, der 64 ist, schüttelt den Kopf wie ein rebellischer Teenager. „Nein, ich habe die S&M- und Leder-Elemente und Federn mit einbezogen, weil ich die Dinge immer maßlos übertreibe", sagte er. „Es ist genau das, was ich liebe—es ist extrem." 

Obwohl Gaultier nicht an der Handlung der Bühnenshow mitgeschrieben hat, konzentriert er sich auf die Tatsache, dass es hier ums Theater geht. „Es ist für mich kein großer Laufsteg", sagte er. „Natürlich geht es auch um Mode, aber wenn man Mode macht, muss man etwas kreieren, das die Leute tragen können. Die Kostüme passen also nicht wirklich zu dieser Definition." Das bringt Gaultier dazu, darüber nachzudenken, wie die Leute heutzutage Mode überhaupt wahrnehmen. „Die Leute gucken sich auf Modeschauen alles durch ihre Handykameras an, und Touristen bestaunen den Sonnenuntergang auch nur noch durch ihre Kamera", sagt er. „Aber das ist nicht das Gleiche, wie wenn man es mit eigenen Augen sieht. Diese Show kann man sich in echt anschauen, und das ist meiner Meinung nach viel magischer. Heutzutage sehen wir alles nur auf Fotos, aber The One ist nicht virtuell." 

The One wird ab dem 5. Oktober im Friedrichstadt Palast in Berlin zu sehen sein.

Credits


Text: Nadja Sayej
Fotos: Sven Darmer

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