der aufstieg des it: wie aus stars models werden und nicht umgekehrt

Mit Promi-Models wie Kendall Jenner und Cara Delevingne auf den Laufstegen schafft sich Fashion seine eigenen Berühmtheiten – außerhalb von Fashion. Anders Christian Madsen geht dem Phänomen „It-Model“ nach.

von Anders Christian Madsen
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28 Oktober 2014, 9:25am

Mitchell Sams

Der Durchbruch von Kendall Jenner auf dem Catwalk letzte Saison war nicht nur der bisherige Höhepunkt, sondern auch das deutlichste Zeichen für ein neues Phänomen in der Modewelt: It-Models. Berühmte Models/Marken hat es natürlich schon seit den 60ern, den Supermodels der 80er und 90er und den Models von Victoria Secret und Sports Illustrated gegeben. Die neuen It-Models unterscheiden sich in ihrem Ruhm davon aber. Diese Mädchen, Kendall Jenner, Gigi Hamid und Ireland Baldwin, sind zwar Promi-Kids, aber im Gegensatz zu der Welle an Promikindern in den 2000ern sind sie keine Sprösslinge von Schauspielern oder Musikern, sondern von Reality-TV-Stars.

Die Modewelt liebt ihr ironisches Spiel mit Subversion. Wir flirten gerne mit dem Trashigen, Geschmacklosen oder Tuntigen und verwandeln Uncooles in Cooles. Diesen Trend kann man überall in der Modewelt beobachten: Promis, die zu Shows und Events von bestimmten, sehr erfolgreichen Modedesignern eingeladen werden, und jetzt Models. Die neuen amerikanischen Mädchen unterscheiden sich in bestimmten Punkten von ihren britischen Kolleginnen und das ist das interessante an ihnen. Cara Delevingne, die ohne Zweifel die Welle an It-Models entfacht hat, kommt aus der britischen Oberschicht, genau wie das andere britische It-Model Suki Waterhouse.

Seit mehr als einem Jahrzehnt hat Großbritannien die Sprösslinge seiner alternden Garde an Rockstars und Schauspielern gehegt und gepflegt: zu Modeschauen eingeladen, als Kampagnengesichter verwendet und auf roten Teppichen eingesetzt. In diesem Klima können It-Models, wie Georgia May Jagger, einfach entstehen, wohingegen mit Suki (Tochter eines Schönheitschirurgen) und Cara (Enkelin eines britischen Adligen) die Sloane Rangers oder Sloanies, Spitzname für Sprösslinge der britischen Mittel- und Oberschicht, ein Revival erleben, auch wenn sie nicht die Dresscodes früherer Sloanie-Generationen strikt beachten. Kendall, Gigi und Ireland kommen alle aus reichen Familien, aber sind gemessen an amerikanischen Standards nicht „vornehm". Sie gingen nicht auf Ive-League-Unis, sind nicht mit Sprösslingen des Kennedy-Clans befreundet oder verbringen ihren Sommer auch nicht in den Hamptons. Sie sind eher L.A. und mehr Showbiz.

Während es nichts Neues ist, dass High Fashion britische Mädchen aus „besserem Haus", wie Cara und Suki, oder Sprösslinge von Rockstars, wie Georgia May Jagger, mit offenen Armen empfängt, ist die Akzeptanz von Kendall und besonders Gigi etwas komplett Neues. High Fashion befindet sich im Umbruch, weil sie bis dato immer etwas hochnäsig und elitär war und definitiv nichts mit angeblich Kulturlosem wie Reality-TV zu tun haben wollte.

Kendall wurde durch die Reality-Show Keeping Up with Kardashians berühmt. Ihr Vater ist Olympiasieger Bruce Jenner und ihre Mutter ist Kris Jenner, die geschäftstüchtigste Frau des Reality-TVs. Gigi Hamid ist die Tochter von Geschäftsmann Mohammed Hadid und Yolanda Foster, bekannt durch die Reality-Show The Real Housewives of Beverly Hills. (Yolanda Foster ist mittlerweile mit David Foster verheiratet, der einige der besten Popsongs unserer Zeit produziert hat und früher mit Linda Thompson verheiratet war, die wiederum mit Bruce Jenner zwei Kinder, Brody und Brandon Jenner, hat. Wie klein Hollywood ist.) Ireland ist die Tochter von Kim Basinger und Alec Baldwin und war das „ungezogene, gedankenlose kleine Schwein", wie Vater Alec Baldwin in einer geleakten Nachricht 2007 rumgepöbelt hat. Alles sehr TMZ.

Während es nichts Neues ist, dass High Fashion britische Mädchen aus „besserem Haus", wie Cara und Suki, oder Sprösslinge von Rockstars, wie Georgia May Jagger, mit offenen Armen empfängt, ist die Akzeptanz von Kendall und besonders Gigi etwas komplett Neues. High Fashion befindet sich im Umbruch, weil sie bis dato immer etwas hochnäsig und elitär war und definitiv nichts mit angeblich Kulturlosem wie Reality-TV zu tun haben wollte. Es ist kaum vorstellbar, dass es Paris Hilton und Nicole Richie während The Simple Life auf einen Pariser Laufsteg geschafft hätten. Warum schleifen wir dann die Bastionen der Burg High Fashion? Vielleicht sind es nur extreme Beispiele der von Fashion schon immer praktizierten Subversion, aber vielleicht ist es auch einfach nur symptomatisch für die fortschreitende Entertainisierung der Modewelt.

Wenn Kendall in einer Show läuft, dann ist sie nicht nur ein Model, das da läuft. Es schwingt ein nicht zu leugnendes Promielement mit, unabhängig davon, wie professionell sie an ihre Arbeit geht und wie gut sie ihre Arbeit macht. Wenn ihre berühmte Schwester Kim Kardashian mit Kanye West bei Balmain- oder Givenchy-Shows, im Schlepptau Mutter Kris, backstage gehen, dann muss Kendall raus aus ihrer Modelrolle und rein in die weltberühmte Familie Kardashian und Fotos mit ihrer Familie und den Designern machen. Es wäre merkwürdig, wenn nicht. So färbt jedes Mal etwas von dem „Ruhm" und der Bekanntheit auf Fashion ab. Allein ihre schiere Präsenz ist so mächtig, dass es eine normale Modemesse in eine hochkarätige Fashion-Show verwandelt, bei dem die Anwesenheit von Promis notwendig ist.

Cara und Suki waren alles andere als bekannt fürs Modeln, als sie damit angefangen haben, was sie in eine andere Kategorie von It-Models packt. Aufgrund ihrer vornehmen Familie, ihrer bekannten Schwester Poppy und den Verbindungen ihrer Eltern in die Entertainmentbranche (Joan Collins ist ihre Patentante), hat sich die konservative Presse schnell für sie interessiert und ihr schließlich zu Mainstream-Bekanntheit verholfen. Die Verbindung mit Hollywood-Freundin Michelle Rodriguez hat ihren Promistatus nur noch verstärkt. Ganz so wie bei Suki, die erst durch ihre Verbindung mit Bradley Cooper zu einem Fixpunkt auf der Daily-Mail-Webseite wurde.

Plötzlich betraten diese vornehmen britischen It-Models Showbiz-Territorium, das zuvor von Kendall, Gigi und Ireland besetzt war und so vereinigten sich die Welten von Popkultur und Hochkultur, Mainstream und Nische zu einer Sphäre von weltweitem Ruhm. Die amerikanischen Mädchen haben dasselbe nur umgekehrt gemacht. Jetzt sind sie da: Fashion hat seine eigenen Model-Superstars. Sie sind nicht nur in der Modewelt berühmt, sondern auch darüber hinaus. Sie sind zum Gut der Modebranche geworden, die sie erschaffen und aus ihnen eine Marke gemacht hat. Wir nutzen ihr enormes Scheinwerferlicht, wann immer wir die Augen der ganzen Welt, und nicht nur der Modewelt, auf uns gerichtet haben wollen. Ironischerweise ist ihr Ruhm ungemein größer als der meisten Modedesigner, was die Frage aufwirft: Wer ist jetzt mächtiger? Fashion oder die von Fashion erschaffenen It-Models?

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Text: Anders Christian Madsen
Foto: Mitchell Sams

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