there are no rules: yohji yamamoto schlägt das nächste kapitel von y-3 auf

Seit dem Launch 2002 dominiert Y-3 die High-Fashion-Sportswear. Mit der gefeierten Lancierung von Y-3 SPORT vertiefen Yohji Yamamoto und Adidas ihre Partnerschaft mit der ersten eigenständigen Sportswear-Kollektion des Joint Ventures. Wir haben den...

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01 Juni 2016, 12:28pm

Von oben bis unten in Schwarz gekleidet: Wenn man nicht wüsste, dass Yohji Yamamoto vor einem steht, könnte man ihn eher für einen Rockstar als für einen Modedesigner halten. Wir treffen ihn in seinem Studio in Shinagawa, ein großes Industriegelände in der Nähe vom Keihin-Kanal in Tokio. Yohji raucht eine Zigarette und trinkt japanischen Tee, während wir uns unterhalten. Sein Hund Lin, ein Akita, liegt beschützend vor seinen Füßen: „Sie ist die letzte Freundin in meinem Leben", sagt er lachend. Draußen sitzen junge Männer und Frauen und rauchen in der Frühlingssonne, während das kreative Treiben aus Yohjis Studios nach draußen dringt.

Er trägt einen schwarzen Anzug, ein T-Shirt und über seinem grauen Haar einen Fedora-Hut—Yohji verfügt über eine starke Präsenz. Mit mittlerweile 70 Jahren, ist jeder seiner Schritte wohl überlegt. Das hat die Presse dazu verleitet, ihn als „Weisen" oder „Meister" zu betiteln. „Bitte nennen Sie mich niemals Meister", fordert er. „Wenn man der Meinung ist, Meister in irgendetwas zu sein, ist man erledigt. Ich kämpfe immer gegen jemanden. Gegen die Mächtigen, gegen Geld, Mittelmäßigkeit und gesunden Menschenverstand."

Dieses Frühjahr haben Yohji Yamamoto und Adidas zusammen Y-3 SPORT lanciert. Es ist die erste eigenständige Sportswear-Kollektion von Y-3. Schlicht, schwarz und ergonomisch—so, wie moderne Sportswear sein sollte. Es gibt keine grellen Farben oder konfrontative Logos. Stattdessen: passende Bekleidung für Athleten, im stylischen Schwarz oder Dunkelgrau. „Wenn ich in Städten wie Paris, New York, Peking oder Schanghai unterwegs bin, sehe ich oft Leute, die sehr hässliche Sportoutfits tragen", sagt Yohji über die Inspiration hinter der Kollektion. „Sie verschwenden Kleidung. Sie nutzen billige, neuartige Materialien und kombinieren die Farben sehr schlecht. Das tut mir weh. Ich möchte mit Y-3 SPORT Sportswear entwerfen, die elegant und schick ist."

Y-3 bereichert mein kreatives Leben. Ich packe all meine Emotionen und die Neugier, die ich habe, in die Kollektionen.

Gemeinsam mit Lawrence Midwood, Senior Design Director bei Y-3, hat Yohji an der Kollektion gearbeitet, um seine Vision Wirklichkeit werden zu lassen. „Yohji kam in den dritten Stock des Designstudios und sagte: ‚Es wird Zeit für Veränderungen. Y-3 muss sich verändern'", erinnert sich Lawrence. „Wir haben davor an kleineren Sport-Projekten, wie das für Real Madrid, zusammengearbeitet, und oft darüber gesprochen, wie Y-3 eines Tages echte Sportswear machen könnte. Aber es waren Yohjis Worte, die der Kollektion zum Durchbruch verholfen haben."

Die Kollektion, die daraus entstanden ist, ist eine bahnbrechende Meisterleistung moderner Schneiderkunst und modernen Designs. Die Stücke sind weicher, leichter und belastbarer als jemals zuvor. Nahtlose, fest verbundene Designs ermöglichen größere Bewegungsfreiheit. Durch fortschrittliche, atmungsaktive Materialien fühlen sich die Laufhosen, Jacken, T-Shirts, Kapuzenpullis und Shirts wie eine zweite Haut an. Perfekt für intensives Training. „Uns war es sehr wichtig, dass unsere Kunden nicht auf Stil verzichten müssen—was auch immer sie für Sport treiben", sagt Lawrence. Was die Schuhe angeht: Sneaker sind ein fester Bestandteil der DNA von Y-3, und genauso soll es bei Y-3 SPORT werden. Mehr Spacewear als Sportswear: die Limited Edition Approach Primeknit Hi-Top Sneaker haben kleine Kapseln, die bei jeder Bodenberührung kleine Energiemengen absondern. Mit den Primeknit-Einlegesohlen kannst du auf der Straße und auf der Laufbahn Höchstleistungen erreichen, während dein Fuß so geschützt ist wie nie zuvor ist.

Schutz ist für den Designer Yohji eines der zentralen Themen bei seinen Designs. Er beschreibt seine Kleidung oft als „Rüstung"—oftmals schwarz, manchmal schwierig, aber immer schön. Sie bietet uns Schutz in dieser herausfordernden und unvorhersehbaren Welt. Aus diesem Grund möchte Yohji die Träger auch in eine Art Kokon hüllen: „Das war schon schon zu Beginn meiner Karriere mein Ansatz", sagt er und nimmt einen Schluck Tee aus der Tasse.  „Ich bin der Sohn einer Weltkriegswitwe. Vor 35 Jahren haben sich die Frauen in der Stadt für die Männer angezogen und nicht für sich selbst. Ich empfand das falsch. Die Frauen sollten unabhängiger sein. So denke ich immer noch."

Wenn ich in Städten wie Paris, New York, Peking oder Schanghai unterwegs bin, sehe ich oft Leute, die sehr hässliche Sportoutfits tragen. Ich möchte mit Y-3 SPORT Sportswear entwerfen, die elegant und schick ist.

Yohji wurde 1943 in Tokio geboren. Als sein Vater im Zweiten Weltkrieg ums Leben kam, war er erst zwei Jahre alt. Seine Mutter war Schneiderin und arbeitete hart, um ihren einzigen Sohn großzuziehen. Ihre eiserne Disziplin und ihre Entschlossenheit haben auf vielfältige Weise Yohjis Leben beeinflusst. „Die Flamme loderte schon immer in mir", sagt er. „Es ist manchmal schwierig, aber dadurch wurde ich gezwungen, nie mittelmäßig zu werden."

Yohji studierte erst ein paar Semester Jura, bevor er seinem Herzen folgte und Mode studierte. 1972 hat er schließlich sein eigenes Label lanciert. 30 Jahre später wurde Y-3 gegründet. Aus Sorge, dass er den Anschluss an seine Kundschaft verliert, wandte er sich an Adidas, weil er für seine Herbst-/Winter-Fashionshow 2000 Sneaker von dem deutschen Sportausrüster ausleihen wollte. „Die Mode wurde so langweilig", erinnert sich Yohji. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mich zu weit von der Straße entfernt hatte. Ich habe keine Leute mehr gesehen, die meine Kleidung getragen haben und ich habe mich so isoliert gefühlt. Zu der Zeit fingen Geschäftsleute in New York an, in Anzug und Sneakern zur Arbeit zu gehen. Diesen Mix fand ich unglaublich charmant, ein faszinierender Hybrid, der mich sehr inspiriert hat." Die daraus entstandene Kollaboration—die erste zwischen einem Modedesigner und einem globalen Sportausrüster überhaupt, passte perfekt in die damalige Zeit und veränderte die Branche. „Wir hatten etwas erschaffen, was vorher nicht existierte und was allen die Zukunft gewiesen hat", erklärt Yohji. Das war die Geburt von Y-3.

Auch wenn er bereits seit 45 Jahren in der Modeindustrie arbeitet—und unzählige Preise, Auszeichnungen, Ausstellungen und Bücher vorweisen kann—, Yohji Yamamoto mag es nicht, wenn man ihn als Modedesigner bezeichnet. „Ich hasse die Mode", ruft er. „Ich hasse das Vokabular der Mode, sogar das Wort fashion. Es hört sich an, als ob man erkältet ist: fash-un! Ich bin kein Modedesigner. Ich bin ein einfacher Kleidermacher, ein Schneider und nichts weiter." Yohjis Anti-Establishment-Ansatz und seine unabhängige Arbeitsweise sind wesentlich für seinen langanhaltenden Erfolg. Er ist nie Trends gefolgt, er hat nie die Medien umworben oder auf schnelle Likes auf Social Media gesetzt. In einem Zeitalter, das besessen ist von der ständigen Suche nach dem Neuen, arbeitet er mit einer Ehrlichkeit und einer Integrität, die immer noch erfrischend ist. „All die Jahre habe ich der Mainstream-Mode vom Seitenrand zugeschaut", erklärt er. „Ich habe immer gerufen: ‚Anti-Fashion', ‚Habt eine Vision', ‚Seid ihr selbst' und ‚Findet euer Leben'. Das habe ich damals schon gerufen und das rufe ich immer noch. Die neue Generation hat keine Zeit zum Durchatmen. Sie sollte aufhören, auf ihre Bildschirme zu starren. Sie denkt, dass sie die Welt durch ihre Computer kennt, aber sie weiß nichts."

All die Jahre habe ich der Mainstream-Mode vom Seitenrand zugeschaut. Ich habe immer gerufen: ‚Anti-Fashion', ‚Habt eine Vision', ‚Seid ihr selbst' und ‚Findet euer Leben'.

In einer Welt, die mit Bildern, den Likes, Abneigungen und Ideen anderer überflutet wird, geht Yojhi weiterhin fest entschlossen seinen eigenen Weg. Inspirationen sucht er lieber bei sich selbst. „Ich gehe nirgendwo hin, um mich inspirieren zu lassen", sagt er. „Ich gehe nie ins Kino oder ins Museum. Ich gehe jeden Morgen mit meinem Hund im Friedhofsgarten von Tokio spazieren, ob Regen oder Schnee, und ich unterhalte mich mit den Toten. Ich setze mich auf irgendein Grab und rauche. Manchmal fühle ich mich dabei sehr glücklich, weil die Luft so frisch ist und weil es viele Bäume gibt. Da bin ich am glücklichsten. Es gibt Momente, in denen ich mich sehr isoliert fühle. Beim Autofahren kommen mir auch viele Ideen. Ich weiß nicht warum, aber immer, wenn ich mich bewege, sprudeln die Ideen."

Wie ein Dirigent arbeitet Yohji mit dem Y-3 Team in Tokio und Herzogenaurach zusammen, um seine Ideen zu verwirklichen. „Die Mode ist dem Kino sehr ähnlich", sagt er. „Es ist Teamarbeit. Ich bin der Regisseur und ich habe sehr erfahrene Assistenten für Stoffe, Schnitte, Nahtführungen und für Accessoires. Ich bin von Experten umgeben. Ich spreche über meine Vision für die nächste Saison und dann legen sie los. Sie zeigen mir die neuen Schnitte, die neue Silhouette—und ich liebe die Ergebnisse. Ich liebe das Fitting. Nur dann empfinde ich wahres Glück."

In der nächsten Saison wird Y-3 SPORT „sogar noch weiter in den Sportbereich vordringen", der Fokus liegt dann auf Rennsport, Kämpfen und—natürlich—Fußball. „Ich denke bei Sport an den Boden", erklärt Yohji. „Wie schnell kann man gehen? Wie schnell kann man rennen? Wie hoch kann man springen?" Nach ausgiebigen Tests und einem langwierigen Genehmigungsprozess soll 2018/19 auch Virgin Galactic starten. Das ist der mit Spannung erwartete kommerziell betriebene Raumfahrt-Shuttle von Richard Branson, für das Yohji, Lawrence und das Y-3 Team die Outfits entworfen haben. Ein bahnbrechendes Projekt, bei dem es um die Grenzen von Performance-Wear geht. Wenn sich die Gelegenheit ergeben würde, würde Yohji selbst ins Weltall fliegen? „Nein, nein. Das würde ich nicht. Warum? Weil ich nicht rauchen könnte", witzelt er.

Y-3 ist für Yohji eine persönliche Angelegenheit, die ihm sehr wichtig ist. „Es bereichert mein kreatives Leben", so der Designer. „Ich packe all meine Emotionen und die Neugier, die ich habe, in die Kollektionen. Ich packe alle meine Botschaften hinein." Nächstes Jahr feiert sein eigenes, gleichnamiges Label 45. Geburtstag. Das ist für jeden Designer ein unglaublicher Meilenstein, den Yohji aber nicht zu ernst nimmt. „Ich hasse Rückblicke", sagt er. „Ich schaue nur nach vorne, weil ich sonst müde werde." Was sind seine größten Erfolge? „Ich weiß nicht, was Erfolg ist", sagt er am Schluss unseres Gesprächs. „Ich weiß, dass ich berühmt wurde. Das ist nicht mein Fehler. Das ist deren Fehler. Ich muss Neues schaffen. Dieser Rhythmus, dieser Moment, das hält mich am Laufen. Ich bin niemals zufrieden. Das Streben nach dem Besseren ist mein Antrieb. Ich suche immer nach einem Rivalen." Hat er ihn gefunden? „Noch nicht.". Der Fehdehandschuh liegt im Ring, bereit für den Kampf.

Credits


Text: Holly Shackleton
Fotos: Nathalie Canguilhelm
Fashion Director: Alastair McKimm
Haare: Cim Mahony at Lalaland Artists
Make-up: Francelle
Stylingassistenz: Lauren Davis, Sydney Rose Thomas
Haarassistenz: Shelby Samaria, Brian Casey
Make-up-Assistenz: Takahiro Okada, Kuma
Casting: Angus Munro at AM Casting (Streeters NY)
Casting-Assistenz: Liz Goldson at AM Casting (Streeters NY)
Models: Sora Choi at Wilhemina. Lily Stewart und Londone Myers at The Lions. Christian Dion at D1. Noah Metzdorf at Ford
Models tragen Y-3 SPORT