diese frauen prägen das internationale kino

Gestern haben wir den Weltfrauentag gefeiert und uns gefragt, wie feministisch die deutsche Filmbranche ist. Heute stellen wir euch ein paar internationale Filmemacherinnen vor, die die Zukunft des Kinos mitbestimmen.

von Colin Crummy
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09 März 2016, 1:25pm

Der weibliche Blick ist nicht das Spiegelbild vom männlichen Blick. Es geht dabei nicht um die Objektivierung von Männern auf der Leinwand. Nur wenige unter der Regie von Frauen entstandene Filme sind so direkt. Aber was genau ist dann der weibliche Blick? In einem Wort: Präsenz. Die Handlung, die Themen und die auf der Leinwand gezeigten Charaktere müssen nicht zwangsläufig weiblich sein oder für Frauen gemacht sein. Der Fakt, dass es Filme von Frauen sind, ist das Neue. Wie die Regisseurin von Selma über Frauen im Filmbusiness einmal sagte: „Unsere Präsenz ist ein politisches Statement. Wenn eine Frau einen Film macht, dann ist das an sich schon radikal." Um die Power von Frauen in der Filmbranche zu feiern, präsentieren wir euch ein paar Frauen hinter der Kamera, die für die eine andere Sichtweise stehen. 

Haifaa Al-Mansour

Die Geschichte eines jungen Mädchens, das ein grünes Fahrrad haben möchte, um gegen einen Freund anzutreten, hört sich nicht wirklich nach einer radikalen Geschichte an. Doch die Geschichte spielt in Saudi-Arabien. In dem Land dürfen Frauen nicht Fahrrad fahren. Wadjda von Regisseurin Haifaa Al-Mansour ist ein leiser, politischer Film, der lokale Traditionen und westliche Klischees auf eine Art und Weise thematisiert, die jeden ansprechen. Es ist der erste saudi-arabische Film, bei dem eine Frau Regie führte-und somit Geschichte schreibt. Dem Telegraph sagte die Regisseurin: „Ich wollte eine Stimme haben und ich wollte etwas erzählen". Das ist ihr mit Wadjda gelungen.

Ava DuVernay

Dass sie gläserne Decken durchbrechen musste, zeigen die Auszeichnungen, die Ava DuVernay verliehen wurden. Sie war die erste Afroamerikanerin, die beim Sundance-Filmfestival den Preis für die beste Regie gewann. In Middle of Nowhere erzählt sie die Geschichte vom Leben der Ehefrauen junger Afroamerikaner im Gefängnis. Mit dem Drama Selma wurde zum ersten Mal eine afroamerikanische Regisseurin bei den Golden Globes und den Oscars nominiert. Der Film war außerdem bei den Oscars in der Kategorie Bester Film nominiert. In ihrem neuesten Film über Hurrikan Katrina spielt David Oyelowo mit. Wir können weitere Auszeichnungen erwarten.

Claire Denis

Claire Denis gehört zu den führenden Filmemacherinnen Frankreichs und hat keine Angst vor schwierigen Themen. Seit ihrem Debüt Chocolate im Jahr 1998, hat sie immer wieder die Themenfelder Ethnie, Mord und Inzest behandelt. Ihr nächster Film wird ihr englischsprachiges Filmdebüt. An High Life hat sie zusammen mit Zadie Smith geschrieben. Als Besetzung stehen bereits Robert Pattinson und Mia Goth fest. Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

Andrea Arnold

Mit Red Road feierte die britische Regisseurin Andrea Arnold 2006 ihr Spielfilmdebüt. Darin überwacht die weibliche Hauptrolle in der Glasgower Überwachungszentrale—ihr Arbeitsplatz—das Kommen und Gehen eines Mannes, mit dem sie eine gemeinsame Geschichte verbindet. Danach überzeugte Katie Jarvis in Fish Tank mit ihrer überragenden schauspielerischen Leistung. Der Film wird aus der Perspektive einer Teenagerin aus einer weniger privilegierten Familie erzählt. Außerdem hat sie bei einigen Folgen von Transparent Regie geführt. Als nächstes freuen wir uns auf American Honey mit Shia LaBeouf von ihr.

Carol Morley

In dem viel gelobten Erstlingswerk Dreams of a Life der Britin liegt die Leiche einer Frau unentdeckt dreieinhalb Jahr in ihrer Londoner Wohnung. Eine Geschichte aus dem wahren Leben, die die Regisseurin so, ohne Fragen gestellt zu haben, nicht stehen lassen wollte—besonders, was die Beziehungen zu den Männern angeht. In ihrem Drama The Falling bricht an einer reinen Mädchenschule Hysterie aus und die sich verändernden Dynamiken innerhalb der Mädchen haben gravierende Folgen. Mit jedem ihrer Filme schafft Carol Morley es gekonnt, eine Geschichte aus aus einem weiblichen Blickwinkel neu zu erzählen.

Jill Soloway

Jill Soloway hat 2013 auf dem Sundance-Filmfestival den Preis für die beste Regie für ihr Feature Afternoon Delights gewonnen. Einen Großteil ihrer Karriere hat sie aber für das Fernsehen gearbeitet. Erst für die Erfolgsserie Six Feet Under und momentan für ihre eigene, preisgekrönte Serie Transparent. In der zweiten Staffel von Transparent spricht sie so feinfühlig über Gender und Identität, dass es jeden berührt.

Lena Dunham 

Manchmal kann leicht übersehen werden, wie wichtig Lena Dunham für die Darstellung der weiblichen Perspektive im Mainstream ist. Mit Girls hat sie ein Tabu nach dem anderen gebrochen und als es um die mangelnde ethnische Vielfalt ging, war sie ehrlich und offen. Sie hat kürzlich bekanntgegeben, dass die nächste Staffel von Girls auch die letzte sein wird. Das Mainstream-Publikum wird sie wahrscheinlich auch weiterhin herausfordern.

Deniz Gamze Ergüven

In Mustang—das mit einer Oscarnominierung bedachte Erstlingswerk von Deniz Gamze Ergüven—geht es um fünf Schwestern in der Türkei, die zum Gespräch in einer Kleinstadt werden, nachdem Gerüchte auftauchen, dass sie mit Jungs am Strand waren. Ihre konservative Großtante und ihr Großonkel hören davon und sperren sie ein. Die Schwestern werden zu Gefangenen in ihrem eigenen Zuhause. Dieses dürfen sie erst verlassen, wenn sie zwangsverheiratet werden. Ein Film über die Bedeutung von weiblicher Solidarität.

Céline Sciamma

Drei 15-jährige Pariserinnen entdecken ihre Sexualität und ein 10-jähriges Kind outet sich in seiner Nachbarschaft als Transgender. Vier junge Französinnen afrikanischer Herkunft leben ihr Leben in den Pariser Vorstädten. Allein die Themen ihrer bisherigen Filme—Water Lilies, Tomboy und Girlhood—qualifizieren sie für diese Liste, aber die französische Regisseurin tut es mit so viel Stil, was ihresgleichen sucht.

Kelly Reichardt

Kelly Reichardt ist zur Zeit eine der spannendsten Regisseurinnen der amerikanischen Independent-Filmszene. Kristen Stewart, nur eine von vielen bekannten Schauspielerinnen, die mit ihr zusammenarbeiten wollen, sagt über sie: „Ich liebe ihre Filme. Sie behandelt Themen, die sonst in Filmen nicht behandelt werden." In ihrem neuesten Werk Certain Women spielen neben Kristen Stewart außerdem Michelle Williams und Laura Dern mit. Die Leben der drei Frauen sind miteinander verwoben. Filme von Kelly Reichart bleiben einem noch lange im Gedächtnis, auch nachdem der Film schon längst vorbei ist.

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Credits


Text: Colin Crummy
Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „Girlhood Official Trailer (2015) HD" von FilmIsNow Movie Trailers