#artselfie: wie social media die kunstwelt verändert

Demokratisiert der Hashtag #artselfie die „Hochkultur“ oder sorgt er dafür, dass die Leute nicht mehr in Museen und Galerien gehen?

von Emily Barasch
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21 Juni 2016, 10:05am

Jeppe Hein balloons at Art Basel, via @4acoeur

Der Hashtag #instaart hat fast 14 Millionen Einträge auf Instagram (#Artporn 288.701), viele neue Bilder sind auf der Art Basel entstanden, eine der weltweit wichtigsten Kunstmessen, die am Wochenende zu Ende ging.

Es wurde schon oft geschrieben: Social Media verändert unsere Kultur tiefgreifend. Ich war letzten Monat auf der Kunstmesse Frieze in New York unterwegs (und habe mir gleichzeitig Bilder der Kunstwerke auf meinem Smartphone angeschaut) und eine Entwicklung ist so offensichtlich, dass man sie nicht leugnen kann: Kunstmessen sind zu wahren Instagram-Events geworden.

Welchen Einfluss hat die Foto-Plattform auf die Kunstwelt? Eine Community, die sich mit der Modeindustrie einen harten Wettkampf darum liefert, welche nun wohl exklusiver ist. Wird die Kunstwelt durch Instagram nun wirklich demokratischer? Hat der Erfolg des Hashtags #artselfie Einfluss darauf, welche Arbeiten in Ausstellungen gezeigt werden?

Die Modewelt scheint, als wäre sie zu ihrer eigenen Reality-Fernsehserie geworden. Es gibt Dokumentationen, die hinter die Kulissen der Vogue schauen und über den Met Ball. Balenciaga, Prada und Marc Jacobs streamen ihre Modenschauen in Echtzeit. Die Kunstwelt agiert (noch) geheimnisvoller. Schillernden, aber weniger marktgerechten Persönlichkeiten prägen sie (noch): Künstler mit einer Ich-scheiß-auf-den-Markt-Einstellung und den teilweise recht öffentlichkeitsscheuen Sammlern und Mitgliedern der Führungselite. Und dennoch wurde Instagram, das schnell zum fünftbeliebtesten sozialen Netzwerk avancierte, zu einem Muss für fast jede kreative Person und hat eine nie dagewesene Verbindung zwischen der allgemeinen Öffentlichkeit und dieser Branche geschaffen.

Tage bevor die Art Basel für die Allgemeinheit geöffnet wurde, konnte eine kleine Gruppe von very important people bei Privatführungen die Messe vorab besuchen. Deren Follower, von denen viele nie selbst vor Ort sein werden, waren natürlich live dabei. Hans Op de Beecks The Collector's House, Räume mit grauen Plastiken, zeichnete sich schnell als ein ziemlich beliebtes Fotomotiv ab. Wie könnte es das auch nicht sein? Mit den nachgebauten Bibliotheken, romanischen Skulpturen, Lotusteichen, alle überzogen mit einer grauen Ascheschicht, die an Pompeij erinnert? Andere VIPs posierten vor Ugo Rondinones Regenbogen-Skulptur oder Jeppe Heins Spiegelballons, die gerade zu Selfies einladen.

Hans Op de Beeck, The Collector's House, via @catincatabacaru

Zu den Faktoren, durch die ein Kunstwerk besonders für Instagram geeignet wird, zählen: Starke Farben, interaktive oder taktile Elemente, eine Idee, die sofortigen Wiedererkennungswert hat; die frech oder politisch relevant ist. Die Kunst von Tracey Emin hat alles drei. Im Kern müssen Kunstwerke, die in sozialen Netzwerken beliebt sind, über eine gewisse Präsenz verfügen, die sie auf dem kleinen Smartphone-Bildschrim hervorstechen lassen, die aber ausreichend teilbar sind, damit man aus ihnen kulturelles Kapital schlagen kann.

Ein Beispiel für solche Instagram-Kunst bilden die Werke der 87-jährigen Künstlerin Yayoi Kusama, die seit Anfang der 50er Kunst macht. Ihre einzigartige psychedelische, surrealistische Pop-Ästhetik, und nicht zuletzt mehrere große Ausstellungen in den letzten fünf Jahren, haben sie zu einer der weltweit am meisten auf Instagram geteilten Künstlerinnen gemacht. Ihre Arbeit The Moment of Regeneration war am Stand von Victoria Miro auf der Frieze und auch auf der Art Basel ein Hingucker. Miro hat die Künslterin auf beiden Messen vertreten.

Kusamas Arbeiten mit ihrer psychedelischen Spiegel-Ästhetik sind einfach gute Fotomotive. 2013 war ihr Infinity Mirrored Room - The Souls of Millions of Light Years Away in der New Yorker David Zwirner Galerie nicht nur eine Sensation in der Kunstwelt, sondern auch auf Instagram. Der Raum mit Spiegeln und mit blinkenden LED-Leuchten bot den perfekten Ort für ein Art-Selfie. Julia Joern, zuständig für Marketing, Publikationen und Presse bei David Zwirner sagt mir: „Die Ausstellung hat alles verändert, das war so nicht geplant. Das zeigt die Macht von Social Media." Die Leute mussten drei Stunden anstehen, um in die Ausstellung zu gelangen. Außerdem wurden vier Heiratsanträge in dem Raum gemacht, so Joern.

Gibt es Nachteile, wenn Werke überall auf Instagram zu sehen sind? „Bei Infinity Room stellte sich irgendwann das Gefühl ein, dass man gar nicht mehr in die Ausstellung muss, weil man es bereits auf Social Media gesehen hat", sagt Joern. „[Aber] nichts kann den körperlichen Kontakt mit einem Kunstwerk und das Gefühl der Größe und die eigenen Sinneseindrücke ersetzen."

Cory Nomura, Direktor der Andrea Rosen Gallery in New York, äußert sich ähnlich: „Instagram sorgt für ein trügerisches Gefühl: Dass man eine Ausstellung schon besucht hat, auch wenn man das nicht hat—generell ein Problem mit Instagram—, [aber] ich denke, dass es besser ist, ein Bild von etwas auf Instagram zu sehen, als es gar nicht zu sehen."

Dass diese Entwicklung nicht nur auf Galerien beschränkt ist, sondern auch die großen Museen spüren, bestätigt die Kuratorin Elisabeth Sherman vom Whitney Museum: „Für jede Person, die sagt, dass sie das Werk schon von Instagram kennt, gibt es mindestens genauso viele Leute, die mehr über das Kunstwerk erfahren wollen und daraufhin ins Museum kommen. Ich glaube nicht, dass ein Art-Selfie die Leute von einem Museumsbesuch anhält—es sorgt eher für eine veränderte Sichtbarkeit der Gegenstände."

Die Kunstexperten sind sich aber einige, dass die Beliebtheit von großformatigen, interaktiven Arbeiten wie die von Hans Op de Beeck oder Yayoi Kusama proportional mit der zunehmenden Abhängigkeit von der Foto-Plattform zu tun hat. Charlotte Cotton, Autorin und Curator-in-Residence am International Center for Photography sagt mir: „Social Media führt zu einer größeren Erwartungshaltung an den (Kunst-)Raum. Eine künstlerische Idee muss nun für den Besucher erfahrbar sein und eine starke Konfrontation mit dem Körperlichen hervorrufen."

„Instagram ist nicht demokratisch, was das Visuelle angeht", sagt die in Brooklyn lebende Künstlerin Rachel Libeskind, zu deren Medien Malerei und Performance gehören. „Dadurch werden 2D-Arbeiten und Fotografie bevorzugt, während Installationen, Performances und jede 3D-Arbeit viel schwieriger zu vermarkten sind."

Für Cotton sind die Museen noch nicht wirklich in der digitalen Zeit angekommen: „Ich glaube, dass Kunstinstitutionen immer noch von Menschen aus der analogen Welt geführt werden, die unbeholfene und komische Dinge mit Social Media machen, weil sie keine digitalen Natives sind. Es wird spannend, wo Museen und Institutionen in zehn Jahren stehen werden."

Aber auch die Künstler spüren den Einfluss von Social Media in ihrer kreativen Arbeit. „Instagram wurde zu einer Art Frankenstein. Du kannst dem Druck, einer bestimmten Ästhetik zu entsprechen, gar nicht entfliehen. Die Homogenisierung der Ästhetik ist gefährlich—für jeden Künstler, überall", sagt Libeskind. Aber organisieren Galerien und Museen Ausstellungen, die bewusst dieser Instagram besessenen Welt entsprechen?

Sind die vielen Kunstwerke mit Spiegeln, die mir auf der Art Basel und auf der Frieze aufgefallen sind, ein Hinweis auf die egozentrischen Massen? Die einhellige Antwort in der Kunstbranche: Nein. Spiegel waren schon immer ein wichtiger Teil der Kunstgeschichte, schon lange vor dem iPhone. Oder wie Julia Joern sagt: „Wir denken uns nicht, dass wir die funkelnden Kusama-Kürbisse zeigen sollten, weil es eine Social-Media-Sensation sein wird. Es ist einfach so, dass glänzende Materialien in der zeitgenössischen Kunst gerade sehr beliebt sind."

Wir nutzen soziale Medien, weil sie ein Gefühl der Verbundenheit erzeugen. Da scheint es nur logisch zu sein, Bilder von Kunstwerken zu posten. Außerdem ist es eine Gelegenheit, um die Leute für die Kunst zu begeistern. Der Been-there-done-that-Effekt ist nur ein kleiner Preis, den wir für mehr Transparenz und eine breitere Demokratisierung der Kunstwelt bezahlen. Wenn du also die neue Tate Modern besucht, vergiss nicht den Hashtag.

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Text: Emily Barasch

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