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mario testino spricht über männliche erotik in der mode und das spiel mit geschlechterrollen

Der neueste und bislang umfangreichste Bildband „SIR“ des legendären Fotografen feiert in über 300 Fotos Männlichkeit.

von Felicity Kinsella
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15 April 2015, 11:00am

Von der muskulösen, geölten, hypersexuellen bis hin zur gekleideten, gestiefelten und gepflegten Darstellung von Maskulinität haben Männer ihren Platz in der Modefotografie gefunden. Heutzutage wundert sich niemand mehr, wenn er dünne Boys mit langen Haaren oder männliche Models, die High Heels tragen, sieht. Zu dieser Normalisierung des Mannes-Bild, hat eindeutig Hochglanz-Modefotograf Mario Testino beigetragen, der in seiner Karriere alles gesehen und fotografiert hat. 

Für seinen neuesten und limitierten Bildband SIR hat er die Kate Mosses und Prinzessin Dianas außen vorgelassen und sich nur auf die Männer konzentriert. „Darstellung und Wahrnehmung von Männern in der Mode und Fotografie, aber auch ihre Selbstwahrnehmung, haben sich in den letzten Jahren verändert", erklärt Mario Testino. „Heute sind Themen wie das maskuline Image, der individuelle Stil und eine sich wandelnde Einstellung gegenüber dem männlichen Gesicht und Körper in den Fokus des Interesses gerückt." Wir trafen den Maestro und sprachen mit ihm über männliche Modefotografie, die Darstellung von Nacktheit und über seine Kindheit im konservativen Peru.

Josh Hartnett, New York, VMAN, 2005 

Wie hat sich die Wahrnehmung von Männern in der Mode geändert?
Eigentlich ist es komisch, weil man einerseits denkt, dass sich die Männermode sehr langsam weiterentwickelt, und auf eine gewisse Weise stimmt das auch, schau dir nur die Traditionen und Uniformen an, aber wenn ich andererseits zurückblicke, dann hat sich eine Menge getan. Die Auswahl ist viel größer geworden. Seit mehr als 30 Jahren erlebe ich den Wandel in der Mode, von New York bis Tokio, von London bis Rio … Sogar traditionelle Kleidung hat sich enorm verändert. Dieses Buch ist wie eine Unterhaltung mit meiner Kamera über Neugier und Freiheit.

Hat sich die Selbstwahrnehmung der Männer auch verändert?
Ja, denn Männer haben mehr Optionen und Möglichkeiten als zu der Zeit, als ich angefangen habe. Obwohl es damals die Leute auch nicht davon abgehalten hat, sich auszuprobieren. Vielmehr ist es so, dass wir wahrscheinlich mehr Risiken eingegangen sind, als wir weniger Optionen zur Verfügung hatten. Ich erinnere mich noch daran, wie ich im konservativen Peru aufgewachsen bin. Ich trug Hosen mit Blumenmuster oder andere nicht weniger verrückte Sachen, verrückt für eine so traditionelle Gesellschaft wie die peruanische, in der ich aufgewachsen bin. Es stellte ein echtes Risiko dar, solche Sachen anziehen. Die Risikobereitschaft ist jetzt eine andere. Jeder ist so exponiert und mit mit jedem verbunden, es ist fast so, als ob wir alles sehen können.

Hat Nacktheit immer einen sexuellen Aspekt?
Sexualität und Sinnlichkeit stecken in allem, in unterschiedlichem Ausmaß natürlich. Nacktheit ist natürlich offensichtlicher, aber manchmal kann man ein Nacktbild auch für etwas Anderes als das Sexuelle schätzen. Manchmal sind Nacktbilder Studien. Das gilt auf jeden Fall für mich. Am Anfang meiner Karriere habe ich viele Nacktbilder fotografiert, als Studie darüber wie das Licht reagiert und wie ich damit arbeiten kann.

David Beckham und Orlando Bloom, Mailand, 2009

David Bowie, New York, V Magazine, 2002 

Gilt dasselbe auch für Frauen?
Ich mache keinen Unterschied zwischen Männer und Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts. Ich denke auch nicht, dass Frauen so sind und Männer so. Solches Schubladendenken gefällt mir nicht.

Hat sich die Einstellung zu Erotik in männlicher Modefotografie verändert?
Wie mit vielen anderen Motiven in der Modefotografie auch können wir heute offener damit sein, wir können Dinge provokativer angehen, weil wir einen anderen Zugang zu ihnen haben. Der Zugang zu Bildern, besonders durch soziale Plattformen, ist ein modernes Phänomen, aber den Ansatz gibt es schon länger. Sau dir nur zum Beispiel die Arbeiten von Helmut Newton an, oder sogar von [Robert] Mapplethorpe, obwohl seine Arbeiten natürlich weniger Mode und mehr Bildende Kunst waren.

Fotografierest du lieber Männer oder Frauen?
Das kann ich nicht so beantworten. Für mich stehen die Personen im Vordergrund und nicht ihr Geschlecht.

Traditionelle männliche Bekleidung, Ländliche Gemeinschaft von Chahuaytire, Pisac, Calca, in der Region Cusco, Peru, 2010

Edward Fogg, Los Angeles, Gucci, 1996 

Sollten Männer häufiger in Fashion-Editorials auftauchen?
Das tun sie schon, wahrscheinlich mehr als jemals zuvor. Es gibt jetzt viele Modemagazine für Männer. Ich habe in den Neunzigern damit angefangen, in meinen Editorials und Werbekampagnen auch Männer zu fotografieren, weil für mich ein Paar mehr über Style aussagt als eine Person.

Hast du ein Lieblingsfoto in SIR? Gibt es eine Geschichte dazu?
Das ist unmöglich zu beantworten. Jedes Foto hat seine eigene Geschichte und ich kann keinen Favoriten auswählen. Das ist mein bislang umfangreichstes Buch, was die Anzahl der Fotos angeht. Wir haben mein gesamtes Archiv aus persönlichen Arbeiten, Auftragsshootings und Editorials durchstöbert. Es gibt so viel und alles ist so unterschiedlich, da ist es einfach zu schwierig, ein Foto auszusuchen.

SIR ist bei TASCHEN erschienen.

Wenn du noch mehr von Mario Testino sehen möchtest, die Ausstellung Mario Testino. In Your Face läuft noch bis zum 26. Juli 2015 im Berliner Kulturforum. 

Credits


Text: Felicity Kinsella
Fotos: Courtesy of Mario Testino

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