Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US. 

So vertraut und ehrlich sieht junge Verliebtheit aus

Aus dem Selbstporträt-Projekt der Fotografin Marisa Chafetz wurde eine Dokumentation von Liebe und niemals endenden Nächten.

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08 August 2017, 11:00am

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US. 

Auf einem von Marisa Chafetz' Fotos aus ihrer Zeit in New Orleans sitzt sie mit zerzaustem Haar und einem Glas Whiskey an ihrem Küchentisch. "Es war Teil eines Selbstporträt-Projekts, das sich irgendwie weiterentwickelt hat", erklärt sie. "Ursprünglich wollte ich mich selbst als den Menschen fotografieren, der ich geglaubt habe, zu werden, als ich in den Süden der USA gezogen bin."

Sie hatte viele Vorstellungen darüber, wie sie sich verändern würde, als sie ihr Elternhaus in einem Vorort von Long Island verließ, um in Tulane zu studieren. "Ich habe an all die Erzählungen über die Frauen aus den Südstaaten gedacht. Ich wollte genau das verkörpern. Ich bin eine jüdische Frau aus New York. Ich dachte, ich würde vielleicht weicher oder sexier werden oder so. Aber wenn man umzieht, ist man einfach woanders weiterhin man selbst."


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Marisas Arbeiten sind von Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit geprägt, bei der nackte Haut, natürliches Licht und ein weicher Fokus einen sofort in den Bann ziehen und ihren Erfolg erklären. Sie zählt die Fotografin Olivia Bee als ihre Lehrerin und veröffentlichte bereits in einem New Yorker Magazin.

An der Uni hat die junge Fotografin dann begonnen, mit ihrer Kleinbildkamera Fotos von verschwitzten Tanzabenden zu machen. "Ich habe viele dieser geblitzten Bilder gemacht, aber dann habe ich angefangen, meinen Freund zu daten, und merkte, wie es in der Serie immer mehr darum ging, wie ich mich in ihn verliebte, und wie ich selbst Teil der Stadt wurde", sagt sie, "ich war viel ausgeglichener, nicht mehr so getrieben."

Nun zeigen ihre Arbeiten die ruhigeren Augenblicke: ein junger Mann, der im frühen Morgenlicht bäuchlings auf einem Bett schläft, zwei Freundinnen, die nur vom Licht der Swimmingpool-Beleuchtung erhellt miteinander reden, ihr Freund auf dem Ast eines mit Spanischem Moos bedeckten Baumes.

"Während meiner Zeit in New Orleans habe ich immer das Bedürfnis verspürt, zu fotografieren und die Momente festzuhalten", erklärt sie. "Jeder, der mal dort gewesen ist, weiß, dass es der schönste und fotogenste Ort überhaupt ist. Gleichzeitig ist er aber politisch aufgeladen. Ich habe nur vier Jahre in New Orleans gelebt und mich immer ein bisschen als Außenseiter gefühlt. Die Fotos zeigen meine Sichtweise auf meine Zeit dort. Es geht viel mehr um Gefühle, wie es für mich war, dort zu leben, als um die aktuelle Landschaft der Stadt und ihre Bewohner."

Die Fotos sollten eigentlich nie ein eigenes Projekt werden, aber nun, da Marisa ihren Uni-Abschluss hat und aus New Orleans weggezogen ist, fühlt sich das Werk "abgeschlossen" an, sagt sie.

In ihrem neuesten Projekt "We Are Ugly but We Have Music" setzt sie sich mit ihrer eng miteinander verbundenen, aber großen Patchwork-Familie auseinander — drei Familien, mit denen sie in einem Wohnblock auf Long Island aufgewachsen ist. Die Fotos ihrer (biologischen und Adoptiv-) Geschwister auf dem Weg zu Geburtstagen, am Handy klebend beim gemeinsamen Abendessen oder beim Schminken erinnern uns an die inszenierte Wirklichkeit von Barneys Familiendramen — nur dass sie etwas sanfter sind. "Sie wissen, wenn ich ein Foto von jemandem mache, dass ich es mit Liebe mache", erklärt sie.

Das Gleiche kann man ganz klar auch über ihre Fotografien aus New Orleans sagen. Während sich ihr "Sex on Campus"-Portfolio mehr wie ein "Exposé" angefühlt hat, wie sie selbst sagt, sind diese eine Hommage an "echte Vertrautheit."

@marisachafetz