Warum wir aufhören müssen, Stress zu glorifizieren

Autorin Yasmine M'Barek findet, dass Schluss sein muss mit der Heroisierung des Überarbeitet-Seins. Mehr Ehrlichkeit könnte die Lösung sein.

von Yasmine M'Barek
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23 Oktober 2019, 9:31am

Foto: Bernardo Martins, Model: Fabrizio Kindli

Ganz genau erinnere ich mich an meinen Kindheitstraum: Mit den angegrauten Erwachsenen in dem gesaugten ICE mit meinem Laptop sitzen und total beschäftigt und wichtig sein. Wichtig sein, hieß für mich immer beschäftigt zu sein. Sich voll und ganz dem Beruf hingeben. So lehren es schließlich Fernsehen, Medien und unsere Eltern. Aber sie haben dieses System ja auch mit aufgebaut.

Nicht beschäftigt zu sein, wird schnell mit Faulheit gleichgesetzt. Damit, nichts oder nur "wenig" erreicht zu haben. Deswegen suchen wir auch wie besessen nach der perfekten Work-Life-Balance und sind neidisch auf durchgeplante Notizbücher von Menschen, die scheinbar alles super im Griff haben. Nicht nur die Arbeit, auch unsere Freizeit mutiert zum alles dominierenden, dennoch glorifizierten Stress.


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Diese Ideale sind ziemlich toxisch. Denn, schaut man hinter die Fassade, überlebt der Großteil aller Gestressten eigentlich nur. Nach außen hin wirkt alles gut, in den Instagram-Stories mit der vollen Arbeitswoche angeben, obwohl man insgeheim so gerne in den Urlaub fahren würde – wäre da nicht der eigene Geldbeutel und das Arbeitspensum. Das Ganze wird auf sozialen Medien sarkastisch mit "Hahah f*ck capitalism" beschrieben: Die große Diskrepanz zwischen Kapitalismus hassen und den Arbeitsalltag gleichzeitig als Aufgabe inszenieren, die dich erfüllt und auszeichnet. Das ist so paradox. Und sehr offensichtlich.

"Politischer Aktivismus war – insbesondere für Privilegierte – ein Lifestyle, der sie moralisch gut dastehen ließ."

Als wäre das nicht schon genug, kommt auf den Arbeits-, Freizeit- und Selbstverwicklichungsstress auch noch eine Bürde, die Verantwortung heißt. Wir späten Millennials, wir Menschen aus der Gen Z, fühlen uns nämlich nebenbei so unglaublich verantwortlich – zumindest politisch gesehen. Die Feelgood-Generation vor uns, also die, die in den 90ern groß geworden ist, konnte in einer sorglosen Wohlfühlblase erwachsen werden. Politischer Aktivismus war – insbesondere für Privilegierte – ein Lifestyle, der sie moralisch gut dastehen ließ. Doch mittlerweile ist ein politisches Standing notwendig, nicht nur für den tatsächlichen Zweck oder das soziale Ansehen, sondern auch im Konkurrenzkampf "jemand" oder "etwas" zu werden. Nur diejenigen, die immer mehr machen, schaffen es weiter nach oben.

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Foto: Bernardo Martins, Model: Fabrizio Kindli

Wir können es uns nicht mehr erlauben, unpolitisch, desinteressiert zu sein. Dieses Gefühl breitet sich langsam über alle arbeitenden Generationen aus. Neben der 40-Stunden-Woche machen wir ehrenamtliche Arbeit in Parteien, Hilfsorganisationen oder ähnlichem, führen ein Blog oder einen Social-Media-Account über Nachhaltigkeit. Versuchen möglichst alle intellektuellen Dinge wie Bücher und Zeitung lesen abzuhaken und natürlich die neuesten Serien zu schauen, um Stoff für den leichten Smalltalk bereitzuhalten. Work-Life-Balance, alles machen, was im Leben so wichtig ist.

"Soziale Empathie ist hier nicht wichtig."

Dabei wird eine Sache leicht vergessen: die Übermäßigkeit. Wenn ich etwas übermäßig mache, dann heißt das, dass ich über mein erträgliches Maß hinausgehe. Das Wort selbst definiert schon, dass das Extrem sehr bald ein Ende haben wird. Die Über-Mäßigkeit endet irgendwann im Burnout oder sozialen Kollaps. Dabei braucht man nicht einmal belastende Faktoren wie Probleme in der Familie, psychische oder physische Erkrankungen – diese kommen meist zu dem lähmenden Zustand dazu. Und genau das ist ein wichtiger Punkt, der nicht nur im Idealismus der Wirtschaft übersehen wird, sondern auch in der rationalen Lebensplanung.

Die Wirtschaft sieht im Verlauf und der Selbstregulierung des Marktes nur rationale Faktoren. Im Blick auf seine Arbeitskräfte setzt das voraus, dass diese auch keinen irrationalen Faktoren – wie Krankheit oder Todesfall des Arbeitnehmers – ausgesetzt sind. Dementsprechend sehen Arbeitgeber oft nur die eigene Produktion, und damit auch wie viel Profit sie mit so wenig Mitarbeitern wie möglich machen. Soziale Empathie ist hier nicht wichtig. Eine höhere Lohnforderung des Arbeitnehmers, Streik oder Stundensenkung aufgrund von Gleichberechtigung, politischem Aktivismus, der eigenen Familie oder antikapitalistischer Überzeugungen sind keine kalkulierten Faktoren – sie werden als irrational angesehen. Doch in ihrer Häufigkeit sind sie alles andere als das.

"Statt das System kritisch zu reflektieren, heroisieren wir die Eigenschaften des Überarbeitet-Seins."

Und trotz – oder vielleicht gerade wegen – der menschlichen Irrationalität gliedern wir uns in diese Arbeitswelt ein, denn wir sind abhängig von ihr. Zumindest hat es die freie Marktwirtschaft den vorangegangenen Generationen solange eingetrichtert, bis es kein Entkommen mehr gab. Statt das System kritisch zu reflektieren, heroisieren wir die Eigenschaften des Überarbeitet-Seins. Denn: Es gibt keinen Ausweg. Wir wurden gebrainwasht – zu glauben, dass dies ein erstrebenswerter Zustand sei. Damit manipulieren wir unsere eigene Denkweise. Oft merke ich, dass Menschen, die ich auf den ersten Blick als Inspiration einsortiere, oft überarbeitete "Vielkönner" sind. Zumindest von außen. Und das (de)motiviert mich am meisten. Ich erwische mich auch dabei, wie ich überlege, selbst im Konkurrenzkampf zu überleben, indem ich einfach MEHR mache. Immer mehr.

Eine Journalistin, PoC, schrieb letztens, sie traue sich nicht über ihre Müdigkeit zu sprechen, über die Schreibblockade, die sie nicht mehr loslässt. Dieses Nicht-Genug-Sein ist ein generelles Problem. Aber dann sind da noch die Schwellen zwischen Privilegierten und denen, die im neo-kolonialen System für immer beweisen müssen, genug zu sein, um oben stehen zu dürfen. Fakt ist aber, dass die Kenntnis darüber nicht einfach als intellektuelles Gadget in unseren Köpfen herumschwirren sollte und darf. Wir müssen dieses Denken aktiv im Alltag abbauen.

"Wir müssen unsere mentale Gesundheit aufarbeiten und gegenseitig darüber sprechen."

Wir wissen, in welchem System wir uns befinden und wie es uns gegeneinander ausspielen kann. Dementsprechend müssen wir versuchen, uns nicht zu vergleichen, den Gedanken "mehr ist besser" Stück für Stück abzubauen. Wir müssen unsere mentale Gesundheit aufarbeiten und miteinander darüber sprechen. Die Scham und den Druck kennt jeder, nur ist das nicht der Konsens. Ich selbst poste lieber nichts oder sage ich bin gestresst, wenn ich eigentlich das Gefühl habe, dass alles um mich herum zusammenbricht. Wir müssen in Gesprächen, in der Selbstinszenierung – egal ob in den sozialen Medien oder im Smalltalk – die Ehrlichkeit aufleben lassen. Wir sind verantwortlich für die Impulse und Werte, die der Generationen nach uns weitergegeben werden – aber auch für unser eigenes Wohlergehen. Denn über-mäßig ist immer zu viel. Immer.

Yasmine M'Barek lebt in Köln, wo sie Wirtschaftsjournalismus studiert. Als freie Journalistin schreibt sie hauptsächlich über Politik und Wirtschaft. Nebenbei spricht sie über deutsche Innenpolitik auf ihrem Instagram Account @ceremonialsofasavage.

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