Foto (links): Wolfgang Tillmans, Untitled, 2012, (detail) © Wolfgang Tillmans

Foto (rechts): Marco, Insel der Jugend, 1991 © Tilman Brembs

Warum die Faszination Dance Floor niemals enden wird

Die Ausstellung 'No Photos on the Dance Floor! Berlin 1989–Today' verrät es dir.

von Juule Kay
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10 September 2019, 8:11am

Foto (links): Wolfgang Tillmans, Untitled, 2012, (detail) © Wolfgang Tillmans

Foto (rechts): Marco, Insel der Jugend, 1991 © Tilman Brembs

"In dieser Nacht hatte ich die Gewissheit: Das ist die Zukunft". Mit diesen Worten beschreibt Heiko Hoffmann seine erste Tekknozid-Party, ein typischer Rave in Ost-Berlin Anfang der 90er Jahre, auf dem eine Mischung aus Tekkno und Acid gespielt wurde. Der ehemalige Chefredakteur der Groove erinnert sich noch gut an diese Nacht. An die Musik, aber auch die Art, wie gefeiert wurde. Exzessiv, frei und grenzenlos. Es lag dieses starke Gefühl in der Luft, "dass hier gerade eine neue Form von Gemeinschaft entsteht." Es war anders als alles andere, was er zuvor erlebt hatte. Damals, in den 90er Jahren, als sich der Sound erst entwickelte, für den Berlin heute weltweit bekannt ist.

Mindestens genauso bekannt ist die deutsche Hauptstadt für ihr Fotoverbot in Clubs, dem sich nun eine komplette Ausstellung in der C/O Berlin widmet. Co-kuratiert von niemand Geringerem als Heiko Hoffmann selbst, geht 'No Photos on the Dance Floor! Berlin 1989–Today' jener Faszination auf den Grund. Neben Fotografien von Wolfgang Tillmans und Berghain-Türsteher Sven Marquardt gibt es Videos und dokumentarisches Material zu erforschen, das einen Einblick in die letzten 30 Jahre Berliner Club-Kultur gibt. "Die Berliner Clubszene hätte sich ohne diese No-Photo-Policy, die auch schon lange vor dem Aufkommen von Smartphones existierte, nicht so entwickeln können", sagt Hoffmann. "Gerade in Zeiten von 'Pics, or it didn't happen!' finde ich es wichtig, dass es Orte gibt, an denen man sich ganz im Moment fühlen kann, ohne darüber nachzudenken, wie man das am besten mit der Außenwelt teilt oder festhält."

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Foto: DJ Keokie, Tresor 1991 © Tilman Brembs

Denn was im Club passiert, bleibt auch dort. Hier kannst du dich frei fühlen, jede noch so kleine und große Sorge für einen Moment vergessen, während du dich in Ekstase tanzt oder an deinem Gin Tonic nippst. Du kannst du selbst sein, musst dich nicht verstecken. Schon damals, nachdem die Mauer 1989 fiel, wurde der Club zu einem Ort, an dem sich eine neue Generation junger Freigeister traf. Und auch bis heute zählt die Tanzfläche zum Safe Space für marginalisierte Gruppen. Für Menschen, die außerhalb des Clubs Schwierigkeiten haben, frei zu sein, sich auszuleben. Dank Zusammenschlüssen wie dem female/ non-binary DJ-Kollektiv No Shade wird dieser Freiheitsgedanke vorangetrieben und mündet in mehr Diversität in Berliner Clubs.

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Foto: Outside Snax Club, 2001 © Wolfgang Tillmans . Courtesy Galerie Buchholz Berlin/Köln
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Foto: o.T., 2015 © Sven Marquardt

Der Dance Floor ist Zufluchtsort und globales Phänomen zugleich. "Der Aufstieg Berlins zur internationalen Techno-Metropole und das Aufkommen innereuropäischer Low-Budget-Flüge hat die Clubszene grundlegend verändert", sagt Hoffmann. Doch was steckt hinter der Faszination? Hinter tausenden von Menschen, die jährlich in die Hauptstadt pilgern, um Teil jenes Phänomens zu werden? Für Hoffmann ist es die Gemeinschaft auf Zeit, die im besten Fall entsteht. "Eine Nacht, bei der man nicht weiß, wohin einen der DJ führt, in der man selbst und die anderen Menschen auf dem Dance Floor vorurteilsfrei und neugierig sind – und sich in der Musik verlieren. Das Gefühl sich gerade an dem besten aller möglichen Orte zu befinden."

Und genau dieses Gefühl spiegelt sich auch in den Arbeiten der Ausstellung wider. "Ich arbeite seit nunmehr über 20 Jahren in der Berliner Clubszene", sagt Sven Marquardt, der mit seiner ikonischen Schwarz-Weiß-Fotografie von Türsteher-Kollegen und Berghain Residents wie Marcel Dettmann auch zur Ausstellung beiträgt. "Ein Lebensgefühl, was keinesfalls von meiner Arbeit als Fotograf zu trennen ist – Inspiration sowie Zeitgeist bedeutet, autonom geblieben von gesellschaftlichen Normen und Konventionen. Meine Bilderwelt erschaffe ich stets außerhalb der Nächte, fernab von Instagram-Likes und so nah dem Lebensgefühl Clubkultur."

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Foto: Tama Sumo–25.08.2013, Coronet, Elephant & Castle © Salvatore Di Gregorio
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Foto: Ohm Trade, 2016 © Camille Blake

Auch der italienische Fotograf Salvatore Di Gregorio, der bereits Nina Kraviz und Tama Sumo vor der Linse hatte, bringt die Faszination auf den Punkt: "Es ist die einzigartige und geheimnisvolle Erfahrung, die der Dance Floor erzeugen kann. Die Ästhetik und die Gefühle der Menschen sind Teil dieses sehr mächtigen 'Rituals', davon werde ich als Fotograf angezogen." Für Ben de Biel, der selbst 17 Jahre lang Clubs betrieben hat, sind es vor allem die zügellosen Menschen auf der Tanzfläche. "Sie sind so wie sie sind und nicht verstellt, nur weil gerade eine Kamera auf sie gerichtet ist", sagt der deutsche Fotograf.

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Foto: Loveparade Ku’damm, 1992 © Ben de Biel

"In den letzten 30 Jahren ist in Berlin eine Clubszene mit einer starken eigenen Identität entstanden", erklärt Hoffmann zum Schluss. "Gerade im Vergleich zur Entwicklung anderer Club-Metropolen wie New York oder London ist es erstaunlich, wie viele Freiräume und Orte zum Experimentieren Berlin noch hat." Vielleicht besteht die Faszination aber auch genau darin, erst zu wissen, wovon alle reden, wenn man es selbst erlebt hat. Wenn dich die Tanzfläche am frühen Morgen wieder ausspuckt und die Erinnerung an die letzte Nacht in deinem Kopf statt auf deinem Handy gespeichert sind.

Sei dabei wenn die C/O Berlin am 12. September in einen Dance Floor verwandelt wird. Mehr Informationen dazu findest du hier.