von links nach rechts: Sadie Lune, Anarella Martinez-Madrid, Lina Bembe, Bishop Black; Fotos:Dánae Cuesta

Weil sexuelle Aufklärung niemals aufhört

Auf der Plattform 'Sex School' sprechen Berliner Porno-Darsteller_innen über Dreier, BDSM und Eifersucht.

von Marieke Fischer
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15 November 2019, 1:43pm

von links nach rechts: Sadie Lune, Anarella Martinez-Madrid, Lina Bembe, Bishop Black; Fotos:Dánae Cuesta

Stell dir vor, deine Vision, deine Person, deine Lebensgrundlage wären permanent bedroht von Zensur. Von der Angst am nächsten Tag vom Bildschirm zu verschwinden, unsichtbar zu sein. Diese Bedrohung ist die ständige Begleiterin von Sex School, eine Plattform, die virtuelle Aufklärungsarbeit für Erwachsene leistet. Gerade als sich das Kollektiv auf Instagram eine Community von 35k Follower_innen aufgebaut hat, wurde ihr Account gelöscht. Zum dritten Mal. Repression in all ihren digitalen und analogen Facetten kennt das internationale Team aus Performer_innen, Regisseur_innen und Coaches bestens – zu groß ist das gesellschaftliche Stigma, das an Worten wie 'Porno' oder 'Sex Work' haftet. Doch sind es gerade diese Vorurteile, die eine gefährliche Wissenslücke erschaffen, wenn es um informierten, respektvollen Genuss geht.

2017 haben Produzentin Anarella Martinez-Madrid und Porno-Regisseurin Poppy Sanchez beschlossen, diese Lücke zu füllen. "Ich wollte immer etwas machen, das Sex und Bildung verbindet", erzählt Anarella. "Als ich vor vier Jahren ein Sex-Festival in Valencia organisiert habe, lernte ich viele Menschen aus der Szene kennen und die Idee hat sich in mir gefestigt. Dann habe ich Poppy dazu geholt. Wir wollten sexuelle Aufklärung auf einer neuen Ebene thematisieren." Das heißt im Falle von Sex School: Podcasts, Tutorials, Artikel und Talks. Explizit, intelligent, authentisch. Auf der frisch gelaunchten Seite zeigen die Independent-Größen Sadie Lune, Lina Bembe und Parker Marx nicht nur, wie ein Dreier aussehen kann, sondern diskutieren auch den Umgang mit Eifersucht. In einem anderen Kurzvideo sprechen Bishop Black und Lina über diverse sexuelle Identitäten. Gast-Expertin Mareen erklärt, was bei BDSM beachtet werden sollte.


Auch auf i-D: Regisseurin Candy Flip zeigt ihre Version von 'Sad Girls'.


Das größtenteils in Berlin lebende Kollektiv bricht mit dem hetero-normativen Male Gaze, der so häufig im Mainstream-Porno herrscht. Sie setzen dort an, wo der Sexualkundeunterricht in der Schule aufgehört hat. Sie zeigen, wie vielfältig Sexualität ist – und wie sie noch lustvoller werden kann, für jede beteiligte Person.

Wir haben mit Anarella Martinez-Madrid und Lina Bembe über Consent, Polyamorie und Stereotype gesprochen.

Aufklärungsarbeit und Pornografie sind noch immer von Stigmatisierung betroffen. Wie wollt ihr das mit Sex School ändern?
Anarella: Wir sollten alle einfach mehr über Sex sprechen und das Thema endlich normalisieren. Mit Sex School richten wir uns vor allem an Menschen zwischen 25 und 45, diese Gruppe hat am meisten Sex. Als Erwachsene denken wir, wir wüssten, wie alles funktioniert, dabei gibt es immer wieder diese WTF-Momente. Wir wollen Erwachsene in ihrem Sexualleben aufklären. Wir wollen ihnen Werkzeuge an die Hand geben, damit sie verstehen, wie sie Sex komplett genießen können, aber auch wie beispielsweise Consent funktioniert.

Lina: So viele Menschen sind traumatisiert oder denken, bei sexueller Aufklärung geht es um Schwangerschaft, furchtbare Bilder von Geschlechtskrankheiten oder Lust für Menschen mit einem Penis. Dabei geht es auch um verständliche Kommunikation, Zustimmung und gesunde Beziehungsmuster. Um eine verständliche und schambefreite Diskussion über sexuelle Gesundheit. Wir möchten, dass Leute verstehen, wie Lust funktioniert, egal ob du einen Penis oder eine Vagina hast, ob du dich als cis, trans, nicht-binär oder was auch immer identifizierst. Lust funktioniert unterschiedlich. Es gibt eine riesige Bandbreite von Sexualität und Vorlieben – sei es Vanilla oder BDSM.

Es ist interessant, dass vor allem in dieser Altersgruppe das Wort "Consent" für so viel Verwirrung sorgt.
A: Consent kann eine Form der verbalen oder der körperlichen Kommunikation sein. Es geht darum, mit der Person zu sprechen, sie voll und ganz kennenlernen zu wollen. Du musst wissen, mit wem du es zu tun hast, um auch selbst deine Lust zu erkunden. Und wenn du ganz verloren bist, dann frag’ einfach. Es gibt so viele Arten, Consent zu leben, ohne dabei den Augenblick zu zerstören.

L: Consent ist Pflicht. Ohne Consent darfst du nicht einmal deinen kleinen Finger rühren. Es gibt Situationen, in denen die Dinge manchmal unklar scheinen. Es ist kein 'ja', wenn kein 'nein' ausgesprochen wird. Manche Menschen verspüren Druck, in bestimmten Situationen einfach nachzugeben. Personen können unter dem Einfluss von Rauschmitteln stehen. All das ist kein Consent. Die Konversation darüber, was es genau bedeutet, war in der Gesellschaft bislang nur spärlich vorhanden.

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Lina & Anarella; Foto: Dánae Cuesta

Habt ihr das Gefühl, dass sich das Narrativ um Sex und Sexualität gerade wandelt? Es kommen momentan so viele Coming-Of-Age-Serien und sex-positive Filme raus, die sich stark mit diesen Themen auseinandersetzen.
A: Eine Sache, die gerne von Filmen und Netflix-Serien aufgegriffen wird, sind offene Beziehungen. Menschen, die lange verheiratet sind, sich dazu entschließen mit anderen Sex zu haben. Doch die meisten von den Geschichten haben kein gutes Ende: "Das ist ja alles lustig, aber jetzt lass uns doch lieber wieder zurückgehen zur Monogamie." Also ja, es ändert sich etwas, aber da ist noch ziemlich viel Luft nach oben.

L: Wenigstens bekommen solche Themen jetzt mehr Sichtbarkeit. Dadurch wird das Stigma etwas kleiner, das beispielsweise polyamore Beziehungen umgibt. Es wird ein bisschen einfacher für Menschen in solch einem Beziehungsmodell, akzeptiert zu werden.

Es fühlt sich schon fast wie ein Trend an.

L: Wir sprechen über diese Trends, aber nicht über die Ethik dahinter – und das ist unglaublich wichtig.

A: So viele Leute sagen heute, dass sie in einer offenen Beziehung sind. Aber wie definieren sie das? Wenn du einen Typ magst und er meint: "Ich habe eine Freundin, aber das ist offen." Dann frag ihn doch mal, wie das aussieht. Wenn dann so etwas kommt wie 'Ich bumse andere Leute', dann ist das keine Ethik. Es geht darum, wie du zu deinem_r Partner_in eine Verbindung schaffst, während du auch noch mit anderen Menschen Sex hast. Für mich bedeutet eine offene Beziehung teilen. Mit anderen Menschen sein, es genießen. Und genauso mit dem_r Partner_in. Es ist ganz viel Arbeit. Informier dich gut und lies Bücher, bevor du diesen Schritt machst.

L: Überprüfe auch immer wieder deine eigene Gefühlslage. Du musst dir sicher sein, dass das etwas für dich ist.

A: Und vergiss nicht, dass sich Beziehungen und Dinge verändern. Vielleicht seid ihr erst monogam, dann polyamor – und dann geht ihr wieder zurück zur Monogamie. Alles voll in Ordnung. Du musst deine Beziehung oder deine Sexualität nicht unter ein bestimmtes Label stellen. Genau das wollen wir auch mit Sex School kommunizieren.

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Foto: Dánae Cuesta

Eine gesunde Beziehung zu führen, ist tatsächlich sehr viel Arbeit. Vor allem weil so viele Menschen dazu neigen, toxische Beziehungen zu romantisieren. Warum ist das so?
L: Das kommt automatisch, weil wir so viel Müll über romantische Liebe hören. Dinge, die du aushalten oder tun musst, weil es sich so für die 'romantische Liebe' gehört.

A: Und dass es nur eine bestimmte Form der Liebe gibt. Die, die von Hollywood proklamiert wird.

L: Uns wird eingeredet, dass wir immer eine_n Partner_in haben müssen. Diese ekelhaften Hollywood-Filme, die Rom-Coms und Chick Flicks. Es geht immer um die verzweifelte Frau, die nur auf einen Mann, auf ihren Prince Charming wartet, der plötzlich all ihre Wünsche erfüllt. Den eigenen Selbstwert von jemand anderem abhängig machen … Einige Menschen haben Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, das sieht man auch in der Pathologie ihrer Beziehungen.

Da spielt wahrscheinlich noch eine andere Sachen mit ein: Frauen* wurden im Laufe der Geschichte von der patriarchalen Gesellschaft ihre sexuelle Lust abgesprochen und Passivität zugeordnet. Wie können Frauen* – generell: alle Menschen – die Scheu überwinden, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren?
L: Eigenwahrnehmung und Selbsterkenntnis, das ist der allererste Schritt. Uns wurde nicht beigebracht zu kommunizieren. Und auch nicht, dass unsere Körper uns gehören. Denn auf einer gesellschaftlichen Ebene sind wir es gewohnt, immer das Eigentum von jemand anderem zu sein. Dein Körper gehört dir, genau wie deine Lust und deine Wünsche. Lerne dich selbst ehrlich kennen und finde heraus, was du wirklich magst. Es ist OK, dass du nicht alles gut findest. Es ist normal, dass du vielleicht niemals einen Orgasmus während penetrierendem Sex bekommst. In einer Beziehung wird manchmal von dir erwartet, dass du performen musst, obwohl du es gar nicht fühlst. Und solltest du etwas nicht mögen, gibt es immer die Möglichkeit zu gehen, abzubrechen, die Situation zu verlassen. Wir müssen lernen, 'nein' zu sagen. Irgendwann kommt dann das Selbstvertrauen, zu sagen, was du willst.

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Hinten: Anarella & Lina, Vorne: Sadie & Bishop; Foto: Dánae Cuesta

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien und Statistiken veröffentlicht, die in Deutschland eine Zunahme von Geschlechtskrankheiten wie beispielsweise Syphilis feststellen. Eigentlich würde man vermuten, dass das Gegenteil der Fall wäre. Woran kann das liegen?
L: Es sollte eine ganz normale Sache sein, den One-Night-Stand zu fragen: "Hast du eine Geschlechtskrankheit? Wann hast du dich das letzte Mal testen lassen?" Es ist auch wichtig zu verstehen, was safer sex überhaupt bedeutet. Das sind nicht nur Kondome, Handschuhe oder 'Lecktücher'. Informiere dich, wie Geschlechtskrankheiten übertragen werden können, wie Regelmäßigkeit bei den Tests geschaffen werden kann, wonach du wie fragen kannst.

A: Ein Grund, warum Geschlechtskrankheiten in Europa immer noch so verbreitet sind, ist definitiv die Scham. Außerdem setzen viel zu viele Leute Geschlechtskrankheiten automatisch mit HIV gleich. Deswegen schützen sich viele Menschen nur dagegen.

Für viele Jugendliche sind Pornos die erste Form der Aufklärung, der erste Kontaktpunkt, um die eigene Sexualität zu erforschen. Hatten Pornos auch bei euch einen Einfluss auf eure Selbstwahrnehmung? Darauf wie ihr über Sex denkt?
A: Nicht wirklich. In meiner Familie war es immer sehr normal, über Sex zu sprechen – weniger in einer lehrreichen Art, mehr als Witz. Als ich dann das erste Mal einen Porno geschaut habe, dachte ich nur: "Ah, davon reden meine Eltern also."

L: Als ich das erste Mal einen Porno gesehen habe, war das komplett losgelöst von jeglicher Vorstellung über Sex oder erotischer Fantasie, die ich zu der Zeit hätte haben können. Ich erinnere mich aber auch gut daran, dass mir schon früh jemand sagte, dass Pornos nicht das echte Leben sind. Das hatte sich in mir verankert: Was auch immer ich sehe, so wird es nicht sein, wenn ich selbst Sex habe. Erst später habe ich mich mit Internet-Pornos beschäftigt und Sachen entdeckt, die mich mehr stimuliert haben – die Dinge wollte ich dann auch in der Realität ausprobieren. Ich hatte damals aber schon eine Idee davon, wie meine Lust funktioniert.

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vlnr: Sadie, Lina, Anarella & Bishop; Foto: Dánae Cuesta

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von ästhetisch ansprechenden und ethisch produzierten Pornos. Trotzdem scheint es so, als ob der Großteil der Bevölkerung nicht bereit wäre, Geld dafür zu zahlen und stattdessen lieber kostenlose Internetpornos konsumiert. Was muss passieren, damit sich das ändert?
L: Das ist tatsächlich ein sehr großes Problem. Der 'Feind' – die großen ausbeuterischen Unternehmen – ist unglaublich wohlhabend und verfügt über viele Ressourcen, die es Menschen aus dem Independent-Porno-Bereich schwermachen. Wenn du anfängst, dir nicht mehr die anonymen, häufig unqualitativ produzierten Pornos anzuschauen, dann beginnst du, tatsächlich die Leute zu unterstützen, die du magst. Ethische Pornografie kann auch mal kostenlos sein, doch dann passiert das immer unter den Bedingungen des Teams. Piraterie ist nämlich immer ein No-Go.

So wie sich die Menschen fragen, ob ihr Essen organisch und fair trade ist, sollten sie auch Pornografie hinterfragen. Man sollte offen sagen können: Ich mag das Genre, ich mag die Ästhetik, ich mag diese Art von Sex. Als Indie-Perfomer_in oder Cam Girl/ Boy kann es wirklich schwierig sein. Deswegen folgt den Leuten, die ihr mögt und unterstützt sie direkt.

Was glaubt ihr, muss sich ändern, damit Sexarbeit irgendwann einfach als Arbeit verstanden wird?
L: Das wäre das Ziel: Die Menschen verstehen, dass Sexarbeit einfach eine Branche wie jede andere ist. Das Stigma rund um Sex Work richtet sich nicht nur gegen die Menschen, die aktiv in diesem Gebiet mitwirken, sondern letztlich auch gegen die Konsument_innen, die ihre eigene Sexualität dadurch abwerten. Diese Stigmatisierung hat Auswirkungen auf jeden einzelnen Aspekt von Porno über Sex Work bis hin zu den Räumen, in denen offen über Sex gesprochen werden kann.

Das Verständnis, dass Sexarbeit einfach Arbeit ist, kann dabei helfen, das Leben von allen Menschen besser zu machen. Für uns würde das bedeuten, weniger zensiert zu werden. Für Menschen in noch stärker marginalisierten Bereichen der Sexarbeit könnte das bedeuten, dass sie weniger strafrechtliche Verfolgung befürchten müssen und in einem weniger prekarisierten Umfeld arbeiten können. Dagegen hilft nur, unseren Mund aufzumachen, damit Fehlinformationen und Stereotype verschwinden. Denn häufig könnten diese Missverständnisse aus der Welt geräumt werden, wenn man offen mit Sexarbeiter_innen spricht.

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Foto: Dánae Cuesta
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Von oben nach unten: Sadie, Anarella, Lina, Bishop; Foto: Dánae Cuesta
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