Eine Liebeserklärung an Frauen aus dem Mittleren Osten und Nordafrika

Das Magazin '3asal' zeigt die unendliche Komplexität der MENA-Identität auf der ganzen Welt.

von Salma Haidrani
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21 November 2019, 8:05am

3asal bedeutet im Arabischen 'Honig', ist aber auch der Name eines Magazins über die oft übersehene Vielfalt der Frauen im Nahen Osten und Nordafrika, kurz der MENA-Region. Gegründet wurde es von der in Kuwait geborenen, mittlerweile in New York lebenden Taiba Al-Nassar. Während westliche Medien häufig ein exotisierendes Narrativ aus der Kolonialzeit bedienen, zeigt das Heft die "unendliche Komplexität" ihre Identitäten. Die erste Ausgabe der Parsons-Studentin reicht von Kunst und Fotografie bis zur Auseinandersetzung mit dem Erbe des ägyptischen Kinos.


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i-D hat Taiba Al-Nassar zum Interview getroffen.

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Wie ist 3asal entstanden?
Ich habe das Heft kreiert, weil es notwendig war. Es ist die Plattform, nach der ich mich als arabisches Mädchen immer gesehnt habe. So viele von uns wuchsen mit Scham und Wut auf, weil wir keine Sichtbarkeit in den Medien hatten. Ich fühlte mich den blonden, blauäugigen amerikanischen Mädchen unterlegen, weil sie überall gezeigt wurden. Ich habe meine Kultur jahrelang abgelehnt, weil mir ihr Wert nie gezeigt wurde. Für die jüngere Generation von MENA-Frauen möchte ich diese Erfahrung zukünftig vermeiden. Es ist wichtig für sie, Zugang zu Plattformen und Bildern zu haben, die zeigen, dass sie geschätzt werden.

Lass uns über den Namen 3asal sprechen ...
Ich liebe das Wort. In der MENA-Kultur ist 3asal ein Kosename, der oft mit Weiblichkeit und Niedlichkeit assoziiert wird. Auf diese Weise spiegelt er auch die strenge geschlechtsspezifische Binärität des Frauenbildes in MENA-Gesellschaften wider. Ich habe dem Magazin den Titel gegeben, weil es das Wort neu definiert. Es erweitert die traditionellen Assoziationen, um unsere unendliche Komplexität zu erfassen. Wir können freundlich, sanft und schön sein, aber auch stark, belastbar, frech und laut. Es geht darum, alle diese Eigenschaften zu feiern.

Wie wichtig ist 3asal in einem Klima, das MENA-Mädchen meist auf orientalistische Stereotype reduziert?
Sehr wichtig, weil es einen Raum bietet, der ausschließlich von und für uns geschaffen wurde. Die Texte, die Fotografie, das Styling, die Illustrationen und die Kunst – alles. In 3asal versucht uns kein Außenstehender falsche Erzählungen anzudichten. Wir akzeptieren keine Fremdstimmen mehr, die unsere Geschichten analysieren und erzählen. Es ist allein unser Gespräch.

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Werden diese Frauen sowohl in der MENA-Region als auch in der westlichen Welt zu wenig gefeiert?
Definitiv. Ich gebe den Medien jedoch nicht die volle Schuld daran. Viele der Frauen, mit denen ich arbeite, sind super vorsichtig damit, wie sie in den Bildern dargestellt werden. Sie haben immer im Kopf, wer die Bilder sehen könnte und was in unserer Gemeinschaft akzeptiert wird. Wenn es um Styling oder den Winkel eines Fotos geht, müssen wir häufig noch auf kulturelle Normen eingehen. Wir haben innerhalb der Community noch viel Arbeit vor uns, unsere Frauen von gedanklichen Schranken wie zum Beispiel Ehrenkodexe zu befreien, bevor wir von den Medien vollständig akzeptiert werden können. Es ist ein Prozess, der von innen heraus beginnen muss, bevor wir den Westen zum Gespräch bitten können. Mit Plattformen wie 3asal und einem stärkeren Fokus auf regionale Medienkanäle treiben wir diesen Wandel voran.

Wie fühlt es sich an, Teil der Bewegung von Frauen mit MENA-Erbe zu sein, die ihre Identität heute neu definieren?
Ich fühle mich geehrt und freue mich, zu dem Dialog beizutragen. Die Erfahrungen der MENA-Diaspora haben mich schon immer fasziniert. Ich schätze die Auseinandersetzung mit Erfahrungen außerhalb meiner direkten Gemeinschaft. Damals in meinem Schlafzimmer in Kuwait konnte ich mich nie ganz mit den Geschichten von beispielsweise einem britisch-arabischen Mädchen identifizieren. Deshalb bin ich froh, dass die jungen Frauen nun 3asal haben, um diese Lücke zu schließen.

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Wie hat die Zusammenstellung der Themen organisatorisch funktioniert?
Ich habe das Magazin allein gestartet, die meisten der Geschichten wurden daher von mir geschossen und konzipiert. Als feststand, in welche Richtung 3asal gehen würde, öffnete ich es für Kooperationen und Einsendungen. Viele junge Frauen aus der MENA-Region vertrauten mir ihre Arbeiten an. Das Schönste an der Entstehung war, dass so viele MENA-Frauen aus der ganzen Welt zusammenkamen. Es war etwas Besonderes, ausschließlich mit Frauen zu arbeiten, die aus einer Vielzahl von Hintergründen stammen und wussten, dass wir keine falschen Absichten verfolgten, sondern etwas ausschließlich Schönes für uns und unsere Gemeinschaft schaffen wollten.

Was bedeutet es für dich heute, eine arabische Frau zu sein?
Stolz auf meine Identität zu sein. Teile meiner Kultur und Geschichte in Einklang zu bringen und zu entscheiden, was für mich nicht länger relevant ist. Die Liebe, die ich für mich und meine Herkunft gefunden habe, mit all meinen Schwestern zu teilen, die noch nicht ganz soweit sind. Es geht darum, alles zu tun, damit die nächste Generation in einer besseren Welt aufwachsen kann. Der Wandel in der Region schreitet schnell voran – es ist aufregend, ein Teil davon zu sein.

@3asalmag

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Hier kannst du die erste Ausgabe des 3asal Magazins bestellen.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kolleg_innen aus der i-D US Redaktion.

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Feminismus
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